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Das passiert nicht jede Woche - dass sich Leute über einen Beitrag aufregen, bevor er überhaupt gesendet wurde. Doch bei diesem Film hat bereits die Ankündigung ausgereicht. Leichen mit abgeschnittenen Zungen spielen darin eine Rolle. Journalisten, die sich eingeschüchtert fühlen und ein Bürgermeister mit einer fragwürdigen Vergangenheit. Und das alles auf der sonst so idyllischen Insel Hiddensee.
Friedlich liegt die Insel Hiddensee da, eine malerische Kulisse - eine trügerische Fassade. Denn hier tobt ein heftiger Streit, ein Klima der Angst, der Bedrohung. Wer darüber berichten will hat es schwer, weiß NDR-Reporter Matthes Klemme: "Es ist schwierig auch an Menschen heranzukommen, mit Ihnen zu reden, weil viele Menschen doch eher verängstigt sind. Mein Eindruck sie wollen eben nicht reden."
Ein Eindruck, den auch Alexander Löw, Redakteur der Ostsee Zeitung bestätigt: "Wir haben auch erlebt, dass nach Zeitungsberichten extreme Drohungen gegen Leute ausgesprochen wurden, die sich zu Wort gemeldet haben."
Im Zentrum des Interesses: Thomas Gens, Fischer und vor allem Bürgermeister der Insel. Es ist seine Vergangenheit, die die Gemeinde polarisiert. In Internetvideos inszeniert er sich als Machertyp. Als James Bond der Insel, mit passendem Werbespruch: "Nicht links, nicht rechts, sondern vorne."
Nicht rechts? Dass das so nicht stimmt hat Journalist Matthes Klemme aufgedeckt. Denn Thomas Gens war Kreisvorsitzender der inzwischen aufgelösten rechtsextremen DVU. Ein Video belegt, die zwielichtige Vergangenheit des Bürgermeisters. Erst streitet der Bürgermeister ab, dann muss er es doch eingestehen. Und die Geschichte wird immer undurchsichtiger. Denn im vergangen Jahr tauchten Dokumente auf, die den Verdacht nahe legten, Thomas Gens habe als junger Mann für die Stasi gearbeitet. Der Bürgermeister wies das gerichtlich zurück.
Zuvor befragte Reporter Klemme den Bürgermeister zu den Vorwürfen. Was sich in dem Hintergrundgespräch abspielt: seltsam. Der Begleiter des Bürgermeisters zückt im Laufe des Gesprächs ein Dokument, erinnert sich Matthes Klemme: "Das war sehr obskur. Dieser Mann hatte sich dann vorgestellt, mit einem roten Ausweis. Darauf war zu lesen in kyrillischen Buchstaben KGB."
Der ehemalige russische Geheimdienst. Zum Abschied gibt der Begleiter Reporter Klemme dann noch eine bemerkenswerte Anekdote mit auf den Weg: "Und zwar hat er gesagt: am Strand sind kürzlich zwei Leichen angespült worden, die waren zusammengeschnürt und hätten keine Zungen mehr gehabt." Wozu diese erfundene Geschichte? Der Journalist fühlte sich bedroht, auf Zapp-Nachfrage sagt Gens, der Vorgang sei ihm unbekannt.
Wozu kritische Fragen führen können, musste auch Elisa Skott erleben. Als Chefredakteurin der örtlichen Schülerzeitung Inselgörn führte die 16-Jährige ein langes Interview mit dem Bürgermeister. Sie befragt ihn zu seinen politischen Zielen aber auch zu seiner Vergangenheit, erzählt Elisa Skott: "Ich wollte eigentlich das machen, was die Leute beschäftigt, weil die Fragen ja noch im Raum standen. War er bei der Stasi oder nicht? Und da habe ich mir gedacht, das interessiert die Leute und habe die Fragen da mit reingenommen."
Für die Zeitung wählt sie dann nur den Teil des Gesprächs zu seiner Vergangenheit aus. Der Bürgermeister reagiert aufgebracht, schreibt einen Brief an die Schulleitung. Darin: "Ich werde es nicht dulden, dass die Schülerin Elisa Skott sich gegen Absprache vorbehält ausschließlich Inhalte gegen meine Person in einer Schülerzeitung zu thematisieren, die persönliche Anfeindungen der letzten Monate gegen meine Persönlichkeit betreffen." Weiter schreibt er: "Eine Verbreitung des Textes untersage ich hiermit ausdrücklich."
Elisa Skott hat nicht mit einer solch scharfen Reaktion gerechnet: "Auf jeden Fall war ich ja zuerst mal überrascht. Und habe dann mir Gedanken gedacht, was hätte ich anders machen können. Und war auch so ein bisschen verletzt, weil ich eigentlich nur das gemacht habe, wo ich dachte dass es wichtig ist. Und habe auf jeden Fall nicht damit gerechnet, dass so eine Reaktion kommt."
Matthes Klemme nimmt die Schüler-Reporterin in Schutz: "Das ist eben auch das Recht eines jeden Journalisten ein Interview zusammen zu kürzen und ja natürlich nichts raus zu streichen, also den Sinn zu entstellen. Aber das ist das normalste auf der Welt." Auch Alexander Löw, Redakteur der Ostsee Zeitung sieht keinen Grund für eine so harte Reaktion: "Ich fand persönlich die Reaktion von Herrn Gens doch überzogen. Es geht da um ein 16-Jähriges Mädchen, die sammelt erste Erfahrungen im Journalismus und da gleich so harte Bandagen aufzufahren fand ich nicht in Ordnung."
Auch die Eltern von Elisa fanden es nicht in Ordnung und wehren sich gegen den Angriff auf ihre Tochter öffentlich. Seitdem hinterlässt eine Stimme mit osteuropäischen Akzent Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, wie etwa: "Wenn Du Schwein dich noch einmal äußerst zu Hiddensee, kriegst Du noch Ärger und deine Frau. Verschwinde von der Insel ganz du Stück Mistscheiße. F*** deine Mutter."
Elisa Skott ist fassungslos angesichts solcher Drohungen: "Total ängstlich in dem Moment doch, weil ich hatte Angst um meine Familie, um meine Freunde und wusste halt auch nicht was da passiert und fand das ziemlich extrem."
Beide Seiten, Familie und Bürgermeister, haben nun gegenseitig Klage eingereicht. Ein Interview möchte Thomas Gens nicht geben, am Telefon erzählt er, er fühle sich von der Familie bedroht. Die Meinungsfreiheit würde er nicht einschränken, mit den Drohungen habe er nichts zu tun, im Übrigen sei die Berichterstattung über ihn einseitig. Nur eins ist in dieser Geschichte jetzt schon klar: Die Berichterstattung über Thomas Gens wird weitergehen.
Deutscher imitiert russischen Akzent
Während des Betrags wurde kurz eine Nachricht von der Mailbox eingespielt. Da soll ein Osteuropäer draufgesprochen haben. Anscheinend mit russischem Akzent. Das war mit großer Sicherheit ein... [mehr]