Das Interview mit Michaela Schreiber, Bürgermeisterin von Zossen.
Video starten (03:28 min)Die Pressefreiheit ist in Gefahr. In Deutschland. Glauben Sie nicht? Im brandenburgischen Zossen jedenfalls waren deswegen jede Menge Menschen auf der Straße. Aber nicht, weil Journalisten dort etwa unterdrückt oder in ihrer Arbeit behindert werden. Ganz im Gegenteil, weil Journalisten dort ihre Arbeit anscheinend nicht tun. Nämlich kritisch und unabhängig zu berichten.
Ein Film von Maik Gizinski.
Auf den ersten Blick könnte man das für eine Posse halten: Mitten in Brandenburg protestieren Bürger gegen ihre Tageszeitung und "für eine kritische Presse". Der Redner Georg von Eichborn von der "Initiative für Demokratie und Pressefreiheit" meint: "Die MAZ, die Märkische Allgemeine, gehört an den Prager, weil sie die Pressefreiheit in Verruf gebracht hat."
Und noch etwas ist beachtlich: Die Gründer der Initiative für Demokratie und Pressefreiheit demonstrieren Auge in Auge mit denen, gegen die sich der Protest richtet.
Die Bürgermeisterin von Zossen, Michaela Schreiber, meint: "Jeder kann natürlich in diese Stadt kommen, kann dort interviewen und Fragen stellen, bekommt Antworten. Und ich denke, das gilt für die sämtliche Presse aus dem ganzen Bundesgebiet. Also, ich mache mir keine Sorgen um die Pressefreiheit hier in der Stadt Zossen."
Klaus-Rüdiger Mai von der "Initiative für Demokratie und Pressefreiheit" sagt: "Wir sehen immer nur die eine Seite der Pressefreiheit, dass Presse sich frei äußern kann, das ist das eine. Aber das andere ist: Presse muss sich auch frei halten von Inanspruchnahme durch Mächtige. Und das gehört genauso dazu."
Presse - das ist in Zossen die Zossener Rundschau, ein Ableger der Märkischen Allgemeinen, das Monopolblatt am Ort. Eine andere Lokalzeitung, die von hier berichtet, gibt es nicht. Überparteilichkeit und Ausgewogenheit sind deshalb umso wichtiger.
Georg von Eichborn: "Und wenn wir dann nicht den haben, auf den wir alle angewiesen sind, wofür wir übrigens auch die Pressefreiheit haben, nämlich den Journalisten, der kritisch und mit der nötigen Distanz zum Rathaus die Dinge beobachtet, hinterfragt, darüber berichtet und entsprechend ordentlich, anständig kommentiert, dann ist es sehr schwierig."
Die Vorwürfe richten sich gegen Lokalchef Fred Hasselmann. Es heißt, er sei ein Sprachrohr des Rathauses. Sogar jetzt, mitten im Wahlkampf, immer eng mit Bürgermeisterin Schreiber. Deshalb fordern die Bürger in Zossen: "Schluss mit Hasselmanns Märchenstunde" und "Wir wollen keinen Schreiberling!"
Drei Beispiele:
Kritiker klagen über einseitige Berichterstattung. Dazu meint Michaela Schreiber: "Solche Berichterstattung gibt es nicht. Also, wenn Sie die MAZ lesen, der vergangenen Monate oder auch der vergangene Jahre, dann werden Sie sehen, dass dort keine gefärbte Berichterstattung oder schöngefärbte Berichterstattung für das Rathaus stattfindet, sondern eine sehr umfangreiche und kritische Berichterstattung."
Genau die vermisst aber so mancher Zossener. Sie wünschen sich nicht viel: einen kritischen und fairen Lokal-Journalismus. Der Redaktionsleiter in Zossen, Fred Hasselmann, möchte sich zu den Vorwürfen nicht vor der Kamera äußern. Via Mail teilt Hasselmann mit, das Thema sei ihm "wenige Tage vor der Bürgermeisterwahl viel zu ernst und komplex". (30.08.2011).
So ernst und komplex offenbar, dass über den Kampf für eine kritische Lokalpresse auch nicht jeder berichten kann: Der Artikel über die Kundgebung am nächsten Tag stammt von einem, der sich bestens auskennt mit dem Konflikt: Fred Hasselmann.
Übrigens, der Deutsche Journalistenverband Brandenburg verurteilt die persönliche Herabwürdigung einzelner Journalisten. Und schreibt, jetzt kommt es: "Was leider die fürchterliche Praxis in totalitären Staaten ist, darf sich in Deutschland nicht wieder etablieren." Ja lieber DJV, ist klar, wollen wir mal die Kirche lieber im Dorf lassen, nicht wahr?