Sendedatum: 11.08.2010 23:05 Uhr  | Archiv

Wallraff undercover bei BILD

von Sine Wiegers

Der Mann, der Hans Esser war: Günter Wallraff. 1977 hatte der Journalist Undercover bei der Bild-Zeitung als Reporter gearbeitet. Sein Erfahrungsbericht "Der Aufmacher"  wurde ein Knaller. Der Film dagegen, "Informationen aus dem Hinterland", ist bis heute nie ganz im deutschen Fernsehen gezeigt worden und verschwand im Archiv des WDR. Der Sender hatte rechtliche Bedenken. Jetzt, 33 Jahre später, hatte der Springer-Verlag versichert, er habe nie vorgehabt gegen den Film vorzugehen. Und deswegen können wir sie jetzt zeigen: die Szenen aus einem umstrittenen Zeit-Dokument.

 

Günter Wallraff: "Ich glaube, wenn ich mich in dem Film wiedersehe, ekel ich mich vor mir selber. Weil ich war in dieser Zeit der Bildreporter Hans Esser."

März 1977 - Günter Wallraff auf dem Weg zur Bild-Redaktion Hannover. Letzte Absprachen mit dem ehemaligen Bild-Redakteur Alf Breull, der Wallraff in die Redaktion einschleust.

Alf Breull: "Es kommt besser an, das aggressive Reden."
Günter Wallraff: "Aggressiv, ja?"
Alf Breull: "Ja, das kommt besser an."
Günter Wallraff: "Voll rein!"
Alf Breull: "Ja."

Es klappt, er kriegt den Job und ist schon nach dem ersten Tag als Reporter erschüttert:

"Ich glaube, es ist die schwierigste Rolle, die ich überhaupt jemals gemacht habe. Eine Schwerstarbeit, Drecksarbeit in einer Fabrik am Fließband ist dagegen also fast eine Erholung. Weil dieser Schmutz, dem man hier ausgesetzt ist, da hat man keine Distanz, keine Abwehrmechanismen."

Möglichst distanzlos

So wird aus einem harmlosen Termin, eine Frau macht Kampfsport, ein reißerischer Bild-Artikel. Wallraff versucht sich.

Günther Wallraff alias Hans Esser fragt: "Sind Sie schon mal vergewaltigt worden?"
Frau: "Nein, eigentlich kann ich mich damit nicht ..."

Viel zu vorsichtig. Ex-Bild Reporter Breull hilft nach, damit aus der jungen Frau eine Bild-Geschichte wird.

Breull ruft sie an: "Sie haben aber gelernt zu töten?"
Frau: "Nein, das könnte ich nicht behaupten."
Breull: "Beispielsweise sie gehen nachts durch die Eilenriede und es stehen plötzlich irgendwie vier Typen vor ihnen. Der erste greift ihnen also an die Bluse, der zweite unter den Rock, was tun sie dann? Legen sie sich hin oder was tun sie?"

Frau: "Also, da ich noch niemals in einer solchen Situation war, kann ich diese Fragen wirklich nicht beantworten."

Egal, in Bild steht später: "Jung. Blond und gefährlich - Angela Hoffman kann mit einem Tritt (...) jeden Räuber oder jeden Rocker auf der Stelle töten." (Bild, 1977)

Es funktioniert. Günter Wallraff schreibt, was der Reporter Hans Esser an die Redaktion liefern muss.

Günther Wallraff: "Selbst wenn man draußen ist auf einem Termin und hört sich irgendwo einen Informanten an. Dann muss man unterbrechen, ans Telefon, man muss der Redaktion, hier dem Redaktionsleiter beantworten: Was hat er gesagt? Was ist los? Was steckt drin? Wie ist die Geschichte? Das heißt, man reflektiert dann gar nicht mehr so, wie man es erlebt, sondern so wie er es hören will, um die Geschichte ins Blatt hinein einzufädeln."

Erfundene Zitate

Dafür erfindet Esser zum Beispiel Zitate. "Bei Sturm schwappt das Wasser aus der Badewanne" - das hatte zwar nie jemand gesagt, aber Skrupel lernt er schnell über Bord zu werfen: "Je nachdem, in welcher Schicht, in welchem Milieu das angesiedelt ist, braucht man weniger Sorgfaltspflicht. Wenn das in den unteren Schichten sich abspielt, da braucht es vorne und hinten nicht zu stimmen. Wenn es jetzt natürlich in die gewisse High Society reingeht, da muss man sehr vorsichtig verfahren, damit die Sachen auch stimmen."

Vier Monate arbeitet Wallraff undercover bei Bild, führt ein Doppelleben. Zeigt sich nur selten in der Kantine, und wird doch erkannt: "Und ein Journalist, den ich bis dahin nicht gesehen hatte, sprach mich an: Sie sind doch der Günter Wallraff. Ich dachte es ist alles aus und fing mich dann aber gerade noch so und sagte: Ja, da bin ich schon mehrmals mit verwechselt worden, aber der hat doch eine Brille und einen Schnauzbart."

Manchmal schafft Wallraff es, Artikel in seinem Sinne ein wenig zu verändern. Aber vor allem dokumentiert er, wie eine Zeitung Mitarbeiter und Leser manipulieren kann: "Die Macht des Blattes ist unheimlich. Das ist meiner Ansicht nach also eine politische Macht, wie wir sie stärker hier überhaupt nicht haben."

Günter Wallraff hat übrigens damals einen Rechtshilfe-Fonds für Bild-Opfer ins Leben gerufen. Er hilft zum Beispiel bei schweren Fällen von Rufmord und das bis heute.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.08.2010 | 23:05 Uhr

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