Charlie Hebdo: Brandsatz gegen Satire

Die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" ist bissig und unerschrocken und jetzt auch Opfer eines Brandanschlages. "Charlie Hebdo "ist vergleichbar mit der deutschen "Titanic". Vor fünf Jahren hatte die Zeitung die Mohamed Karikaturen nachgedruckt, aus Solidarität mit der dänischen "Jyllands Posten". Nun hat "Charlie Hebdo "selbst den Propheten karikiert und prompt Molotow-Cocktails kassiert. Keiner wurde verletzt, doch der Schaden ist immens. Jetzt druckt das Satireblatt zurück.

Ein Film von Julie Kurz.

Mitten in der Pariser Innenstadt, das Denkmal der "französischen Republik". Die Verfassung ist der ganze Stolz der Franzosen. Vor allem liberté - die Freiheit. In einer Nebenstraße des Place de la Republique neuerdings bewacht und abgeschirmt: die Redaktion von "Libération", denn hier hat die Satire Zeitung "Charlie Hebdo "Asyl gefunden.

Am Montagmorgen brüten die Journalisten über einer neuen Ausgabe. Sie soll, wie gewohnt, am Mittwoch an den Kiosken erscheinen, wie gewohnt voller bissigen Karikaturen. Nicht nur Berlusconis Verhalten bietet da eine Steilvorlage. Doch die meisten Zeichnungen widmen sich ihrem eigenen Blatt. Die Redaktion sucht nach der treffenden Titelzeichnung, als Antwort auf einen Brandanschlag.

Corinne Rey, Karikaturistin: "Mich hat das ziemlich mitgenommen. Wir sind alle noch etwas betäubt." (dt. Übersetzung).

Camille Besse, Karikaturistin: "Jeden haben diese Ereignisse unterschiedlich stark berührt. Wir versuchen jetzt, einfach für einander da zu sein. Und dafür zu sorgen, dass das Magazin weiterläuft." (dt. Übersetzung).

Anschlag wegen Karikatur

In der Nacht vor dem Erscheinen der letzten Ausgabe hatten vorige Woche Unbekannte mit Molotowcocktails die komplette Redaktion zerstört. Vorrausgegangen waren massive Drohungen wegen des Titels: "Charlie Hebdo "als Scharia Hebdo. Darunter eine Mohammed Karikatur: "Wenn Ihr Euch nicht totlacht, gibt es 100 Peitschenhiebe!"

Stephane Charbonnier, Chefredakteur von "Chaerlie Hebdo", erklärt: "Die Idee war, auf die aktuellen Ereignisse zu reagieren. Zum einen auf die eventuelle Rückkehr der Scharia in Libyen und zum anderen auf den Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien. Da gab es Kommentare, die beschwichtigen wollten, das Ganze sei ja nicht so schlimm. Eine Scharia Light sozusagen. Wir haben uns dann gefragt, wie so eine Light, so eine lasche Scharia aussehen könnte." (dt. Übersetzung)

Religiöse Karikaturen sind für "Charlie Hebdo "kein Tabu. Überhaupt, seit fünfzig Jahren kennt das Satireblatt kein Pardon - ob Sarkozy oder Dominik Strauss-Kahn, alle kommen dran. Allein die katholische Kirche hat 14 Prozesse gegen Charlie geführt. Alle hat sie verloren. 2006 klagte der Islamische Rat gegen den Nachdruck der Mohammed Karikaturen aus Dänemark - erfolglos.

Sylvain Bourmeau, stellvertretender Chefredakteur der "Libération", erklärt: "Es ist einfach eine französische Tradition, die Religion zu kritisieren. Und die müssen wir mehr denn je verteidigen. Frankreich ist das Land des Laizismus, der Trennung von Kirche und Staat. Den Begriff 'Gotteslästerung' gibt es im französischen Recht nicht. Man darf kritisieren, dass ist rechtlich erlaubt." (dt. Übersetzung).

Solidarität

Wie die linksliberale Tageszeitung "Libération" verteidigen viele die Charlies in diesen Tagen. Eine Welle der Solidarität überschwemmt die Redaktion. Jeder möchte sich eben mit den mutigen Vertretern der freien Presse schmücken. Selbst die Modebranche scheint tief berührt: "Liebes 'Charlie Hebdo' Team, hier noch eine Gotteslästerung. Alles Gute, Ihr treuer Leser Karl Lagerfeld." Und noch mehr erstaunt hier die Solidarität manch eines Regierungsvertreters.

Sylvain Bourmeau: "Da ist doch zum Beispiel der Innenminister, der Telefongespräche von Journalisten abhören ließ. Der kam in der Redaktion vorbei. Ich kannte Claude Gueant bis jetzt nicht als Retter der Pressefreiheit. Man reibt sich die Augen und fragt sich: 'Meint der das wirklich ernst?'" (dt. Übersetzung).

Ein Anschlag auf die freie Presse. Auch der Islamische Rat hat das verurteilt.

Dem Absatz von "Charlie Hebdo "jedenfalls hat der provokante Titel geholfen. Nach zwei Stunden war die Druckauflage von 140.000 weg. Kalkül?

Stephane Charbonnier: "Der Anschlag hat doch den Hype ausgelöst, nicht wir. Wenn es keinen Anschlag, keine Morddrohungen gegeben hätte, hätte sich die Auflage nie so gut verkauft. Es wäre von unseren Gegnern also viel effektiver gewesen, einfach die Zeitung nicht zu kaufen, nicht drüber zu reden und so auch keine Werbung für uns zu machen." (dt. Übersetzung).

Nun ist die neue Ausgabe dran. Über 20 Zeichnungen stehen zur Auswahl Eine quälende Entscheidung über den Titel.

Redakteur: "Wenn über die Zeichnung so keiner lacht, dann funktioniert es auch nicht mit dem Titel, oder? (dt. Übersetzung).

Weiterer Redakteur: "Doch weil jetzt statt Humor Liebe da steht." (dt. Übersetzung).

Schließlich wird wie schon letzte Woche der Entwurf vom Zeichner Luz ausgewählt: Eine Zeichnung der Versöhnung mit dem Titel "Liebe ist stärker als Hass"

LUZ: "Wir wollten was Überraschendes und Witziges finden. Und ich hatte, ehrlich gesagt, auch keine Lust, schon wieder den Propheten zu malen. Vielleicht kann man zum Schluss der Geschichte sagen: 'Ist doch alles nicht so schlimm, wenn es Liebe gibt.' Wir haben viel zwischen Liebe und Humor hin und her überlegt." (dt. Übersetzung).

Diesmal Liebe vor Humor, immer aber Freiheit vor Religion.

 

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Brandsatz gegen Charlie Hebdo

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