Sendedatum: 01.02.2012 23:20 Uhr  | Archiv

Revolutionshilfe: Der Weg der Syrienbilder

Täglich Tote und kein Ende der Gewalt: Syrien ist eines der Top-Themen in den Nachrichten. Doch Bilder gibt es kaum. Alle, die vor Ort filmen und von den Kämpfen berichten, müssen um ihr Leben fürchten. Und auch bei uns fühlen sich viele bedroht. Als wir für den folgenden Beitrag mit syrischen Aktivisten in Deutschland sprachen, haben sich nur wenige getraut, vor die Kamera zu gehen. ZAPP über Menschen, die trotz ihrer Angst Zeichen setzen.

Hinter einer syrischen Fahne machen Protestler das Victory-Zeichen © picture alliance / landov

ZAPP

Ein Film von Daniel Bröckerhoff.

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Maksim Alissa beim Videotelefonat nach Syrien. Mehrmals am Tag spricht der Exil-Syrer von Deutschland aus via Skype mit Aktivisten. Wo hat es Demonstrationen gegeben? Wie viele Menschen wurden festgenommen? Gab es Tote? Drei Tage nach dem Beginn der Aufstände im März 2011 gründet er mit Freunden das Portal "thenewsyria.net".

Maksim Alissa: "Am Anfang wollten wir eigentlich die ganzen Videos und die Informationen über die syrische Revolution archivieren und das hat sich entwickelt zu eine offiziellen Webseite, die selber die Nachrichten veröffentlicht über die Situation in Syrien."

Ein Fulltime-Job. Täglich tragen er und seine Mitstreiter Informationen aus Syrien zusammen, schreiben Artikel auf arabisch und kurdisch, verlinken Videos. So unterstützen sie die Protestierenden.

Maksim Alissa: "Bis sie in Syrien eine Nachricht schreiben, das ist natürlich eine große Gefahr. Alles formulieren und Videos, das dauert sehr lange und sie sind sehr beschäftigt mit der Demonstration, mit der Organisation der Demonstration."

Der Kontakt nach Deutschland: Für die Aktivisten in Syrien die Verbindung nach draußen.

Ein syrischer Aktivist erzählt im Skype-Gespräch: "Es ist sehr wichtig, mit euch über Skype zu sprechen, ihr seid unsere einzige Stimme im Exil, ihr könnt unsere Tragödie an die Öffentlichkeit bringen."

Aktivistennetzwerk außerhalb Syriens

Maksim Alissa ist nicht der Einzige, der die syrischen Demonstranten unterstützt. Es gibt ein großes Aktivistennetzwerk, das Öffentlichkeit sucht. Einer von ihnen ist Siamend Hajo. Er lebt seit 30 Jahren in Deutschland, kämpft mit seinem Verein "kurdwatch" für die Menschenrechte in Syrien. Seit Beginn des Konflikts  bietet er westlichen Medien verstärkt Informationen aus seiner Heimat an.

Siamend Hajo: "Wir haben festgestellt, dass es sehr wenig Informationen vor allem in englischer Sprache und in deutscher Sprache über die Menschenrechtssituation in Syrien gibt. [...] und wir wollten ein Portal online stellen, das die Informationen aus erster Hand anbietet."

Um die Informationen aus erster Hand zu bekommen, reist Hajo im September letzten Jahres an die syrische Grenze. Dort trifft er junge Aktivisten, versorgt sie mit Internetverbindungen und iPods zum Filmen, besorgt ihnen Satellitentelefone, um sie unabhängig zu machen. Und er schult die Aktivisten darin, wie sie die Demonstrationen filmen müssen.

Siamend Hajo: "Mir war daran gelegen, dass man zumindest die Aktivisten nicht sieht, also sehr oft sieht man die Aktivisten. [...] Man kann zum Beispiel auch von hinten durch eine Demonstration durchlaufen, man kann die Transparente zeigen, aber man muss nicht die Gesichter zeigen."

Nicht nur die Gefilmten, auch die Filmenden sind gefährdet. Um sich zu schützen, drehen viele mittlerweile von Hausdächern. Von oben können sie die Situation gut überblicken.

Siamend Hajo: "Wir wissen, Hunderte von diesen Aktivisten sind verschwunden, einige sind umgebracht worden, es gibt Scharfschützen, die gezielt auf Leute schießen, die Aufnahmen machen. Also das ist lebensgefährlich, was diese jungen Aktivisten da machen."

Gefährliches Engagement

Aber auch in Deutschland sind sie nicht sicher. Nur wenige trauen sich wie Maksim Alissa vor unsere Kamera.

Siamend Hajo: "Wir haben einen Fall gehabt, dass ein Aktivist hier in Berlin aufgesucht und zusammengeschlagen wurde. Es sind Aktivisten bedroht worden. Aber wovor viele Angst haben ist, dass ihre Familienmitglieder in Syrien Probleme kriegen. [...] Es gibt Fälle, wo die Eltern festgenommen worden sind, gefoltert worden sind."

Maksim Alissa: "Presse und Medien, besonders vor allem die Videos, das sind die größten Dokumente, die das Regime bedrohen. [...] Das Regime hat die größte Angst nicht vor Waffen, sondern vor den Medien."

Informationen sind wichtig in diesem Konflikt. Unabhängige Journalisten werden nicht ins Land gelassen. Ohne Internet, da sind sie sich sicher, hätte der Protest keine Chance. Nur so konnten sie die Bilder aus Syrien weltweit verbreiten, auch wenn es oft schwer fällt.

Siamend Hajo: "Am Anfang bin ich fast zusammengebrochen. Ich habe mir die Bilder auch eine Zeit lang nicht mehr angesehen. Also es gab zwei Monate, wo ich die Bilder nicht mehr sehen konnte."

Viele westliche Journalisten sind noch skeptisch gegenüber den Informationen aus der Hand der Aktivisten. Es fehlt an Vertrauen, weil sie nicht unparteiisch sind. Dabei versuchen die Exil-Syrer journalistisch zu arbeiten, sagen sie, auch mit Blick in die Zukunft.

Maksim Alissa: "Jetzt arbeiten wir ehrenamtlich. Dann können wir in Zukunft wirklich eine große Nachrichtenagentur eröffnen, in der wir als Journalisten, als richtige Journalisten arbeiten."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 01.02.2012 | 23:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/syrien193.html