Sprachpapst Wolf Schneider
Mineralwasserklar und messerscharf - so loben ihn Schüler bis heute.
Video starten (06:07 min)Hunderte Journalisten sind durch seine Schule gegangen und genau so viele hat er offen und ehrlich kritisiert. Nicht selten jenseits der Schmerzgrenze. Wolf Schneider, ehemaliger Leiter der Henri-Nannen-Schule ist die graue Eminenz des Richtigschreibens. Bis heute weiß er es besser. Und bekam unter anderem dafür jetzt den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk.
Wolf Schneider hat Generationen von Journalisten geprägt. Seine Schüler sind heute Chefredakteure, Autoren, Fernsehgesichter. Schneider hat sie gequält, höflich und milde lächelnd.
Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur „: "Ich bin nicht sein Schüler, aber ich kenne eine ganze Reihe Kollegen, die heute noch die Angst in den Knochen haben."
Peter Kloeppel, Chefredakteur RTL: "Er war ein guter Lehrer, auch wenn er mich manchmal schwer genervt hat."
Simone Buchholz, freie Autorin: "Ja, der kann einem schon weh tun."
Schneiders Devise: Qualität kommt von Qual. Und niemand, der spricht und schreibt, ist vor seinem Urteil sicher. In Büchern und im Internet kriegen sie ihr Fett weg, alle:
"Liebe Deutschlehrer. Klar verständliches, schön lesbares Deutsch sollten Sie lehren. [...] Die Meteorologen könnten im Sommer ja mal Regen ankündigen, aber sie müssen natürlich von Niederschlägen sprechen, zwei Silben mehr. [...] Was heißt, zur Anzeige bringen? Es ist geblähtes Beamtendeutsch für anzeigen." (Sueddeutsche.de).
Und solche Blähungen regen Wolf Schneider auf, schon früher in seiner Zeit beim Stern oder der Süddeutschen Zeitung. Heute arbeitet er daheim. 28 Sachbücher hat er verfasst, etliche davon über korrektes Deutsch.
Peter-Matthias Gaede, "GEO"-Chefredakteur und aus dem ersten Jahrgang der Henri-Nannen-Schule, erzählt: "Er hasste Autoren, die vierlagiges Klopapier benutzten und auch so schrieben, so soft, so schmierig. Er war ein Fundamentalist. Ein Qualitätsfundamentalist, was Orthografie, Rechtschreibung, Grammatik betraf. Und wir mussten uns da erst mal dran gewöhnen."
Wolf Schneider: "Man soll saubere Texte, sauber recherchiert, in sauberer Sprache auf die Minute, auf die Zeile liefern. Und dass einer deutschen Studentengeneration einzutrichtern, wäre mit Nettigkeit nicht möglich gewesen."
1979 begann der erste Jahrgang an der heutigen Henri-Nannen Schule in Hamburg. Schneider war Chef der Schule. Bis heute triezt er als Dozent seine Eleven: Pünktlichkeit, Präzision, kein Geschwurbel. Und wer nicht spurt, der spürt, nachzulesen in seinen Bemerkungen zu Texten: "Madame, das ist ein Hammer! So was im Praktikum, und Sie sind geliefert." [...] "Welch traurige Ballade! In der Nachricht völlig verfehlt!" [...] "Sie schwadronieren, dass es einer Sau graust."
Pater-Matthias Gaede: "Seine Kommentare waren hammerhart. Das ist ja legendär: Seine Bähs und Scheiße-Kommentare am Rande unserer Manuskripte, seine vielfarbigen Möglichkeiten, unsere Texte zu vernichten."
Wolf Schneider: "Dass ich eine gewisse Abstrahlung von Arroganz habe, habe ich so mit 17, 18 Jahren zu meiner Verwunderung erfahren. Als ich zur NDR Talk Show eingeladen wurde, sagte man mir auch nach zwei Sendungen, seien Sie doch nicht so arrogant. Und ich sagte: Ich kann das nicht, ich weiß nicht wie man das macht, nicht arrogant sein."
Arrogant und unbequem, so moderierte Schneider neun Jahre lang die NDR Talk Show. Wer ihm da gegenüber saß, war völlig egal. Prominente, Politiker: Schneider fuhr allen in die Parade:
Gerhard Schröder: "Und ich habe jetzt erleben können, dass das geholfen hat. Man kann über diese Dinge, lassen Sie mal. Man kann über diese Dinge..."
Wolf Schneider: "Ich möchte ihnen widersprechen. Ich möchte Ihnen widersprechen."
Gerhard Schröder: "Ja, widersprechen Sie." (05.06.1987).
Oswald Kolle: "Ich habe 14 Bücher geschrieben, die können Sie nachlesen."
Wolf Schneider: "Und das möchte ich nicht, nein."
Talkshow-Gast: "Ja, gut, das ist Ihre Sache. Wenn Sie nicht lesen können, müssen Sie es lassen." (10.04.1987).
Und wehe, jemand klaut ihm, Wolf Schneider, die Unterlagen. Und damit die Show:
André Heller: "Ist ja wurscht, ich hab Sie ja lieb, ich find es ja komisch."
Wolf Schneider: "Herr Heller hat mir das Ding geklaut, er hat es mir geklaut. Er hat mir keine Gelegenheit gegeben, diejenige Art von Vorhalt vorzunehmen, die ich für angemessen gefunden hätte. Das ist meine!"
Schneider lässt sich eben das Zepter nur ungern aus der Hand nehmen.
Wolf Schneider: "Darf ein Moderator auch mal was sagen? Darf ein Moderator auch mal was sagen? Darf ein Moderator auch mal was sagen? Darf ein Moderator auch mal was sagen? Darf ein Moderator auch mal was sagen?" (05.06.1987).
Etwas sagen, reden, vor allem: sich reden hören. Das ist typisch Schneider. Für kurze Interviews ist er nicht zu haben. Schneider macht es nur lang. Seine Kollegen laden ihn gerne zum Talk und er geht gerne mit ihnen ins Gericht.
Wolf Schneider: "Recherchieren finde ich im Übrigen entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil nicht mal das Wichtigste, sondern das Allerwichtigste ist Misstrauen. Man darf zum Beispiel auf die Schweinegrippe nicht hereinfallen. [...] Ich verachte all die Tausende von Journalistenkollegen, die diesen Unfug mitgemacht haben, sogar noch ohne von der Pharmaindustrie bestochen worden zu sein, einfach aus Dämlichkeit."
Heute ist Schneider 86. Er liefert immer noch Texte an große Magazine und damit an seine einstigen Schüler. Verkehrte Verhältnisse: Nun ist Schneider der Autor. Und manch alter Schüler sein Chef.
Pater-Matthias Gaede: Ich wagte es, einen Text von ihm nicht gut zu finden. Daran ist Wolf Schneider nicht so richtig gewöhnt. Und das hat auch dazu geführt, dass er den Kontakt zu mir auf ein notwendiges Minimum reduziert hat. Ich habe es schon mal zitiert, ein netter Brief von ihm war: 'Ach, Herr Gaede, belassen wir es doch einfach bei lebenslangem Hass aufeinander.' Ein typischer Schneider."
Lebenslanger Hass: Schneider ist eben ein Freund klarer Worte und dafür ehrt ihn eine ganze Branche, mit dem Preis fürs Lebenswerk.
Moderator: "Herzlichen Glückwunsch zum Henri Nannen Preis, lieber Herr Schneider."
Wolf Schneider: Dankeschön."
Mariette Slomka, Moderatorin "heute journal" (ZDF): "Dann ist das wirklich wie so ein lebendes Denkmal, was plötzlich vor einem steht, und man denkt so, hach, schön, dass Du den Mann noch wirklich erlebt hast."
Hans Werner Kilz, ehem. Chefredakteur "Süddeutsche Zeitung" und "Der Spiegel: "Ich schätze seine unerbittliche Konsequenz, was deutsche Sprache angeht."
Holger Radloff, Chefredakteur der Zeitschrift "Flora Garten": "Hätte ich in meiner Schulzeit jemals ein Manuskript, eine Arbeit so redigiert bekommen, ich glaube, einiges wäre besser gelaufen."
Wolf Schneider: "Herzlichen Dank, ich bin überwältigt. Ich bin natürlich auch sehr stolz, diesen Preis bekommen zu haben. Er trifft auch nicht den völlig Falschen."