Kampf um Qualität - Journalismus unter Tarif

Bestimmt ist es Ihnen in den letzten Wochen auch aufgefallen: Viele Zeitungen haben weniger Seiten, plötzlich eine andere Reihenfolge oder weniger aktuelle Berichte. Der Grund für die abgespeckten Ausgaben steht dann ab und an wie bei der Süddeutschen klein am Rand: "Warnstreik behindert die Produktion" und dann noch kleiner im Text "sowohl in der Redaktion als auch in der Druckerei legte ein Großteil der Beschäftigten die Arbeit nieder". Ausführlichere Berichte über den Tarifstreit der Branche sucht man allerdings vergeblich in den Zeitungen. Die Verlage haben daran, aus ihrer Sicht verständlich, kein Interesse. Wir schon. Zapp über die Forderungen der Blattmacher.

Nils Casjens und Maik Gizinski über die Forderungen der Blattmacher.

Journalisten kämpfen auf einer Demonstration in Frankfurt in eigener Sache. Nie gab es in der deutschen Zeitungsbranche einen größeren Protest. Die Verlage wollen sparen, am meisten bei den Berufsanfängern. Wer künftig Redakteur wird, soll mehr arbeiten und zugleich auf viel Geld verzichten.

"Dann ist halt das ganze Berufsbild gefährdet. Dann wird halt kein Akademiker mehr anfangen, als Journalist zu arbeiten. Wie unser Volontär gestern treffend sagte: 'Dann kann man sich auch bei Penny an die Kasse setzen'", meint eine Demonstrantin. Eine andere sagt, "wenn der Arbeitsdruck weiter so zunimmt und die Gehälter weiter so abnehmen, dann werden irgendwann keine guten Leute mehr arbeiten." Ein anderer erklärt: "Wir stellen bereits fest, dass es schwierig wird, Nachwuchs zu finden. Journalismus ist nicht mehr attraktiv. Es ist mittlerweile so, dass es besser ist, Pizza auszufahren."

Von 2.500 Euro monatlich in den ersten Jahren ist die Rede: brutto. Während ihres Berufslebens würden Neueinsteiger 25 Prozent weniger verdienen als jetzige Redakteure. Wie in Frankfurt streiken bundesweit Tausende gegen "Verleger-Geiz". "Wir machen Zeitung", klagen sie, "Ihr macht uns fertig."

Die Zukunft des Journalismus

Dabei geht es auch den Verlegern angeblich um die Zukunft des Journalismus. Den massiven Protest der Redakteure halten sie für naiv. Werner Hundhausen vom Bundesverband deutscher Zeitungsverleger meint: "Ich denke, wenn da 1.500 Gewerkschaftsfunktionäre und Gewerkschaftsmitglieder sich getroffen haben, lautstarke Forderungen gestellt haben, dann bekommen die Zeitungen dadurch nicht automatisch mehr Abonnenten und auch keine größeren Anzeigenvolumina."

Der Streit schwelt seit vielen Monaten. Redakteure und Verleger stehen sich so unversöhnlich gegenüber wie noch nie. Die einen fürchten um ihre Rendite, die anderen um die Zukunft des Journalismus.

Kajo Döhring vom Deutschen Journalisten Verband (djv) erklärt: "Die Perspektive in diesen Beruf reinzugehen, die besten Köpfe in diesen Beruf reinzuholen, was immer der Anspruch der deutschen Zeitungsverleger vor allen Dingen war, die ist damit zugemauert."

Arbeitsverdichtung und unterschiedliche Bezahlung

Eine Hochburg des Protests ist von Anfang an Baden-Württemberg. Tagelang haben die Journalisten hier die Arbeit niedergelegt und sich Gehör verschafft, auch bei ihrem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grünen). Angeführt wird der Protest hier von der Stuttgarter Zeitung. Das Blatt gehört wie auch die Süddeutsche Zeitung, zur Südwestdeutschen Medienholding. Auch da werden seit Jahren Stellen gestrichen. Noch werden die Redakteure in Stuttgart alle nach dem gleichen Tarifvertrag bezahlt. Wenn sich die Verleger mit ihren Plänen durchsetzen, nicht mehr lange.

"Es wird einen kleinen Klassenkampf in den Redaktionen geben. Denn es wird Redakteure geben, die deutlich schlechter bezahlt sind als die älteren Kollegen, und sich darüber ärgern. Und es wird natürlich die Verlockung für die Verleger geben, die besser bezahlten älteren Redakteure möglichst schnell loszuwerden", erklärt Stefan Geiger, der seit mehr als 30 Jahren Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung ist. Die Arbeit hat sich in dieser Zeit immer mehr verdichtet. Heute müssen Zeitungsjournalisten auch online können, die Stuttgarter Zeitung veröffentlicht sogar Videos. Die Klagen der Verleger sind dagegen seit Jahren die gleichen: Das Zeitungsgeschäft lohne sich immer weniger.

Stefan Geiger: "Wir wissen nicht, wie schlecht es den Zeitungen geht, die Verleger weigern sich nämlich zu sagen, wie es wirklich aussieht. Wir ahnen, dass es tatsächlich einigen Zeitungen, vor allem oben in Norddeutschland, nicht gut geht. Es wäre eine Kleinigkeit für Zeitungen, denen es schlecht geht, Öffnungsklauseln in Tarifverträgen zu machen, das gibt es in anderen Branchen und es wäre bei uns ohne Weiteres möglich."

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Stefan Geiger, Redakteur bei der "Stuttgarter Zeitung" © NDR
 
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Das Interview mit Stefan Geiger

15.06.2011 | 23:20 Uhr

Das Interview mit Stefan Geiger, Redakteur der "Stuttgarter Zeitung".

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Kaum Geschäftszahlen der Verlage

Das Geschäftsmodell der Zeitungen war jahrzehntelang unumstritten, heute funktioniert es nicht mehr: Die Anzeigenerlöse sind eingebrochen, die Auflagen sinken rapide. Neue Erlösmodelle fehlen. Statt im Netz Geld zu verdienen, bieten Verlage online Journalismus zum Nulltarif. Trotzdem machen viele Häuser offenbar wieder kräftige Gewinne. Die große Krise scheint überwunden, doch so genau weiß das keiner. Die meisten Verlage müssen ihre Bilanzen nicht offenlegen. Wie es ihnen wirklich geht, auch darüber gibt es Streit.

Kajo Döhring: "Natürlich ist es schwieriger gute Ergebnisse zu erzielen, weil die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen andere sind als in den 80er-, 90er-Jahren bis zur Jahrtausendwende. Aber die durchschnittliche Rendite deutscher Tageszeitungsverlage ist immer noch fast zweistellig, sodass wir wissen, dass in Einzelfällen Not da ist, aber in der Breite immer noch sehr gutes Geld verdient wird."

Werner Hundhausen: "Nein, die Situation ist kritisch. Wir reden uns da nicht schlecht, sondern wir suchen ja nach dem besseren Weg. Und wir werben dafür, dass die Gewerkschaften dies auch erkennen und auf diese Art und Weise wir gemeinsam einen Lösungsweg finden, den wir aber nur finden können, wenn die Gewerkschaften auch ernsthaft mit uns darüber verhandeln wollen."

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Werner Hundhausen, Verband deutscher Zeitungsverleger © NDR
 
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Das Interview mit Werner Hundhausen

15.06.2011 | 23:20 Uhr

Das Interview mit Werner Hundhausen, Verband deutscher Verleger.

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Nächste Sendung: 30.05.2012 23:20 Uhr

ZAPP

Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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01.06.2012 01:15 Uhr

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Verschiedene Zeitungen liegen an einem Kiosk nebeneinander. © dpa Fotograf: Jörg Carstensen
 

Die Krise der Verlage

09.12.2009 | 23:05 Uhr

Hunderte Journalisten kämpfen um ihre Arbeitsplätze. Die Verlage bringen beinahe täglich neue Hiobsbotschaften. Wie sehr der Journalismus darunter leiden wird, will aber kaum ein Verleger zugeben. mehr