Journalismus unter Tarif
Zeitungsmacher gehen gegen Gehaltskürzungen auf die Straße.
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Über den Tarifstreit und die Demonstrationen der Journalisten wird wenig berichtet
Die Gewerkschaften wollen keine Abstriche. Überall in Deutschland kämpfen Journalisten gegen die Verlegerpläne. Denn nicht nur neue Redakteure sollen verzichten, auch Altgediente, auf insgesamt etwa fünf Prozent ihres Gehalts. Redakteure der Neuen Westfälischen in Bielefeld tragen den Protest sogar bis zum ersten Mann im Staat. Bundespräsident Christian Wulff meint am 11 April: "Die inhaltliche Diskussion über Ihre Forderung, die muss geführt werden. Und das ist ja auch einer Gründe, warum ich hier bin, dass man sagt, Zeitungen müssen sich richtig aufstellen, damit sie eine gute Zukunft haben, weil wir brauchen in Deutschland wirklich qualitätsvolle Zeitungen."
Doch die inhaltliche Diskussion wird nicht geführt, zumindest nicht in den Zeitungen. Sie berichten nicht einmal. Vom Protest der Journalisten erfährt deshalb kaum jemand. Es ist ein Tarifstreit unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Stefan Geiger: "Einerseits ist es natürlich schon so, dass wir zurückhaltend sind, über unsere eigenen Dinge zu berichten. Auf der anderen Seite ist es schon so, dass von Seiten der Verlage Einfluss genommen wird, nicht oder wenn dann positiv über die eigenen Häuser zu berichten. Das geht nun nicht mehr. Bei 25 Prozent Minus kann ich nicht positiv über die Verleger berichten, das ist ausgeschlossen."
Zeitungen ohne Tarifverträge
Andere Zeitungen haben längst jeden Tarifvertrag aufgekündigt. Die Kreiszeitung Syke etwa gehört zum Verlag von Dirk Ippen, der fünftgrößten Zeitungsgruppe Deutschlands. Gegen einen Billigtarif für Neueinsteiger haben sie hier schon vor vier Jahren protestiert, vergeblich. Betriebsrat Axel Sonntag erklärt: "Die Verleger fordern die 40-Stunden-Woche: Die ist hier realisiert. Die Verleger fordern eine Gehaltsabsenkung: Die ist hier realisiert. Die Verleger fordern Kürzung des Urlaubsgeldes: Das ist hier realisiert. [...] Vieles von dem, was die fordern, ist hier realisiert. Also diese Summe, die die Gewerkschaften auf 25 Prozent Minus benennen, die haben wir, die gibt es hier, leider."
Axel Sonntag konnte nicht verhindern, dass hier nun fast jeder vierte Redakteur deutlich unter Tarif arbeitet. Immer weniger dieser Kollegen sind bereit, dafür noch Überstunden zu machen, wie es sonst unter Journalisten selbstverständlich ist. Storys im Blatt werden schnell zusammen telefoniert, statt mühsam vor Ort recherchiert.
Axel Sonntag: "Wenn einer hier neu anfangen würde im Verlag, dann würde er rund 2.000 Euro weniger verdienen, als ich derzeit verdiene. Und dass darunter was leidet, das ist ja wohl klar."
Mit den Gewerkschaften haben die Verlagsgeschäftsführer das Modell gar nicht erst verhandelt. Die hier arbeiten, drücken den Kollegen im Arbeitskampf zwar die Daumen. Sie selbst haben diesen Kampf aber längst verloren. Und bundesweit kündigen immer mehr Verleger die Tarifverträge kurzerhand auf.
Manager statt Verleger
Stefan Geiger: "Wir bemerken natürlich schon, dass es früher Verlegerpersönlichkeiten gegeben hat. Das waren manchmal Knörze, das waren Menschen, die schwierig zu nehmen waren, aber das waren Persönlichkeiten, denen der Inhalt der Zeitung wichtig war. Und wir haben es heute mit Managern zu tun, die genauso gut Toilettenpapier verkaufen könnten."
Werner Hundhausen: "Wir müssen die Versprechungen, die wir mit Tarifverträgen quasi formulieren, auch in der Zukunft durch Geschäftsmodelle abgebildet sehen, die verlässlich sind. Und genau das ist die Schwierigkeit, dass alle Verlage in Deutschland keine verlässliche Geschäftsmodellentwicklung vorhersehen können."
Auf den ersten Blick geht es nur um Abstraktes: um Geschäftsmodelle, um Erlösstrategien, um Tarifwerke. Doch tatsächlich geht es um mehr: Es ist es ein Streit, der jeden angeht. Nicht nur die Journalisten.
Teilnehmer der Frankfurter Demonstration meinen:
"Also, es gibt hier bei uns in der Redaktion schon Kollegen, die sagen: 'Dann mach ich nur noch Dienst nach Vorschrift'. Und dann möchte ich mal sehen, wie die Zeitung dann aussieht, ne."
"Vor allem langfristig gesehen wird dann eben immer billiger produzierter Journalismus da sein, was dann eben auch die ganze Gesellschaft beeinflusst."
"Dann bleibt der Qualitätsjournalismus auf der Strecke, der, denke ich, schon ein wichtiger Teil der Demokratie in Deutschland ist."
Die Fronten sind verhärtet. Schon fünf Tarifrunden sind gescheitert, dabei steht einiges auf dem Spiel - nicht nur für Verleger und Journalisten.
Auch die heutige Tarifverhandlung hat übrigens kein Ergebnis gebracht. Sie ist vertagt worden auf den 29. Juni. Bis dahin kündigen die Gewerkschaften weitere Warnstreiks an. Mit anderen Worten, Ihre Zeitung, die ist bis dahin ab und an ein dünnes Ding.