Anhaltende Krise - Verleger kleben am Druckpapier
Aus für die "FTD". Insolvenz der "FR" - wer ist der nächste? Was passiert, wenn die Printmedien sterben? Das ist eine existenzielle Frage für den Qualitätsjournalismus. mehr
Für die Zeitungen geht kein so gutes Jahr zu Ende: Krise, schallt es aus allen Ecken. Wir wollen aber einen möglichst vielfältigen Zeitungsmarkt. Man könnte also durchaus auf die Idee kommen, kränkelnde Zeitungen mit Staatsgeld zu unterstützen - Rettungsfonds für den Print sozusagen. Wenn Banken als systemrelevant gelten, warum nicht eigentlich auch die Presse? Undenkbar finden das vor allem Verleger in Deutschland - Staatsgeld für Zeitungen! In Frankreich dagegen sieht man das ganz anders.
Ein Film von Bastian Berbner.
Frankreichs Presse ist vielstimmig. Es gibt sieben überregionale Tageszeitungen. Darunter eine kommunistische und eine konservativ-katholische. Einige wären wohl längst eingestellt, wenn der Staat sie nicht finanziell unterstützen würde. Seit Jahren überweist er Milliarden an die Verlage.
Sylvie Clément-Cuzin, Kultusministerium, erklärt: "Der Staat unterstützt die Zeitungen, vor allem diejenigen, denen es nicht gut geht, um die Meinungsvielfalt zu garantieren. Denn wenn die Schwachen verschwinden und nur die Starken übrig bleiben, ist es vorbei mit Pluralismus."
Zu den ökonomisch Schwachen gehören auch in Frankreich die Qualitätszeitungen. Ihre Umsätze sinken. Aber der Staat ist großzügig, mit ein Dutzend verschiedenen Subventionen. Verlage zahlen kaum Umsatzsteuer, 2,1 Prozent statt 19,6. Der teure Vertrieb wird bezuschusst. Und es fließt auch direkt Geld an die Verlage, vor allem an die Tageszeitungen. Zehn Prozent ihrer Einnahmen kommen aus der Staatskasse. 2010 sind es bei Le Monde: 17 Millionen. Le Parisien: Ebenfalls 17 Millionen. Libération: 14. Und beim Figaro: 13 Millionen. Insgesamt kostet das den französischen Steuerzahler 1,2 Milliarden Euro jährlich.
"Wenn sie die Hilfen jetzt abschaffen würden, dann verschwinden auf einmal um die zehn Zeitungen. Das würde bedeuten, dass viele arbeitslos würden und vor allem, dass einige Meinungen aus der Öffentlichkeit verschwinden würden.", meint der Herausgeber vom "Le Nouvel Observateur", Laurent Joffrin.
Das Überleben der französischen Zeitungen ist abhängig von der Regierung. Was bedeutet das für die redaktionelle Unabhängigkeit? Die Presse in Frankreich gilt als zahm. Kritiker vermuten: Subventionen vom Staat bedeuten auch politischen Einfluss auf den Journalismus.
"Nein. Das stimmt nicht.", meint Laurent Joffrin, "Es gibt keine Beweise dafür. Der Staat hat genaue Kriterien definiert für seine Hilfen. Und ich habe noch nie erlebt, dass irgendwer interveniert hat, um Einfluss auf den Inhalt zu nehmen."
Dennoch kommen die kritischsten Artikel im Land mittlerweile von "Mediapart", einer Website für investigativen Journalismus, die keine direkten Hilfen annimmt. Chefredakteur Edwy Plenel kämpft gegen die Staatsfinanzierung, sieht darin eine Gefahr von Klientelismus zwischen Journalisten und Politik.
Der Chefredakteur von "Mediapart.fr" Edwy Plenel meint: "Die journalistische Unabhängigkeit ist eine Kultur. Da muss niemand auf einen Knopf drücken, um eine Anweisung zu geben. Der Journalismus in Frankreich ist wie ein verschmutztes Meer, so verschmutzt, dass es schwer ist darin zu schwimmen. Man muss das Meer säubern. Denn je mehr man es verschmutzt mit solchen Interessenskonflikten, desto weniger kritisch wird der Journalismus."
Für die meisten französischen Zeitungsverlage ist das Idealismus, den man sich nicht mehr leisten kann. Letztes Jahr wurden zwei überregionale Titel eingestellt. Trotz Staatshilfen. Die Verlage sagen: Wenn die Zeitungen nicht weiter an Qualität verlieren oder direkt schließen sollen, brauchen sie das Staatsgeld. Und mehr noch: Es soll ihnen helfen zukunftsfähig zu werden.
Laurent Joffrin: "In einer perfekten Welt müsste man die Hilfen senken. Aber wir befinden uns mitten in einer Zeitungskrise. Wir brauchen das Geld, um auf die Herausforderungen der Digitalisierung zu reagieren. Das ist die Philosophie der Staatshilfen. Investieren, um den Journalismus im Internet geschäftsfähig zu machen."
Die unterstützten Zeitungen probieren im Internet zwar viel aus, ein tragfähiges Geschäftsmodell ist daraus aber noch nicht entstanden, obwohl sie seit Jahren zusätzliches Geld für Digitalprojekte bekommen. "Mediapart" hingegen ist mit seinem Online-Abo-Modell rentabel. Ganz ohne Staatshilfe.
Edwy Plenel, Chefredakteur "Mediapart.fr", deutsche Übersetzung: "Die direkten Subventionen haben die Verlage an eine ungesunde Situation gewöhnt. Sie bekommen Geld vom Staat und ruhen sich ein bisschen darauf aus. Sie vergessen, Inhalt zu schaffen, der wirklich attraktiv ist. Das ist das einzig wichtige. Unser Journalismus muss so interessant sein, dass der Leser ihn kaufen will."
Sylvie Clément-Cuzin, Kultusministerium, deutsche Übersetzung: "Bei MediaPart funktioniert das auch ohne Geld von uns. Aber darüber hinaus haben wir ein vielfältiges Online-Angebote in Frankreich, das es teilweise nur gibt, weil der Staat es mitfinanziert."
Die Subventionen, gedacht als Finanzspritze für neue Investitionen der Verlage, sind mittlerweile eher lebensverlängernde Maßnahmen geworden. Frankreichs Zeitungen geht es trotzdem schlecht. Und sie haben sich finanziell abhängig gemacht von einem Staat, dessen Kassen leer sind. Der sich die Frage stellen muss, wie lang er es sich überhaupt leisten kann, so viel Geld in die Zeitungsbranche zu stecken.
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