Zeitungsmonopol: Kritisierte Berichte der "MAZ"

Die Pressefreiheit ist in Gefahr. In Deutschland. Glauben Sie nicht? Im brandenburgischen Zossen jedenfalls waren deswegen jede Menge Menschen auf der Straße. Aber nicht, weil Journalisten dort etwa unterdrückt oder in ihrer Arbeit behindert werden. Ganz im Gegenteil, weil Journalisten dort ihre Arbeit anscheinend nicht tun. Nämlich kritisch und unabhängig zu berichten.

Ein Film von Maik Gizinski.

Auf den ersten Blick könnte man das für eine Posse halten: Mitten in Brandenburg protestieren Bürger gegen ihre Tageszeitung und "für eine kritische Presse". Der Redner Georg von Eichborn von der "Initiative für Demokratie und Pressefreiheit" meint: "Die MAZ, die Märkische Allgemeine, gehört an den Prager, weil sie die Pressefreiheit in Verruf gebracht hat."

Und noch etwas ist beachtlich: Die Gründer der Initiative für Demokratie und Pressefreiheit demonstrieren Auge in Auge mit denen, gegen die sich der Protest richtet.

Die Bürgermeisterin von Zossen, Michaela Schreiber, meint: "Jeder kann natürlich in diese Stadt kommen, kann dort interviewen und Fragen stellen, bekommt Antworten. Und ich denke, das gilt für die sämtliche Presse aus dem ganzen Bundesgebiet. Also, ich mache mir keine Sorgen um die Pressefreiheit hier in der Stadt Zossen."

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Michaela Schreiber, Bürgermeisterin Zossen © NDR
 
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Das Interview mit Michaela Schreiber, Bürgermeisterin von Zossen.

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Klaus-Rüdiger Mai von der "Initiative für Demokratie und Pressefreiheit" sagt: "Wir sehen immer nur die eine Seite der Pressefreiheit, dass Presse sich frei äußern kann, das ist das eine. Aber das andere ist: Presse muss sich auch frei halten von Inanspruchnahme durch Mächtige. Und das gehört genauso dazu."

Presse - das ist in Zossen die Zossener Rundschau, ein Ableger der Märkischen Allgemeinen, das Monopolblatt am Ort. Eine andere Lokalzeitung, die von hier berichtet, gibt es nicht. Überparteilichkeit und Ausgewogenheit sind deshalb umso wichtiger.

Georg von Eichborn: "Und wenn wir dann nicht den haben, auf den wir alle angewiesen sind, wofür wir übrigens auch die Pressefreiheit haben, nämlich den Journalisten, der kritisch und mit der nötigen Distanz zum Rathaus die Dinge beobachtet, hinterfragt, darüber berichtet und entsprechend ordentlich, anständig kommentiert, dann ist es sehr schwierig."

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Georg-Heinrich von Eichborn, Initiative für Demokratie & Pressefreiheit © NDR
 
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Das Interview mit Georg-Heinrich von Eichborn, Initiative für Demokratie & Pressefreiheit.

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Die Vorwürfe richten sich gegen Lokalchef Fred Hasselmann. Es heißt, er sei ein Sprachrohr des Rathauses. Sogar jetzt, mitten im Wahlkampf, immer eng mit Bürgermeisterin Schreiber. Deshalb fordern die Bürger in Zossen: "Schluss mit Hasselmanns Märchenstunde" und "Wir wollen keinen Schreiberling!"

Klagen über einseitige Berichte

Drei Beispiele:

  • Ein Seniorenheim in Zossen: Die alten Menschen versuchen, sich in diesen Tagen Gehör zu verschaffen. Ein neues Feuerwehrhaus soll ihnen direkt vor die Nase gebaut werden. Dorthin, wo sie bis vor kurzem noch spazieren gehen konnten. In der Zeitung liest sich das so: Bürgermeisterin Schreiber steuert stolz einen Bagger, und Lokalchef Hasselmann freut sich über "zerstreute Zweifel" bei den Senioren. Die Gräben: so gut wie zugeschüttet (Zossener Rundschau, 3. September 2011). Die Senioren sind wütend auf diese "Zeitungslüge". Vera Birnstiel, eine Bewohnerin des Seniorenwohnheims, meint: "Weil das einfach nicht der Wahrheit entspricht. Wir, die Bewohner, sind gar nicht damit einverstanden, wie dass hier gehandhabt wird. Vollkommen dagegen. Wir wurden auch nicht gefragt. Das ist eine absolute Lüge."

  • Außerdem gilt Zossen vielen als Hort von Filz und Korruption. Es geht um den Verkauf eines Areals, auf dem ein Einkaufszentrum entstehen soll. Ermittelt wird bereits gegen den Geschäftsführer eines Autohauses und gegen die Bürgermeisterin. Solche Deals öffentlich zu machen: Für die Zeitung Gerüchtejournalismus. Sie warnt lieber vor "unlauteren Wahlkampfmethoden". Berichte über einen Polit-Sumpf seien "nicht hinnehmbar" (Märkische Allgemeine, 05.08.2011).

  • Vergangene Woche dann das große Interview zur Wahl am kommenden Sonntag. Die Märkische Allgemeine befragt die Bürgermeisterin in einem "Kreuzverhör" (Märkische Allgemeine, 01.09.2011). Die harten Fragen: "Was macht Zossen besonders liebenswert?" Und wann holen Sie "die nächstmögliche Landesgartenschau nach Zossen"? Fehler oder Versäumnisse muss Schreiber nicht erklären.

Fairer Lokal-Journalismus?

Kritiker klagen über einseitige Berichterstattung. Dazu meint Michaela Schreiber: "Solche Berichterstattung gibt es nicht. Also, wenn Sie die MAZ lesen, der vergangenen Monate oder auch der vergangene Jahre, dann werden Sie sehen, dass dort keine gefärbte Berichterstattung oder schöngefärbte Berichterstattung für das Rathaus stattfindet, sondern eine sehr umfangreiche und kritische Berichterstattung."

Genau die vermisst aber so mancher Zossener. Sie wünschen sich nicht viel: einen kritischen und fairen Lokal-Journalismus. Der Redaktionsleiter in Zossen, Fred Hasselmann, möchte sich zu den Vorwürfen nicht vor der Kamera äußern. Via Mail teilt Hasselmann mit, das Thema sei ihm "wenige Tage vor der Bürgermeisterwahl viel zu ernst und komplex". (30.08.2011).

So ernst und komplex offenbar, dass über den Kampf für eine kritische Lokalpresse auch nicht jeder berichten kann: Der Artikel über die Kundgebung am nächsten Tag stammt von einem, der sich bestens auskennt mit dem Konflikt: Fred Hasselmann.

Übrigens, der Deutsche Journalistenverband Brandenburg verurteilt die persönliche Herabwürdigung einzelner Journalisten. Und schreibt, jetzt kommt es: "Was leider die fürchterliche Praxis in totalitären Staaten ist, darf sich in Deutschland nicht wieder etablieren." Ja lieber DJV, ist klar, wollen wir mal die Kirche lieber im Dorf lassen, nicht wahr?

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07.09.2011 | 23:20 Uhr

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Märkische Allgemeine Zeitung vom 03.09.2011.

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Artikel der Märkischen Zeitung vom 01.09.11.

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