Anhaltende Krise - Verleger kleben am Druckpapier

Es gibt ein Wort, das man derzeit auf keinen Fall laut aussprechen soll: Zeitungssterben. Das mahnt der Deutsche Journalisten Verband (DJV) an. Nicht dass wir uns noch die ganze Branche totreden, nur weil "Frankfurter Rundschau" und "Financial Times Deutschland" gerade über den Jordan gehen. Ob der DJV nun will oder nicht, das Thema ist in aller Munde. Denn natürlich macht man sich Sorgen, wie es denn so weitergeht mit den Tageszeitungen.

ZAPP - Autor/in: Bastian Berbner, Sinje Stadtlich

Ein Film von Bastian Berbner und Sinje Stadtlich.

Zwei Drittel der Deutschen lesen täglich Zeitung. Immer noch verdienen die Verlage ihr Geld hauptsächlich mit bedrucktem Papier. Aber das ändert sich. Smartphones und Tablets verdrängen das Papier. Auch die großen überregionalen Marken werden irgendwann wohl nicht mehr jeden Tag gedruckt erscheinen, oder nur in viel geringerer Auflage. Auch für die "Süddeutsche Zeitung", die "Frankfurter Allgemeine" und die "Welt" geht es bei diesem Wandel um ihre Existenz.

"Too big to fail gibt’s nicht bei Zeitungen", meint Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien der "NZZ", "sondern wenn irgendwann das nicht mehr stimmt, wenn man den Nutzen für die Leser nicht mehr ausreichend bringt oder halt den Nutzen für den Werbemarkt, dann kann's grundsätzlich eigentlich jeden Titel treffen."

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Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien "NZZ" © NDR
 
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Peter Hogenkamp. Leiter Digitale Medien "NZZ"

"Man kann nicht, nur weil man sich nicht vorstellen kann, dass es 'ne Welt ohne die heutigen großen Tageszeitungen gebe, davon ausgehen, dass das auch wirklich nicht eintritt." (Stand 20.11.2012)

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Nach wie vor liefern die Zeitungen hochwertigen Journalismus. Dennoch sinken ihre Auflagen seit Jahren. Die FAZ hat seit 2002 von etwa 400.000 auf 350.000 abgebaut. Auch bei der Süddeutschen Zeitung ein deutlicher Rückgang. Genau so geht es der Welt. Sogar die traditionell auflagenstarke BILD Zeitung verliert 1,5 Millionen.

Medienberater Peter Littger meint: "Das Problem an den überregionalen Titeln ist mehrfach. Erstens, dass sie täglich mit sehr hohen Kosten erscheinen, für Druck, Vertrieb und am Ende auch wieder das Einsammeln der nicht verkauften Exemplare, gleichzeitig aber häufig mit sehr wenig Werbung, also sehr wenig Refinanzierung. Der Kostendruck ist einfach extrem groß."

Die Umsatzzahlen sinken, der Druck steigt

Und dieser Druck steigt. Tatsächlich sind die Werbeumsätze aller Tageszeitungen seit 2.000 um fast die Hälfte eingebrochen. Der ehemalige Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" Werner Kilz erzählt: "Wir haben mit Sicherheit alle unterschätzt die Vehemenz mit der diese Umsatzeinbußen über uns rein brechen. Am Anfang haben wir alle gedacht, so 2001, das hängt an Nine Eleven. Und dann hieß es immer, konjunkturelle Dellen, das geht immer so in Wellenbewegungen. Das war immer so, geht auch jetzt noch. Nur es kommt einfach, die Umsätze kommen nicht mehr zurück."

Zu befürchten ist folgende Abwärtsspirale: Wenn die Auflage sinkt, schaltet die Werbewirtschaft weniger Anzeigen. Das bedeutet weniger Einnahmen. Die Verlage reagieren und sparen auch in den Redaktionen. Dadurch nimmt die Qualität der Zeitungen ab. Das bedeutet weniger Leser. Und die Auflage sinkt weiter. Seit Jahren diskutieren Verleger über das Problem wie hier vergangene Woche in München. Immer wieder der Hinweis auf das Digitalgeschäft. Die Vertreter der Zeitungsverlage klammern sich daran, dass online die Leserzahlen wachsen.

Hans-Joachim Fuhrmann vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger: "Wie wir das monetarisieren können, wie das so schön heißt, wie wir damit Geld machen können? Das muss uns jetzt noch einfallen. Aber nochmal: Damit stehen wir ja nicht alleine in diesem Internet.

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Hans-Joachim Fuhrmann, Mitglied der Geschäftsleitung Bundesverbandes der Zeitungsverleger e.V. © NDR
 
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Hans-Joachim Fuhrmann, Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger

"Das Patentrezept [...] gibt es nicht. Da müssen wir experimentieren. Vor allem müssen wir die Menschen dran gwöhnen, dass Qualität ihren Preis hat."

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ZAPP: Das Problem ist, dass das am Ende ein schwacher Trost ist ja am Ende, weil es muss sich halt rechnen, sonst wird es am Ende diese Zeitungen und vielleicht auch diese Marken nicht mehr geben.

Fuhrmann: "Ja, aber daran wollen wir jetzt erst mal gar nicht denken, brauchen wir auch nicht zu denken. Weil unsere klassischen Geschäftsmodelle funktionieren noch."

Peter Hogenkamp ist anderer Meinung: "Man kann ja auch heute immer noch die Ergebnisse anschauen und sagen, guck mal hier. 90 Prozent unserer heutigen Erträge, unseres Gewinns und so weiter kommen noch von Print. Die Realitätsverleugnung setzt halt da an, wo man die Trends, die mittlerweile meiner Meinung nach völlig eindeutig sind, einfach nicht erkennen kann oder will."

Die Branche bräuchte Mut zum Experimentieren. Mut zu neuen Geschäftsmodellen. "Ich erlebe in  zum Beispiel beiden großen Häusern – Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung – eine sehr starke wenn man so will Verantwortungsethik, die man fast als öffentlich-rechtliche Grundhaltung bezeichnen kann, soweit gehend, dass ich der Auffassung bin, dass dort eine Produktveränderung gar nicht geduldet würde, weil man den Eindruck hätte man würde die DNA der Bundesrepublik verändern.", meint Peter Littger.

Tragfähige Geschäftsmodelle im Netz gibt es bei den überregionalen Tageszeitungen nicht. Ihre Online-Auftritte werden weitgehend quersubventioniert von den noch profitablen Blättern. Was, wenn die das nicht mehr können?  Littger: "Wahrscheinlich muss es soweit kommen, dass das Modell gegen die Wand fährt. Die Kostenstruktur ist zu groß und wie eben der Fall FTD zeigt, die Kürzung dieser Kosten kann das Produkt letztendlich nicht optimieren."

Erste Versuche mit Paid Content

Radikale neue Strategien sind gefragt. Eine Möglichkeit: Kostenpflichtige Inhalte auch im Netz. Die Neue Züricher Zeitung arbeitet seit zwei Jahren an einer solchen Paywall. Auch in Deutschland gibt es erste Versuche. Springer geht voran. Die Welt soll ab Januar online Geld kosten, die Bild ab Sommer. Auch FAZ und Süddeutsche denken darüber nach.

Hans Werner Kilz: "Die Qualität des Journalismus ist das Entscheidende, Recherchen kosten Geld, gute Leute kosten Geld, sie brauchen in den Redaktion viele Leute mit Sachverstand. Die können Sie nur finanzieren, wenn die, die das konsumieren, auch bereit sind, dafür was hinzulegen."

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Hans Werner Kilz, ehemaliger Chefredakteur "Süddeutsche Zeitung" © NDR
 
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Hans Werner Kilz, ehem. Chefredakteur der "SZ"

"Sie können Umsatzeinbußen durch Anzeigen nicht dadurch auffangen, dass sie die Redaktion kahlschlagen. [...] Da macht die Zeitung sich selbst entbehrlich."

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Hans-Joachim Fuhrmann: "Es ist der einzige Weg den wir gehen können. Wir haben gelernt, dass ein werbefinanziertes Internet nicht refinanziert. Das funktioniert einfach nicht. Die Bezahlkultur im Netz, die Bezahlkultur in der digitalen Welt muss uns gelingen, ansonsten wird diese Branche wirklich in eine große Krise reinkommen."

Eine zweite Strategie, die zum Beispiel Spiegel Online vertritt: Kostenlose Inhalte so attraktiv machen, dass sich die Webseiten allein über Werbung finanzieren können. Spiegel online verdient damit Geld, die meisten Anderen aber nicht.

Hogenkamp erklärt: "Es gibt noch eine dritte Schule, wo man sagen könnte, wir setzen vor allem auf Nebengeschäfte, also wir setzen vor allen Dingen auf e-commerce, auf classifieds oder was auch immer, und versuchen eigentlich mit publizistikfremden Erträgen die Zeitungen dann hinterher querzusubventionieren. Das kann aber auch auf Dauer nicht funktionieren und das ist auch ein Armutszeugnis eigentlich, wenn man sagt, unsere Journalisten können nicht von dem leben, was sie schreiben, sondern die müssen irgendwie noch nebenbei noch Hundefutter verkaufen müssen wir noch die Journalisten finanzieren. Das kann's eigentlich nicht sein."

Drei Modelle. Paywall, Kostenlos-Inhalte, Quersubventionierung durch andere Geschäftsfelder. Welches davon funktioniert oder ob überhaupt eins funktioniert, weiß niemand. Aber wenn die Verlage es nicht ausprobieren, werden sie sich wohl irgendwann einer ganz anderen Diskussion stellen müssen.

Peter Littger: "Insofern müssen wir uns wahrscheinlich darüber unterhalten in Zukunft, ob wir Recherche durch einen nationalen Fonds, eben auch eine Form von Gebühren, einen Anteil an den Gebühren oder andere Formen von Unterstützung, ich will das Wort Subvention vermeiden, finanzieren." Für die Verlage ist diese Vorstellung ein Albtraum.  Sie fürchten um ihre Unabhängigkeit und warnen vor einer Staatspresse. Dabei können sie selbst verhindern, dass es soweit kommt. Wenn sie jetzt investieren. Wenn nicht, droht ihnen tatsächlich das Aus.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 28.11.2012 | 23:20 Uhr

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Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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Ausgabe der "Financial Times Deutschland" im Verkaufsständer eines Zeitschriftenladens in Hamburg. © dpa Fotograf: Christian Charisius
 
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