Stand: 05.03.2008 23:00 Uhr  | Archiv

Umstrittene Fakten - Der "Focus" und sein Jubiläum

"Focus" feiert sich. Vor 15 Jahren brachte der Burda Verlag ein neues Nachrichtenmagazin auf den Markt, um dem "Spiegel" Konkurrenz zu machen. Mit kurzen Artikeln und vielen Bildern. "Fakten, Fakten, Fakten" will "Focus"- Chefredakteur Helmut Markwort den Lesern seither jede Woche liefern. "Focus" ist eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, journalistisch allerdings umstritten: Der Redakteur für "besondere Aufgaben" soll beispielsweise im Rahmen der BND-Berichterstattung mit Geheimpapieren gehandelt haben. Zum Jubiläum bekam das Magazin aus München jetzt einen neuen Werbeslogan. Zapp über "Focus" und "Fakten für Ihre Zukunft".

Anmoderation:

"Fakten Fakten Fakten" - jede Woche hier - im "Focus". Das war einmal. Jetzt gibt es "Fakten für die Zukunft". So der neue Spruch von Chefredakteur Helmut Markwort. "Focus" erneuert sich. Kein Wunder: auch ein Newcomer kommt schließlich in die Jahre. Und das die überhaupt so lang so erfolgreich sind, hätte bei der Erstausgabe ohnehin keiner für möglich gehalten. Im Gegenteil: alle haben sie gespottet, als Helmut Markwort und Hubert Burda ihren Traum verwirklichten: eine Konkurrenz zum Spiegel! 15 Jahre ist das jetzt her. Zeit für eine Zwischenbilanz. Josy Wübben über eine - vielleicht nicht immer journalistische - aber auf jeden Fall: wirtschaftliche Erfolgsgeschichte:

Beitragstext:

Mr. "Focus" ist in die Jahre gekommen: Helmut Markwort. Der 71-Jährige ist immer noch Chefredakteur, Herausgeber und Geschäftsführer des "Focus". Seine Sprüche kennen alle.

Montag ist "Focus" Tag: (Werbespot) Länger recherchieren, kürzer schreiben. Ein Skandal ist das! You've got it. Schreib' das auf.. Fakten, Fakten, Fakten. Und an die Leser denken."

Diese "Fakten" liefert "Focus" Woche für Woche. Seit 15 Jahren. "Focus" feierte das Jubiläum. Und Zapp fragte Journalisten, was ihnen zum "Focus" so alles einfällt.

"Dass der Spiegel besser ist."

"Konservativ eingefärbter Nutzwert."

(Uwe Vorkötter, Chefredakteur Frankfurter Rundschau): "Eine neue Art Nachrichten umzusetzen, viel gescholten, viel geschmäht als Verschnipselung, als klein und bunt."

Harald Martenstein, Freier Journalist): "Wenn jemand älter wird, dann wird man milder bei der Betrachtung, oder?"

"Focus"-Macher unterschätzt

(Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung): "Eine Art von Journalismus, die neu war, die wider Erwarten Erfolg hatte, über deren Erfolg ich mich heute gelegentlich immer noch wundere."

(Friedrich Küppersbusch, Fernsehproduzent): "Ich kann dem Slogan Fakten, Fakten, Fakten im Grunde noch einen Hauch weniger trauen als bei dem auch sehr meinungsgefärbten Spiegel."

Der Spiegel - bis vor 15 Jahren das einzige Nachrichtenmagazin in Deutschland. Ein Monopol, das Ex-Gong-Chef Helmut Markwort und sein Verleger Hubert Burda aufbrechen wollten.

(Peter Turi, Mediendienst "Turi2.de"): "Die meisten Beobachter, Medienjournalisten wie ich damals, haben wohl zu 90 Prozent gesagt: Das wird nichts. Einfach aus der Erfahrung raus: Es gab vorher 50, 51, 52 Versuche, dem Spiegel Konkurrenz zu machen. Und da haben alle gesagt: Das ist jetzt der 53. Versuch und der wird wohl auch nichts werden. Aber da haben sie Hubert Burda und Helmut Markwort unterschätzt."

"Spiegel" fit machen

Denn der "Focus" etabliert sich. Wird tatsächlich zum großen Konkurrenten des Spiegel. Dessen damaliger Chef Rudolf Augstein hatte daran nicht geglaubt.

(Peter Turi, Mediendienst "Turi2.de"): "Rudolf Augstein selbst hat zu Hubert Burda gesagt: Wenn Du dann mal pleite bist mit Deinem Anti-Spiegel, dann kannst Du jederzeit zu mir kommen, kriegst Du ein warmes Süppchen von mir."

Rudolf Augstein musste keine warme Suppe servieren. Er hatte Wichtigeres zu tun: Den Spiegel fit machen. Für den Zweikampf. Eine Veränderung: Was früher schwarz-weiß war, wurde jetzt bunt. Der Konkurrent registrierte aber noch viel mehr.

(Helmut Markwort, Chefredakteur "Focus" 2003): "Er ist jetzt auch komplett farbig. Manche Geschichten sind kürzer. Er arbeitet mehr mit Infografiken. Und ich denke, dass er sich auch mit Themen beschäftigen muss, die er früher nicht mochte, weil wir sie einfach aufs Tapet gebracht haben."

Kein zweites Nachrichtenmagazin

Und tatsächlich: Der Spiegel veränderte nicht nur seine Optik. Der Fernsehmann Stefan Aust machte als neuer Chefredakteur den Spiegel verständlicher. Und blieb damit auf Erfolgskurs.

(Peter Turi, Mediendienst "Turi2.de"): "Der "Focus" hat dem Spiegel wenig Leser weggenommen, weil er was Anderes ist. Er ist in Wirklichkeit kein zweites Nachrichtenmagazin, sondern er ist eine Illustrierte am Montag. Eine "Bunte" für den Mann.

(Thomas Leif, "netzwerk recherche"): "Ich glaube, man kann im Grunde die beiden Blätter überhaupt nicht miteinander vergleichen, weil sie großen Kontrast aufbieten. Das ist ungefähr so, als wenn man Bayern München mit Bayer Uerdingen vergleichen würde. Das geht auch sehr schwer."

Nutzwert für den Leser

Diese Kontraste sind auch aktuell erkennbar. Während der Spiegel den Steuerskandal als Aufmacher präsentiert, Fordert "Focus" von seinen Lesern: (Zitat) "Testen Sie Ihr Wissen".

In dieser Woche ist Becks neuer Linkskurs das Thema für den Spiegel, während sich "Focus" um Kundenbewertungen im Internet kümmert.

"Nutzwert für den Leser" heißt das bei "Focus". Von Anfang an setzen die Macher deshalb auf Listen, Tabellen und Infografiken. Ganz gleich, ob es sich um die (Zitat) "große Krebs-Ärzte-Liste", die (Zitat) "besten Universitäten" oder die (Zitat) "99 wichtigsten Benimm-Regeln" handelt. (Thomas Leif, "netzwerk recherche"): "Es geht darum, ein bestimmtes Lebensgefühl zu vermitteln, es geht darum, die Menschen, die das lesen, mit einer Orientierung zu versorgen mit vielen Rankinglisten, mit Checklisten: Wie komme ich sozusagen durch den Dschungel des Alltags und am Ende ist es so eine Philosophie, die vermittelt: "Me, Myself and I". (Peter Turi, Mediendienst "Turi2.de"): "Wenn das Individuelle politisch ist, wie die 68er sagen, dann ist der "Focus" ein politisches Magazin. Wenn man wirklich auf die Ebene der gesellschaftlichen Relevanz abhebt, dann ist der "Focus" nicht so politisch, wie man sich ein Nachrichtenmagazin eigentlich denken würde."

Enthüllung, die keine war

Dabei begann es politisch: Die erste "Focus"-Ausgabe präsentierte einen Knaller (Zitat) "Genschers Comeback". "Focus" prophezeite (Zitat) "Die Rückkehr des Strippenziehers" - als neuer Bundespräsident. Eine Enthüllung, die keine war. Es blieb nicht der letzte Flop.

(Ausschnitt: "Willemsens Woche", ZDF 1993): "Haben Sie ein Interview mit Ernst Jünger gebracht, was zwei Jahre vorher schon in der Bunten abgedruckt worden war. Ist das die Aktualität, die "Focus" gerne haben möchte? Markwort: "Nein, das ärgert, da sind wir betrogen worden von einem Mitarbeiter, das ärgert mich wahnsinnig". Willemsen: "Es gab eine Geschichte über Beerdigungsinstitute, da haben Sie gesagt, der Chef eines Beerdigungsunternehmens habe sich geweigert, einen Aids-Toten zu beerdigen. Nun hat dieser Beerdigungsunternehmer das Unglück, seit zehn Jahren tot zu sein. Haben Sie Kontakte ins jenseits ?" Markwort: "Kann ich mich nicht, an die Geschichte kann ich mich jetzt nicht erinnern".

Geringe Sympathie für SPD

Gern erinnert sich Helmut Markwort aber an jene Zeit , als eine "Focus"-Redakteurin über Nacht berühmt wurde: Sie hieß Doris Köpf und war plötzlich die neue Lebensgefährtin des damaligen Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder.

(Helmut Markwort, Chefredakteur "Focus"): "Gerhard Schröder aus Berlin soll es zu 'ner anderen ziehen. Das ist doch ein alter Trend. Einst ging er mit Doris fremd."

Bei aller Freude über die neuen "Focus"-Kontakte zum Kanzler: Das Magazin war ein eifriger Kritiker Gerhard Schröders. Die wenigen Politik-Aufmacher zeigen geringe Sympathien für die SPD. Der "Focus" entdeckt die (Zitat) "Panik auf der Titanic", höhnt über (Zitat) "des Kanzlers Trümmer" und fragt sich: (Zitat) "Wann fliegt Schröder".

Angela Merkel hat es da besser. Sie ist (Zitat) "die Raffinierte" und "Focus" listet auf:

(Zitat) "Was macht sie besser?". Auch bei "Focus" Online sind politische Sympathien klar erkennbar. Die CDU-Politikerin Julia Klöckner hat hier ihren eigenen Blog. Ebenso wie die FDP-Frau Silvana Koch-Mehrin. Eine politische Nähe, die manche auch im Blatt beobachten.

(Thomas Leif, "netzwerk recherche"): "Ich glaube, es ist so etwas wie das Poesiealbum von Guido Westerwelle und das wird auch sehr konsequent durchgezogen. Und gleichzeitig lässt man auf der sogenannten linken Seite im Grunde keinen Fehler durch und ist durchaus auch offen für neokonservative Positionen. also auch da ein politischer Cocktail zwischen liberal und konservativ."

Umstrittene Recherchen

Und manchmal noch ein bisschen mehr als nur liberal und konservativ. "Focus" war zur Stelle, als die Junge Freiheit attackiert wurde. Mehrere Autoren hatten über

das rechte Blatt recherchiert, das vom Verfassungsschutz in Baden-Württemberg beobachtet wird. Unter der Überschrift (Zitat) "Ich sehe was, was du nicht siehst" machte "Focus" Stimmung gegen die Autoren. Er behauptete, dass einige von ihnen parallel für Publikationen schreiben, (Zitat) "die allesamt von diversen Landesämtern für Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft werden".

"Spitzenreiter" sei (Zitat) "der unter Pseudonym agierende Journalist Anton Mägerle, der gleich für fünf verfassungsschutzrelevante Periodika arbeite."

Gegen diese Behauptungen hat Anton Maegerle erfolgreich geklagt. Er arbeitet anonym und mit Decknamen. Aber nur deshalb, weil seine Recherchen über Rechtsradikale gefährlich sind. Von diesen Recherchen profitieren viele Journalisten. (Adrian Peter, Redakteur Report Mainz): Gerade in der Neonaziszene wurde immer wieder versucht, Anton Maegerle ins linksextreme Spektrum zu rücken, um ihn unglaubwürdig zu machen, um seine Arbeit zu diskreditieren. Jeder, der es je mit ihm zu tun gehabt hat, wird feststellen, dass das absoluter Blödsinn ist, dass Anton Maegerle gegen jeden Radikalismus eintritt".

Gern hätte Zapp mit dem "Focus"-Chef über diese und andere Artikel gesprochen. Doch Helmut Markwort lehnte ein Interview ab. Dabei gäbe es so viele Fragen.

Im Auftrage eines Nachrichtenhändlers

Zum Beispiel zu ihm: "Focus"-Redakteur Josef Hufelschulte.

Laut Impressum ist er zuständig für "besondere Aufgaben".Vor einem Jahr geriet

er in die Schlagzeilen. Der Journalist soll brisante Aussageprotokolle verkauft haben.

Deren Inhalt: Informationen eines dubiosen Agenten über ausländische Terroristen in Deutschland. Gegen 4.000 Euro übergab Josef Hufelschulte die Unterlagen dem Mann, der diese Informationen gegeben hatte. Hufelschulte versicherte ihm, dass er im Auftrag eines Nachrichtenhändlers agiere, für den auch das Geld sei. (Thomas Leif, "netzwerk recherche")

"Neudeutsch würde man sagen: Ein sogenanntes No-go. Also Journalisten sollten nicht mit solchen Nachrichten handeln und sich entsprechend positionieren, weil sie dadurch natürlich ihre Unabhängigkeit verlieren. Aber das weiß der Betroffene wirklich auch selbst."

Fragwürdiges Verhalten

Damals wehrte sich der "Focus"-Chef in seiner Kolumne , wetterte gegen ZAPP und seine angeblich üblen (Zitat) "Verdächtigungen gegen "Focus" sowie den "Focus"-Redakteur Josef Hufelschulte". Seinem damaligen Versprechen (Zitat) "ausführlich über den Fall zu berichten" folgten allerdings keine Taten - bis heute nicht.

Auch über das fragwürdige Verhalten von "Focus"-Mitarbeitern im sogenannten BND-Skandal vor zwei Jahren war im eigenen Blatt so gut wie nichts zu lesen. Damals ging es um (Zitat)

"Deutsche Journalisten als willige Helfer", die (Zitat) "gemein mit den Geheimen" waren.

Der BND sammelte Infos über Journalisten und deren Informanten. Die Bespitzelten wurden von Kollegen ausgeforscht.

(Hans Leeyendecker, Süddeutsche Zeitung): "Es sind mindestens drei, zum Teil ehemalige ""Focus""-Mitglieder, die Dinge behaupten, die über Quellen reden, angebliche Quellen, oder die reden darüber, was man bekommen haben soll an Geld oder über Auseinandersetzungen beim Spiegel, bei dem ich mal gearbeitet habe. Ich muss sagen, ich kann das alles nicht nachvollziehen, weil alles falsch ist. // Wenn alles so kläglich ist, wie das, was ich da gelesen habe, dann ist es um das Blatt nicht gut bestellt."

"Informationen aus Latrinen"

Beim "Focus" wehrt man sich gegen Vorwürfe, dass Mitarbeiter Spitzel gewesen seien. Zwischen dem Enthüllungsjournalisten Hans Leyendecker und dem "Focus"-Chef Helmut Markwort entbrennt ein grundsätzlicher Streit. Markwort (Helmut Markwort, "Focus"-Chefredakteur) im Off:"Find ich lächerlich, was der Leyendecker macht. Das ist unter, unter meinem Niveau, mich dazu zu äußern."

(Hans Leyendecker, Süddeutsche Zeitung): ""Focus"" kann mich auch nicht verstören. Also, ich habe von dem Blatt nie das Beste erwatet und da sehe ich mich auch nicht getäuscht."

(Helmut Markwort, "Focus"-Chefredakteur): "Der Herr Leyendecker, das ist ja wirklich ein eifersüchtiger Giftzwerg, der da alleine gegen uns rumstänkert. Das berührt uns nicht."

(Hans Leyendecker, Süddeutsche Zeitung): "Also, ich hab schon ne Idee, woher "Focus" diese Informationen hat, die "Focus"-Leute nämlich, es muss in irgendwelchen Latrinen gewesen sein, weil das, was da behauptet wird, Latrinen-Parolen sind."

Journalismus und Geheimdienst

Wie tief "Focus"-Mitarbeiter in den BND-Skandal verstrickt sind, ist unklar. Denn bis heute sind Teile eines offiziellen Berichts gerichtlich verboten.

(Thomas Leif, "netzwerk recherche"): Man kann glaube ich zusammenfassen, dass es Kooperation und Interaktion zwischen einzelnen "Focus"-Mitarbeitern und den Geheimdiensten gab. Und dass die klassische Trennung zwischen Journalismus und Geheimdienst in diesem Fall aufgehoben wurde. (Peter Turi; Mediendienst "Turi2.de): Jede Zeitschrift, die investigativ vorgeht, der Stern, der Spiegel, jeder hat seine Affären, seine Recherchen, die schief gehen. Der Stern hat seinen Tagebuch-Skandal gehabt. Dem Spiegel ist im Fall Bad Kleinen einiges schief gegangen, ich denke, man sollte auch dem "Focus" verzeihen, dass irgendetwas mal schief geht".

Wirtschaftliche Erfolgsgeschichte

15 Jahre "Focus" - schief gegangen ist Einiges. Aber trotz aller Fehler und Skandale: "Focus" ist eine der erfolgreichsten Neugründungen im deutschen Medienmarkt. (Thomas Leif, "netzwerk recherche"): Für den Burda-Verlag bestimmt eine Erfolgsgeschichte. Es wurde ein neues Produkt auf den Markt gebracht, ich glaube, es ist ein blendender Anzeigenverkäufer und es fährt eine Rieserendite ein. (Peter Turi, Mediendienst "Turi2.de"): Der "Focus" genießt einen guten Ruf als Marketing-Innovation, und einen durchwachsenen Ruf als redaktionelles Organ. Helmut Markwort schaut nach vorn. Er hat seinen Vertrag als Mr. "Focus" bis 2010 verlängert. Vom alten Slogan "Fakten, Fakten, Fakten" hat er sich verabschiedet. Ab jetzt heißt es: (Zitat) "Fakten für Ihre Zukunft".

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.03.2008 | 23:00 Uhr

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