Stand: 05.11.2008 23:10 Uhr

Belastend - Schwierige Stasi-Aufarbeitung in Sendern und Verlagen

Regale mit Akten des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit © Gero Breloer Foto: Gero Breloer
Regale mit Akten des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit

Karl-Heinz Reinsch entwickelt PR-Ideen für den Saarländischen Rundfunk. Doch in Wirklichkeit tüftelt er Terrorpläne gegen den Sender aus - im Auftrag der Stasi. Seine Frau Ortrud macht die Hörerpost. Absender aus der DDR liefert sie dem Ost-Geheimdienst aus. Auch Journalisten - wie der MDR-Unterhaltungschef Udo Foht - gerieten in IM-Verdacht. Doch die Aufarbeitung bei Sendern, Zeitungen und Verlagen ist teilweise gescheitert. Was bei der "Lausitzer Rundschau" gelang, lassen viele Verlage vermissen. Die ARD veröffentlicht jetzt ihre Stasi-Studie in der Langfassung - viele Klarnamen darin geschwärzt, weil die Juristen Risiken befürchteten. Zapp über belastende Debatten um die schwierige Stasi-Aufarbeitung in Sendern und Verlagen.

Anmoderation:

Herzlichen Willkommen bei Zapp. Wir beschäftigen uns heute unter anderem mit Aufregung. Die gesammelte Presse empört sich gerade über Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee und die Bonuszahlungen für Bahnvorstände. Wir fragen uns, warum eigentlich erst jetzt? Aber unser heutiger Themenschwerpunkt ist - nein, nicht die US-Wahl, nicht die Finanzkrise - es ist die Stasi. Stasi, wieso das denn jetzt? 18 Jahre sind wir wiedervereinigt, das Thema müsste doch langsam erledigt sein. Ist es nicht. Die Stasi holt uns immer wieder ein. Und mit uns meine ich in diesem Fall tatsächlich uns Journalisten. Es rächt sich eben, dass Verlage und Sender jahrzehntelang die Augen verschlossen haben. Sich nicht damit auseinandergesetzt haben, ob und welche Stasi-Verstrickungen es in der Mitarbeiterschaft gegeben hat. Die ARD wollte das Thema jetzt aufarbeiten und hat eine Studie zur Stasi-Tätigkeit einzelner Mitarbeiter anfertigen lassen. Darüber gibt es jetzt Diskussionen. Wie wichtig eine ehrliche, lückenlose Aufklärung gewesen wäre, zeigt sich auch in einem Verdachtsfall, von dem wir selbst erst seit gestern wissen. Anke Jahns und Anne Ruprecht über die schleppende, schwierige Stasi-Aufarbeitung in Sendern und Verlagen.

Filmtext:

Stasi-Unterlagen, Hinterlassenschaften eines gigantischen Spitzelapparates. Fast 20 Jahre nach der Wende ist immer noch vieles unbekannt. Immer wieder tauchen neue brisante Unterlagen auf. Sorgen immer wieder für Aufregung. Auch heute wieder "Stasi-Verdacht im Ersten".

Bernhard Wabnitz - ein Stasi-Agent ?

Jüngst entdeckte Dokumente der Birthler-Behörde sollen, so "Die Welt", Bernhard Wabnitz belasten. Der renommierte ARD-Journalist soll ab 1982 bis zum Ende der DDR als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi geführt worden sein. Marianne Birthler, Chefin Stasi-Unterlagen-Behörde: "Ich möchte dazu nur soviel sagen, dass, wenn wir Unterlagen als IM-Unterlagen herausgeben, wir vorher natürlich uns vergewissern und sehr sorgfältig prüfen, ob es sich tatsächlich um IM-Unterlagen handelt. Und aus der Tatsache, dass wir diese Unterlagen herausgegeben haben, können Sie entnehmen, dass wir uns unserer Sache sicher sind."

Bernhard Wabnitz wehrt sich gegen diesen Verdacht. Er war zwischen 1999 und 2005 Chefredakteur von Tagesschau und Tagesthemen. Der heutige ARD-Korrespondent in Rom soll Berichte über die Katholische Kirche und über das Innenleben von CDU und CSU an die Stasi geliefert haben. 51 Seiten umfasst die Akte bisher, einschließlich Karteikarte mit Klarnamen, Registriernummer und dem Decknamen: "IM Junior". Doch hat Wabnitz alias "IM Junior" tatsächlich gespitzelt? Dr. Jochen Staadt, Stasi-Forscher: "Die vorliegende Unterlage ist ein Indiz. Das ist klar, dass die Stasi diese Person geführt hat, in ihren Karteien. Ob er davon wusste, ob er wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet hat, kann man auf dieser Grundlage nicht sagen." Und deshalb kämpft Wabnitz um seinen Ruf. Er hat heute Strafanzeige wegen Verleumdung erstattet und vom Gericht die Behauptung verbieten lassen, er sei IM der Stasi gewesen.

Stasi im Osten verortet - Westjournalisten nicht überprüft

Jahrzehntelang hatte die Stasi in der damaligen DDR viele eingeschüchtert - auch Journalisten. Sie standen häufig im Visier des Geheimdienstes. Viele aber waren ihm auch zu Diensten. Wer war Opfer? Wer war Täter? Viele Medien tun sich heute schwer, diese Vergangenheit aufzuklären. Marianne Birthler: "Das ist ja so gut wie gar nicht vorgekommen, dass Institutionen im Westen unseres Landes ihre Mitarbeiter auf Stasi-Tätigkeit überprüft haben, auch nicht in dem Zeitraum, als das noch möglich war. Das trifft den öffentlichen Dienst und die westdeutschen Parlamente ebenso wie die Redaktionen und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten. Die Möglichkeit hätte bestanden, aber das waren Zeiten, in denen man dieses Problem sehr viel stärker immer im Osten identifiziert hat."

ARD wollte Aufklärung - Wissenschaftler erstellen Studie

Zum Thema wurde immer wieder, dass Westjournalisten während ihrer Arbeit in der damaligen DDR drangsaliert und kontrolliert wurden. Nur wenig war die Rede davon, dass manche ausspioniert wurden - von eigenen Kollegen. Die ARD wollte 2002 Aufklärung. Als eines der ersten Medienunternehmen gab sie eine Untersuchung in Auftrag. 2004 war die wissenschaftliche Studie der ARD fertig. Auszüge daraus wurden auf einer Pressekonferenz stolz der Öffentlichkeit präsentiert, vor vielen Journalisten. Uwe Müller, Reporter "Die Welt": "Diese Studie ist wirklich ein Meilenstein, weil zum ersten Mal systematisch aufgearbeitet worden ist: Wie war denn das in den Redaktionen, sowohl im Westen als auch im Osten? Welchen Einfluss hatte dort die Stasi gehabt? Und man dadurch Erkenntnisse gewonnen hat, die einfach sehr, sehr wertvoll sind." Wertvoll, nicht nur für die ARD. Deshalb wollte die ARD eine Langfassung dieser Studie veröffentlichen. Denn die Erkenntnisse lieferten einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise der Stasi.

Journalisten als Stasi-Spitzel in Ost und West

Das Gelände des DDR-Fernsehens in Berlin-Adlershof. Bei der "Aktuellen Kamera" war, so die Studie, jeder zehnte Mitarbeiter als IM registriert. In der Sportredaktion sogar jeder Dritte. Aber auch im Westen war die Staatssicherheit aktiv. Beim Saarländischen Rundfunk etwa arbeitete Karl-Heinz Reinsch. Offiziell entwickelt er Programmpläne und PR-Ideen für den Sender. Tatsächlich tüftelte er im Auftrag der Stasi an Terroranschlägen gegen den Sender, liefert detaillierte Pläne des Funkhauses nach Berlin. Das Wissen erschleicht er sich von ahnungslosen Kollegen und Freunden. Auch seine Ehefrau Ortrud arbeitet für die Staatssicherheit. Beim Hörfunk hat sie Zugriff auf die Hörerpost. Ahnungslose DDR-Bürger, die vertrauensvoll an den West-Sender schreiben, liefert sie der Stasi aus.

Schikane von West-Korrespondenten in der DDR

Gleichzeitig standen West-Korrespondenten in Ost-Berlin unter ständiger Beobachtung. Misstrauen und Überwachung auf Schritt und Tritt. Die Westjournalisten waren für die Stasi Staatsfeinde, wie auch ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen. Immer wieder Stress. Ausschnitt Schulungs-Video der Stasi: "Die Korrespondenten nutzen ihre fortgesetzte Kontakttätigkeit gegenüber feindlich-negativen Kräften zur Informationsabschöpfung, zur Gewinnung und Bewertung von Hinweisen auf weitere geplante Aktivitäten von inneren Feinden. Darunter befanden sich als Diplomaten abgedeckt tätige Mitarbeiter imperialistischer Geheimdienste."

Historische Wahrheit - wie viel Einfluss hatte die Stasi?

Fritz Pleitgen, ehem. WDR-Intendant: "Ich bin sehr dafür gewesen, alles auf den Tisch zu legen, alle Karten auf den Tisch zu legen, damit sich die Öffentlichkeit ein Bild machen muss. Denn hier geht es ja um sehr viel, hier geht es ja um die historische Wahrheit. Es ging um das dramatischste Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte." Fritz Raff, ARD-Vorsitzender: "Dass sie im Osten natürlich sehr hart agiert haben, das lag auf der Hand und das ist auch erwiesen. Aber im Westen ist ihnen mal gelungen das ein oder andere Thema mit einer Nuancierung zu setzen, aber massiven Einfluss, so dass Themen echt verfälscht dargestellt wurden oder dass Leute von uns sich haben nutzen lassen in größerem Umfang, das ist nicht feststellbar gewesen."

Brisante Recherchen - Mut zum Rechtsstreit

Diese Aufarbeitung ihrer Vergangenheit war für die ARD notwendig geworden, weil in den Jahren zuvor mögliche Stasi-Verstrickungen von ARD-Journalisten immer wieder Schlagzeilen machten. Schlagzeilen auch durch ihn: Uwe Müller recherchierte frühzeitig Stasi-Verstrickungen beim Mitteldeutschen Rundfunk. Und, Müller fand auch heraus, dass beim MDR Unterhaltungschef Udo Foht "IM Karsten Weiß" gewesen sein soll. Brisante Recherchen, die immer wieder zu Rechtsstreit führten. Uwe Müller: "Dass es auch bei Kollegen mitunter zu Rechtsstreitigkeiten kommt, ist natürlich überraschend. Weil Journalisten sind die Hüter der Pressefreiheit, und wenn es dann um ihre eigene Person geht, gelten auf einmal ganz andere Kriterien. Es werden Rechtsanwälte eingeschaltet, es werden Gerichte angerufen, das ist manchmal schon befremdlich." Viele Stasi belastete Journalisten zogen vor Gericht, wehrten sich gegen Recherchen in ihrer Vergangenheit. Bevorzugte Gerichtsorte: Berlin und Hamburg. Hier kam es immer wieder zu Urteilen, die Stasi-Veröffentlichungen verhindern. Uwe Müller: "Man kann diese Berichterstattung überhaupt nur machen, wenn ein starker Verlag, ein starker Sender dahinter steht, mit einer entsprechenden Rechtsabteilung, die sich auch nicht scheuen, bestimmte Konflikte auszutragen."

Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt - Verlage machen es sich einfach

Die Scheu vor Konflikten. Im Osten wurden viele ehemalige Parteiblätter von westdeutschen Verlagen aufgekauft. Die Devise: Schnell rein in den neuen Zeitungsmarkt, der sich nach der Wende auftat. Der Blick zurück in die düstere Vergangenheit war da nur lästig. Es sind nicht nur Ostdeutsche, die sich mit der Aufklärung schwer tun. Erich Böhme zum Beispiel, Ex-"Spiegel"-Chefredakteur, war Anfang der 90er Jahre Herausgeber der "Berliner Zeitung". Er wünschte sich gar "...eine Flut, die alle Stasi-Akten wegspült". Eine Einstellung, die sich rächt. Johannes Weberling, Professor für Medienrecht: "Dieses Thema wird die Verlage einholen und dieses Thema, die Verlage, die nichts gemacht haben, werden sich die Frage gefallen lassen müssen: Warum habt ihr nichts gemacht? Was war euch wichtiger gewesen - die Wahrheit, eine glaubwürdige Zeitung zu machen oder rein pekuniäre Interessen?"

Der Fall Leinkauf - Verklärung der Vergangenheit

Die "Berliner Zeitung" wurde in diesem Jahr schon eingeholt von ihrer unliebsamen Vergangenheit. Unter anderen wurde der Magazin-Ressortleiter Thomas Leinkauf als IM enttarnt. Leinkauf gab zu, dass er als Journalist in der DDR für die Stasi gespitzelt hatte. In diesem Jahr interviewte er Marianne Birthler und er hebt einen Artikel über Hubertus Knabe, den Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen ins Blatt. Mit eindeutiger Tendenz und Sicht auf die Vergangenheit. Gegen Hubertus Knabe, den vermeintlichen "Stasi-Jäger. Ohne Scham schreibt ein ehemaliger Stasi-Spitzel über den Umgang mit Spitzeln. Uwe Müller: "Gerade an diesem Fall "Berliner Zeitung" in dem Magazin, kann man sehr gut nachvollziehen, wie dort alles, was mit DDR-Vergangenheit zu tun hat, auch mit Staatssicherheit, dass es doch immer sehr milde beleuchtet worden ist. Und das oft gesagt wurde: Ja, jetzt ist schon so viel Zeit vergangen und müssen wir uns noch mit diesen alten Dingen beschäftigen?"

Verantwortung und Verdacht - Der NDR in der Kritik

Der NDR wollte sich mit diesen alten Dingen beschäftigen, und erntete dafür nicht nur Lob. Der ehemalige "Panorama"-Redakteur Lutz Lehmann sah sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, ging vor Gericht, klagte gegen den NDR und die Verfasser der NDR-Stasi-Studie. Lutz Lehmann, ehem. NDR-Redakteur: "Ich quäle mich ist drei Jahren mit diesen Vorwürfen herum, die durch nichts gerechtfertigt sind. Und ich habe schon einmal, Herr Schwarzkopf, an Sie appelliert, es wäre doch vielleicht ein Thema für die Historische Kommission der ARD, wie so eine historische Fälschung zu Stande kommen kann." Fälschung? Wahrheit? Sicher: Recherche muss stimmen- jeder Verdacht muss begründet und belegbar sein. Aber dennoch bleibt der Widerspruch zwischen einer Aufklärung, die juristischen Kriterien entspricht, und dem Anspruch der Journalisten. Hans-Jürgen Börner, ehem. NDR-Redakteur: "Sie werden verstehen, dass ich für die journalistische Haltung plädiere, weil ich sage, der öffentlich-rechtliche Sender sollte da nicht vorsichtig sein. Ich will das Wort feige nicht nennen, er sollte nicht vorsichtig sein, sondern mutig."

Aufarbeitung der Geschichte - Gesprächsversuch gescheitert

Börner hat es versucht. Wollte Erklärungen von denen, die ihn bespitzelt hatten, als er ARD-Korrespondent in der DDR war. Er begab sich in diesem Jahr auf filmische Spurensuche. Ausschnitt "Meine Stasi" - Hans-Jürgen Börner fragt Manfred Mohr: "Kennen Sie diese Akte?" Manfred Mohr, ehemaliger Stasi-Hauptmann: "Nein." Hans-Jürgen Börner: "Doch! Sie haben sie doch unterschrieben." Manfred Mohr: "Herr Börner, ich sagte, ich stehe für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Bitte seien Sie so nett und nehmen Sie das bitte zur Kenntnis." Hans-Jürgen Börner: "Nee, das kann ich nicht zur Kenntnis nehmen. Wir müssen uns erst mal hier über dies unterhalten." Manfred Mohr: "Ich hab Ihnen schon einmal gesagt, das ist Ihre Auffassung der Dinge und ich habe meine. Und für mich ist das 20 Jahr her und die Sache ist für mich abgeschlossen. Und ich stehe für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Guten Tag!" Hans-Jürgen Börner: "Nee, Sie können doch nicht einfach der Vergangenheit ausweichen. Das geht nicht!" Manfred Mohr: "Das ist Geschichte." Hans-Jürgen Börner: "Das ist Geschichte, aber man muss doch Geschichte aufarbeiten!" Manfred Mohr: "Wenn Sie das machen möchten, bitte!" Hans-Jürgen Börner: "Das möchte ich gerne!" Manfred Mohr: "Aber ich nicht!" Aufarbeitungsversuche 20 Jahre danach. Der Reporter redet trotz der Bedenken von Juristen Klartext.

Juristisches Risiko - Veröffentlichung von Klarnamen

Klartext kann juristisch gefährlich werden. Diese Erfahrung macht jetzt auch die ARD. Sie möchte noch in diesem Monat ihre Gesamtstudie als Buch veröffentlichen. Er hat diese ARD-Studie erstellt, zusammen mit anderen Historikern: Jochen Staadt. Er musste jetzt nachträglich viele Namen schwärzen. Das juristische Risiko kann er verstehen, hat aber dennoch seine Probleme damit. Er würde am liebsten alle Namen nennen. Dr. Jochen Staadt: "Trotzdem bin ich der Meinung, wenn man das Wagnis eingeht, die Aufklärung auf diesem Feld zu wünschen, dann sollte man auch die Ergebnisse am Ende so behandeln, wie man es am Anfang gewünscht hat. Nämlich, dass Ross und Reiter genannt werden und dass man weiß, welche Verantwortung auch von einzelnen Personen für medienpolitische Geschichte getragen wird." Prof. Johannes Weberling: "Eine Veröffentlichung, wo wesentliche Fakten, nämlich die Namen nicht erkennbar sind, wird nur zu Spekulationen Anlass geben und nicht zu einer Klärung der Situation." Fritz Pleitgen: "Ich fürchte, wenn wir nicht alles herauslassen, dann wird immer ein Ruch daran bleiben, dass wir irgendetwas verbergen wollten. Aber das war ja gerade das Gegenteil, was wir erreichen wollten. Wir wollten alle Karten auf den Tisch legen."

Übertriebene Vorsicht - Schwachstellen der ARD-Veröffentlichung

Alle Karten auf den Tisch legen? Anonymisiert werden in der ARD Studie jetzt selbst die, die ihre Spitzel-Dienste längst offen zugegeben haben. So zum Beispiel der "IM Gerhard Jäger", alias Franz Köhler. Jahrelang war er auf den damaligen DDR-Korrespondenten Fritz Pleitgen angesetzt. In einem Fernsehinterview hatte er seine Spitzel-Tätigkeit öffentlich zugegeben. In der Studie wird er anonymisiert als Franz K. Auch er wird nicht mit vollem Namen genannt: Karl-Heinz Gerstner. In der DDR war er Moderator der Sendung "Prisma", und für die Stasi arbeitete er unter dem Decknamen "Ritter". Dabei hatte Gerstner bereits im Jahr 2000 offen in der "Berliner Zeitung" über seine "Tätigkeit für die Stasi" gesprochen. Und auch sie wird in der aktuellen Studie anonymisiert - die Journalistin Christina Wilkening. Als überzeugter Stasi-Spitzel war sie auf Kollegen aus dem Westen angesetzt. Nach der Wende hatte sie sich flugs zur Aufklärerin gewandelt. In ihrem Buch "Staat im Staate" interviewte sie ehemalige Stasi-Mitarbeiter. Und im Vorwort schrieb sie: "Ich wollte wissen, wer waren diese Leute?" Zur Aufklärung ihrer eigenen Stasi-Vergangenheit jedoch schweigt sie. Ausschnitt "Operation Fernsehen" ARD, 2004: "Christina Wilkening setzt alles daran, ihr Vorleben als aktive Geheimdienstlerin zu verschleiern. Über Monate bitten wir um ein Interview. Über Monate hält uns Christina Wilkening alias "IM Nina" hin."

Juristische Vorgaben - Schwierigkeiten für die Berichterstattung

Drei Beispiele, die beim Umgang mit der Stasi-Vergangenheit Schule machen könnten, so fürchten Kritiker. Richtig und legitim dagegen, finden ARD-Verantwortliche die Anonymisierung. Fritz Raff: "Insgesamt, wenn ich an Deutschland denke, an Datenschutz, an Persönlichkeitsschutz, ist es doch ein sehr sensibles Thema. Ich weiß nicht, ob dieses Jagdfieber nach Einzelpersonen wirklich das ganze wertlos macht, indem man dem nicht Rechnung trägt, sondern indem man eher Strukturen aufzeigt." Eine Strukturanalyse mit allergrößter Vorsicht. So wurde auch darüber diskutiert, ob Prominente anonymisiert werden sollten, die mit der Stasi gar nichts zu tun hatten. Zum Beispiel der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann - zwischenzeitig nur als Bundespräsident H. erkennbar. Reporterin: "Ist das nicht grotesk?" Fritz Raff: "Ich hab selten Rechtsvorgaben erlebt, die nicht irgendwo auch groteske Auswirkungen hatten."

Transparenz und Glaubwürdigkeit - Das Beispiel "Lausitzer Rundschau"

Die "Lausitzer Rundschau" ging einen anderen Weg. Sie nannte die Namen der vermeintlichen Stasi-Spitzel. Das frühere SED-Blatt wollte bereits 2001 seine eigene Vergangenheit aufarbeiten. Zu jedem der zahlreichen IM-Namen lieferte das Blatt die Klarnamen seiner Mitarbeiter. Die Redaktion war damit einverstanden. Dieter Schulz, Chefredakteur "Lausitzer Rundschau": "Wenn kein Name drin steht, dann ist das eine Beliebigkeitsstudie, die mit Aufarbeitung nichts zu tun hat. Ich glaube, man muss bestimmte Dinge gegebenenfalls juristisch durchfechten, um eine eigene Meinung zu vertreten." Es wurden Namen genannt und Konsequenzen gezogen. Nach langen Gesprächen mit den ehemaligen Spitzeln trennte sich die Zeitung von drei Mitarbeitern. Zwei Lokalchefs verloren ihre Leitungsaufgaben. All das wurde in der Zeitung den Lesern offen mitgeteilt und transparent gemacht. Und auch die Studie wurde vollständig veröffentlicht. Dieter Schulz: "Die "Lausitzer Rundschau" hat seit Beginn an, sich sehr stark im Bereich der Aufklärung über die Machenschaften des damaligen Ministeriums für Staatssicherheit engagiert. Und es ist einfach eine Frage der journalistischen Glaubwürdigkeit, dann dies im eigenen Haus auch zu tun."

Dissens zwischen Historikern und ARD - eigene Veröffentlichung der Forscher

Die ARD will ihre Studie Ende diesen Monats vorstellen. Der ARD-Vorsitzende ist von der Qualität überzeugt. Fritz Raff: "Ich nehme an, die Wissenschaftler haben das sehr akribisch aufgearbeitet und sie haben versucht, allem eine Wertigkeit beizumessen, die sehr objektiv ist. Trotzdem kann es ja sein, dass der ein oder andere dagegen angegangen wäre." Die Autoren der Studie, allesamt Historiker, sind nicht so begeistert. Ihnen wurde zu viel anonymisiert. Dr. Jochen Staadt: "Die Verantwortung für die Veröffentlichung der Endfassung trägt die ARD, sie ist der Herausgeber. Und etwaige Anonymisierungen, die da vorgenommen sind, muss die ARD verantworten." Gestern haben die Forscher ihre Version der ARD-Vergangenheit in Berlin vorgestellt. Der Titel des Buches: "Operation Fernsehen". Hier publizieren sie das, was sie für verantwortbar halten. In der ARD ist man da wesentlich vorsichtiger. Reporterin: "Entwertet das nicht irgendwie die ARD-Studie in der Veröffentlichung?" Fritz Raff: "Vermag ich so nicht zu erkennen." Doch die ARD-Studie wird ganz sicher eine kontroverse Diskussion auslösen.

Juristische Bedenken schützen Spitzel - Konkrete Verantwortungen bleiben unklar

"Nieder mit der Stasi-Mafia", als DDR-Bürger 1990 die Stasi-Zentrale stürmten, haben sie die Vernichtung der Akten verhindert. Die Täter sollten nicht anonym bleiben. Das gleiche Ziel ist auch im Stasi-Unterlagengesetz definiert. Um Unrecht aufzuarbeiten, sollen Opfer geschützt und Verantwortliche benannt werden. Auch und gerade von den Medien. Dr. Jochen Staadt: "Die ganze Aufarbeitung des Nationalsozialismus lebte ja davon, dass aufgeklärt wurde, welche Rolle haben einzelne Personen in dem diktatorischen Regime vor 1945 gespielt. Und die Befürchtung, die wir hegen, ist, dass durch die gegenwärtige Persönlichkeitsrechtssprechung genau das ausgehebelt wird, was die Errungenschaft der Wissenschaft und des Journalismus in diesem Aufklärungsprozess gewesen ist." Prof. Johannes Weberling: "Ich bin der Auffassung, dass jede Generation das Recht hat, die Fragen zu stellen, die zu stellen sind. Ähnlich wie in den 60er Jahren die Studentenrevolte die Fragen an die Eltern und Großeltern gestellt hat: Wie habt ihr es eigentlich gehalten mit dem Dritten Reich? Glaube ich, dass heute jeder die Frage auch stellen darf: Wie hast du es denn gehalten mit dem Widerstand oder der Anpassung in der DDR?"

Abmoderation:

Mehr zur Stasi-Aufarbeitung und der ARD-Studie finden Sie auf unserer Homepage unter www.ndr.de/zapp.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.11.2008 | 23:10 Uhr

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