ZAPP
Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.
Wiederholung der Sendung
02.03.2012 02:30 Uhr
Ja, es gibt Rechtradikale in Deutschland. Und ja, es gibt auch Zeitschriften mit rechten Inhalten. Damit muss eine Demokratie klarkommen und das gehört auch zur Pressefreiheit. Aber ob man als eines der führenden Verlagshäuser in Deutschland unbedingt dafür sorgen muss, dass rechte Blätter auch an den geneigten Leser gelangen, ist dann doch fragwürdig. ZAPP über die unrühmliche Rolle der Bauer-Verlagsgruppe.
Ein Film von Daniel Bröckerhoff und Tina Schober.
Deutschland den Deutschen, Ausländer raus. Nicht nur auf der Straße propagieren Rechtsextreme ihre Weltsicht. "Zuerst!" heißt das Monatsmagazin der Kieler Verlagsgruppe "Lesen und Schenken GmbH". Seit zwei Jahren richtet sich das Blatt an Leser mit "deutschen Interessen". Im Heft wird Stimmung vor allem gegen Homosexuelle und Ausländer gemacht. Fremdenfeindlich beklagt die Redaktion zu viele "Immis", Immigranten, auf der Mattscheibe (11/2011), darunter ein Foto des NDR Moderators Jared Dibaba. Sinti und Roma verunglimpfen die Macher als "Zigeuner" und als "Fachkräfte für Verwahrlosung" (07/2011). Unter der Überschrift "Selbst Gott würde kotzen" (07/2011) hetzt das Blatt gegen "die Verschwuchtelung des deutschen Protestantismus". Das Ziel ist klar: "Ja, ich will dabei sein, wenn die geistige Elite unseres Volkes sich unsere nationalen Rechte zurückholt", so wirbt der Verlagskatalog Abonnenten.
Doch "Zuerst!" kann man nicht nur bestellen, das Heft gibt es auch am Kiosk. Möglich macht das der Bauer-Verlag. Seine Tochtergesellschaft, die Verlagsunion, organisiert den Vertrieb von "Zuerst!". Mitarbeiter des Bauer-Verlags waren darüber von Beginn an entsetzt, forderten in einem offenen Brief den Stopp des Vertriebs.
Anton Same, ehemaliger Konzernbetriebsrat Bauer Media, erzählt: "Wir haben uns damals innerhalb des Konzernbetriebsrats im Dezember 2009 damit befasst und sind ziemlich zu einer einheitlichen Meinung gekommen, dass dieses Produkt nicht in einem demokratischen Verlag, durch einen demokratischen Verlag vertrieben werden sollte, auch aus Respekt vor unseren ausländischen Kollegen." Doch die Verlagsleitung ignoriert diesen ersten Brief.
Der Verfassungsschutz Schleswig-Holstein hat den Verlag "Lesen und Schenken" im Visier. Die Verfassungsschützer berichten 2009, dass der Verlagschef in einem Interview "seine offenkundig rechtsextremistischen Standpunkte" erkennen lässt. Für die Mitarbeitervertretung ein Skandal. Sie fürchtet um das Image des Verlages und um ihren guten Ruf.
Anton Same: "Die Mitarbeiter schämen sich dafür, dass man so eine Geschäftsbeziehung hat, und sie schämen sich auch deshalb, weil sie befürchten mit dieser Geschäftsverbindung in Verbindung gebracht zu werden, auch mit diesen Objekt in Verbindung gebracht zu werden."
Warum Bauer an dem Vertrieb weiter festhält, erfährt der Konzernbetriebsrat nicht. Für die rechtsextreme Zeitschrift "Zuerst!" ist der Deal mit der Bauer-Tochter Verlagsunion ein Gewinn.
Johannes Ludwig, Professor für Medienökonomie, erklärt: "So ein eingespieltes Vertriebsnetz eines großen Verlages ist da natürlich ausgesprochen hilfreich. Da käme so ein kleiner Verlag gar nicht an die Kundschaft ran, die er da vielleicht im Auge hat, auch wenn die zahlenmäßig relativ gering ist."
Denn die Macher der "Zuerst!" träumen von einer Gegenoffensive zu etablierten Magazinen wie "Spiegel", "Stern" oder "Focus". Der Verleger Dietmar Munier formuliert von Beginn an große Ziele: "Es ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, dass sich aus einem Magazin dieser Art, das erfolgreich ist, sich dann auch ein Stimmungswechsel ergibt, der dann es begünstigt, dass sich rechts von der Union irgendwann in den nächsten Jahren irgendwie auch eine politische Bewegung etabliert." (2010)
Tatsächlich sind es nur wenige Tausend Hefte, die monatlich verkauft werden. Umso größer das Unverständnis vieler Bauer-Mitarbeiter. Sie machen ihrem Ärger erneut Luft in einem zweiten offenen Brief im Sommer 2010: "Wir möchten nicht daran teilhaben, dass letztlich mit unserer Unterstützung Geschichtsverklitterung und Deutschtümelei unter dem Deckmantel des seriösen Journalismus betrieben wird."
Auch darauf gab es keine Antwort an die Mitarbeitervertretung.
Johannes Ludwig: "Beim Bauer-Verlag kann man sagen, dass es leider bei ihm normal ist. Der Bauer-Verlag versteht sich nicht besonders mit Gewerkschaften. Der Bauer-Verlag hat eine sehr eigenwillige Unternehmensphilosophie. Dazu gehört das Wohl oder das Mitdenken von seinen Mitarbeitern leider nicht dazu."
Vom amtierenden Konzernbetriebsrat möchte derzeit niemand mit ZAPP vor der Kamera sprechen. Der ehemalige Mitarbeiter Anton Same vermutet Druck von oben: "Da gibt es eine ganze Reihe Kollegen, die das erfahren haben in der Vergangenheit. Das ist nun mal so und das kann der Grund sein, weshalb jetzt aus dem aktiven Betriebsrätekreisen dort die Menschen dazu nicht unbedingt etwas dazu aussagen wollen."
Die Verlagsleitung lehnte ein Interview mit ZAPP ab. Auch schriftlich wollte sich Bauer zunächst nicht äußern. Erst heute am späten Nachmittag doch noch ein Statement. Hierin beruft sich der Verlag auf "die Pressefreiheit." So hatte sich Konzernleitungsmitglied Andreas Schoo jetzt auch gegenüber den Mitarbeitern gerechtfertigt. Endlich, nach einem dritten offenen Brief: "Pressefreiheit soll Meinungsfreiheit im Rahmen der geltenden Gesetze ermöglichen und deckt das volle politische Spektrum ab."
Aber wie Johannes Ludwig meint: "Der Bauer-Verlag muss es nicht machen. Pressefreiheit heißt nämlich auch, dass jeder private, egal Journalist oder Drucker, das womit er nicht einverstanden ist weder drucken, noch schreiben, noch vertreiben muss."
Anton Same: "Das Blatt ist nicht verboten und von daher ist das also ok, dass ich das vertreibe. Ja, das kann sein, rechtlich ist das sicherlich ok, moralisch finde ich das nicht."