Das Interview mit Michael Ringel
Die Langversion des Interviews mit dem Satire-Redaktuer der "taz".
Video starten (09:05 min)Die Juli- Ausgabe der Satirezeitschrift "Titanic" hat das Sommerloch gestopft. Der Papst persönlich ist gegen den Titel vorgegangen. Das ist einmalig in der deutschen Pressegeschichte und auch nicht für alle verständlich. Denn scharfe Satire gegen den Papst beziehungsweise die katholische Kirche hat es auch schon in der Vergangenheit gegeben, doch offensichtlich haben die Nerven im Vatikan selten so blank gelegen wie jetzt.
Ein Film von Sinje Stadtlich.
Halleluja. Der Papst mit mehr oder weniger eindeutigen Flecken auf der Soutane. Diese Fotomontage darf die "Titanic" im Original nicht mehr verbreiten, laut einer einstweiligen Verfügung vom pressekritischen Landgericht Hamburg. Deswegen gibt es auf der "Titanic"-Website eine neue Montage: Der Papst feiert das Ende der Vatileaks-Affäre - mit Fanta.
Michael Ringel, Satire-Redakteur der "taz": "Also es ist schon etwas Besonderes, weil normalerweise klagt der Papst nicht. Es ist wohl das erste Mal, dass der Papst eine Zeitschrift in Deutschland verklagt. [...] Es zeigt sich, dass der Papst wohl schlechte Berater hat. [...] Denn der Papst kann dabei nicht gewinnen."
In der öffentlichen Wirkung jedenfalls. Juristisch ist der Fall noch nicht abgeschlossen.
Cornelius Renner, Fachanwalt für Medienrecht: "Die juristische Bewertung ist, wie so oft im Presserecht, immer eine schwierige Abwägung zwischen dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen und der Meinungsfreiheit des Presseorgans. In dem Fall vielleicht auch der Kunstfreiheit, weil es sich um Satire handelt. Das Landgericht Hamburg, das die Abbildung verboten hat, ist davon ausgegangen, dass das Persönlichkeitsrecht überwiegt oder sogar die Menschenwürde beeinträchtigt ist."
In Frankfurt bei der "Titanic" können sie ihr Glück kaum fassen. Eine perfekte PR-Vorlage. Möglich gemacht vom Oberhaupt der Katholischen Kirche. Bei Ebay erzielt die Juli-Ausgabe Höchstpreise. Chefredakteur Leo Fischer dachte erst selbst an einen Scherz, als er das Fax einer Bonner Anwaltskanzlei bekam. Ihr Mandant Benedikt der XVI. Und dabei hatten sie bei der "Titanic" im Laufe der Jahre immer wieder gewagte Papst-Titel, aber noch nie eine Klage von ganz oben.
Leo Fischer: "Diese Klage beweist sozusagen, was der Titel unter anderem auch als Interpretation zulässt, nämlich Kontrollverlust. Die Kontrolle im Vatikan ist einfach nicht mehr die, die sie mal war. Seit ein Joseph Ratzinger auch nicht mehr Chef der Inquisition ist, sind da die Zügel offenbar deutlich schlaffer als zuvor."
Satiren über die katholische Kirche provozieren starke Reaktionen. Die "taz" zeigte den Papst im September 2011 als Yoda: "Religionsführer im Bundestag". Klatschreporterin Jasmin von "Extra 3" führte ein gefaketes Interview mit ihm. Beschwerden gegen solche Satiren kommen nicht unbedingt von offizieller Seite, eher von Christen an der Basis. Besonders heftige Kritik löste Klinsmann am Kreuz aus, Ostern 2009 in der "taz". Und rund 200 Beschwerden kamen zum "Titanic"-Titel "Kirche heute". Bei einer Satire auf ZDF Neo meldete sich 2011 sogar die Deutsche Bischofskonferenz zu Wort. Der Bericht sei eine persönliche Herabwürdigung des Papstes. In dem Video hört man den Papst "denken": "Hm 3,8 Tonnen Granufink Prosta, 200.000 Pakete Seniorenwindeln, 694 Liter Haftcreme..."
Michael Ringel: "Der Papst ist der letzte absolutistische Herrscher Europas, er ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, er ist der Mann in den Schuhen des Fischers. Und diesen Mann muss man natürlich auch angreifen können, weil es geht nicht um die Person. Es handelt sich ja nicht um einen bayerischen Dorf-Pfarrer, sondern es handelt sich eben um einen Herrscher, der angegriffen werden muss."
Im aktuellen "Titanic"-Fall zählt der Presserat rund 160 Beschwerden, vor allem von Privatpersonen. Die Deutsche Bischofskonferenz verteidigte vehement die Klage des Vatikans. Ein Sprecher gab direkt danach in verschiedenen Medien Interviews wie im ZDF Morgenmagazin: "Wenn eine Person wie der Papst als inkontinent dargestellt wird, auf der Titelseite des Magazins und auf der Rückseite, ist das inakzeptabel. Hier werden Persönlichkeitsrechte verletzt, das hat nichts mehr mit Satire zu tun." (11.07.2012).
Auf unsere aktuelle ZAPP Anfrage wollte sich die Bischofskonferenz allerdings nicht äußern. Es sei alles gesagt.
Leo Fischer: "Sehr merkwürdig, dass die jetzt Stillschweigen bewahren. Andererseits kann es sein, dass sie sich zum Beispiel in der Wikipedia über den sogenannten Streisand-Effekt informiert haben, wonach die Klage gegen eine satirische Publikation immer eine sehr viel größere Aufmerksamkeit und Sympathien für die satirische Publikation erzeugt und nicht für den Klagenden."
Und die "Titanic" freut sich über eine Berichterstattung in fast allen Medien. Wobei sich einige auch auf die Seite des Vatikans schlagen. Das Titelbild überschreite eine Grenze. Franz Josef Wagner fragt in der "Bild", ob die "Titanic" wohl jemals "einen sich besudelnden Propheten Mohammed auf den Titel gebracht" hätte.
Leo Fischer: "Wir behandeln den Islam, wenn er gerade eine gewisse Geltung beansprucht. Wenn der Islam jemals einen Kirchenstaat in Rom aufrichten wird und dann die Kontrolle über Dokumente verliert, dann werden wir sicherlich ein ähnliches Cover auch mit dem Islam machen."
Die "Titanic" will jedenfalls in die nächsten gerichtlichen Instanzen gehen.
Cornelius Renner: "Wenn die 'Titanic' einen langen Atem hat, das Ganze im Hauptsacheverfahren geklärt haben möchte und sie zum BGH tatsächlich kommt, dann glaube ich, sind die Aussichten hier gar nicht so schlecht, dass man hier sagt, dass die Veröffentlichung deswegen noch zulässig ist: Weil keine falschen Tatsachen behauptet werden, weil noch eine Auseinandersetzung in der Sache damit verbunden ist, und es eben nicht nur um die bloße Schmähung geht, auch wenn natürlich die Frage des guten Geschmacks hier eine völlig andere ist."
Die nächste "Titanic" erscheint am Freitag den 27. Juli. Online will sie Fischer aber erst am darauffolgenden Montag stellen. Denn "auf dem nächsten Titel wird selbstverständlich der Papst zu sehen sein und die gesamte Anmutung des neuen Titels wird sehr dem vorhergehenden Titel entsprechen. Also ich möchte fast von einer Wesensidentität sprechen'."
Arbeitsplätze über alles
Verkaufen ist wichtiger. Und alle machen mit. Auch nachdem die Klage zurückgezogen wurde, gab es soo viel Anlass, die kostümierten Titanic-Leute zu filmen... Grad dieses Motiv ist bei einem älteren... [mehr]
Persönlichkeitsrecht hat hier Vorrang gegenüber der Meinungsfreiheit
Ich bin zwar nicht katholisch, aber die Titanic-Zeitschrift werde ich nie mehr kaufen. [mehr]