Sendedatum: 24.06.2009 23:00 Uhr  | Archiv

Aufregung – Fernsehmoderatoren diskutieren über Nebenverdienste

von Timo Großpietsch, Anne Ruprecht

Ein Thema, das bis heute viele Medien aufwirbelt: der Zapp Beitrag der vergangenen Sendung über die Nebenverdienste von Fernsehmoderatoren. Natürlich war irgendwie klar, dass dieses Thema viele elektrisieren würde, aber dass es derart für Schlagzeilen sorgt, bis heute, damit hätten wir dann doch nicht gerechnet. Jetzt wird also heftig in allen Sendern diskutiert: Wie gehen wir mit Nebenverdiensten um? 

Ein Redner auf einer Bühne © picture-alliance/dpa Fotograf: Roland Weihrauch

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ZAPP -

Aufregung – Fernsehmoderatoren diskutieren über Nebenverdienste

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Die Säle sind voll, wenn sie kommen: Die Fernsehjournalisten. Sie moderieren Veranstaltungen bei Banken und Unternehmen. Sie kommen hauptsächlich von ARD und ZDF und gelten deshalb als besonders seriös und glaubwürdig. Was sie für solche Auftritte erhalten, bleibt offen. Angeboten werden sie von Agenturen – zu Preisen zwischen 6.000 und 20.000 Euro pro Auftritt. Darüber hatte Zapp letzte Woche berichtet und alle berichteten danach über Zapp. Obwohl diese Nebenjobs viele Journalisten betreffen, standen nur einige wenige plötzlich am medialen Pranger.

Frank Beckmann, Fernsehdirektor NDR: „Was mir vor allen Dingen nicht gefallen hat ist, dass man es sehr personalisiert hat. Weil: Es geht da nicht um Einzelfälle, sondern es geht um ein Problem, was man seit vielen Jahren ja auch schon hat. Weil man auch weiß, dass es viele Jahre auch schon  Nebentätigkeiten von Journalisten gibt und daran ist ja im Prinzip auch nichts auszusetzen. Ein Journalist darf ja Reden halten, er darf auch Vorträge machen. Wichtig ist ja nur, dass das genehmigt ist.“

Mehr Transparenz?

Diese Genehmigung hatten alle. Doch nach der Höhe der Honorare dürfen die Sender nicht fragen. Das soll sich jetzt ändern, fordert der ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: „Im Sender selbst wird natürlich schon gesagt für wen er arbeitet. Das wird ja auch genehmigt, aber es wird nicht die Höhe des Honorars genannt. Das finde ich nicht korrekt, ich bin für absolute Transparenz. Wenn ein Journalist eine Nebentätigkeit annimmt, dann soll das auch veröffentlicht werden. Ende des Jahres, im Internet oder auch in einigen Zeitungen, so wie bei Abgeordneten ja auch. Der Bürger erwartet von Abgeordneten Unabhängigkeit. Von Journalisten erwartet er Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und absolute Transparenz.“ Frank Beckmann, Fernsehdirektor NDR: „Für mich ist natürlich ein höchstmögliches Maß an Transparenz auch wichtig. Das Problem dabei ist nur, dass können ja nicht nur wir entscheiden, sondern wir müssen auch gemeinsam diskutieren. Es ist ja auch nicht möglich, dass man rechtliche Rahmenbedingungen einfach auch überschreitet. Da muss man mit den Mitarbeitern zusammen darüber reden. Ich gehe davon aus, dass wir das in nächster Zeit auch tun werden.“ „Nach Enthüllungen im NDR-Magazin „Zapp“. Streit um Nebenverdienste der TV-Journalisten“ Dass etwas getan wird, das wollen jetzt viele nach dem Zapp Beitrag und jeder soll es wissen. „In der ARD besteht interner Diskussionsbedarf“ (Bild, Ausgabe vom 19.06.2009), stellt ein Intendant fest. Und ein FDP-Politiker fordert in Bild am Sonntag „Mehr Durchblick bei Zusatzjobs der TV-Moderatoren“ (Bild am Sonntag, Ausgabe vom 21.06.2009).

Die Debatte ist entfacht

Ministerpräsidenten kritisieren öffentlich die derzeitige Regelung bei Nebentätigkeiten und der ARD-Chef Peter Boudgoust mahnt, die ganze Diskussion mit „kühlem Kopf“ zu führen (SZ, 24.06.2009). Die Diskussion: Wie viel darf ein Journalist verlangen? Und darf der Sender das erfahren? Oder bleibt es, wie bisher - Privatsache? Frank Beckmann, Fernsehdirektor NDR: „Die Höhe des Honorars kann durchaus auch ein Kriterium sein, über das man diskutieren muss. Auf der anderen Seite haben wir natürlich auch das Problem, dass die Höhe eines Honorars in der Regel von dem entschieden wird, der dieses Honorar zahlt. Das ist im Markt üblich, dass es sehr gute Journalisten gibt und herausragende Journalisten. Da kann es eben durchaus sein, dass herausragende Journalisten auch ein Stückchen mehr verdienen, wenn sie beispielsweise Reden halten oder Vorträge machen oder bei einem Podium moderieren. Ich halte das auch nicht für verwerflich. Die Frage ist nur, brauchen wir dafür auch ein gewisses Maß an Transparenz? Das herzustellen wiederum halte ich für einen richtigen Weg.“ Nikolaus Brender, Chefredakteur ZDF: „Die meisten TV-Moderatoren gelangen durch den Sender, auch durch die öffentlich-rechtlichen Sender, zu ihrer Bekanntheit. Die Glaubwürdigkeit schaffen sie ja nicht einfach im stillen Kämmerlein. Die Glaubwürdigkeit erlangen sie durch den Auftritt vor der Kamera und gerade deswegen sollten alle, die dieses Privileg haben, auch eine besondere Verantwortung an den Tag legen. Dazu meine ich, dass die Nebenbeschäftigungen aufgelistet werden sollten, öffentlich gemacht werden sollten, der Auftraggeber genannt wird und das Honorar genannt wird. Transparenz ist die beste Disziplin.“

Abhängig vom Geld

Diese Transparenz bei bezahlten Auftritten abseits der Fernsehkameras könnte auch zeigen, ob Journalisten von solchen Auftritten abhängig wären. Nikolaus Brender, Chefredakteur ZDF: „Wenn ein Journalist mit der Nebentätigkeit rechnet, wenn er seine Lebenshaltung damit bezahlt, wenn er möglicher Weise Urlaubsreisen und andere Dinge in sein Alltagsleben mit einberechnet, sozusagen immer mit einem Zusatzauftrag, einem Nachfolgeauftrag rechnet, dann macht er sich abhängig. Dann macht er sich nicht nur abhängig vom Geld, sondern macht sich natürlich abhängig auch von denen, die ihm das Honorar bezahlen.“ Die jetzt entfachte Debatte um Nebenverdienste betrifft viele. Nicht nur die, über die jetzt alle schreiben und nicht nur die, von ARD und ZDF. Nikolaus Brender, Chefredakteur ZDF: „Problematisch ist es für alle Journalisten. Nicht nur für öffentlich-rechtliche TV-Moderatoren, sondern für alle Journalisten, die jetzt das öffentlich-rechtliche Fernsehen kritisieren. Zeitungen, Zeitschriften, Magazine die sollten sich mal selbst überlegen, wer denn aus deren Redaktionen auch Vorträge hält oder sich bezahlen lässt.“ Wie viel Transparenz ist schon heute möglich?

Wie verhalten sich die Zeitungsjournalisten und Moderatoren der Privaten?

Zapp bat einige Chefredakteure um Antworten: Über ihre Nebentätigkeiten, über ihre Honorare, über ihre Auftritte außerhalb ihrer Redaktionen. Die Antworten kamen prompt. Wir waren überrascht. Sämtliche von uns angefragten Verlage beteuerten, dass ihre Chefredakteure über keine Agentur angeboten würden. Außerdem gäbe es nur in wenigen Fällen Honorare für Auftritte außerhalb der Redaktion. Diese würden in aller Regel gespendet. Und wie halten es die Nachrichtenkollegen von RTL mit ihren Vorträgen und Honoraren? Ihr Chefredakteur und Moderator Peter Kloeppel teilte uns mit, dass er solche Auftritte ablehne, sie würden die Unabhängigkeit beeinträchtigen. Und die Moderatoren des RTL-Nachtjournals? Christoph Lang habe dies seit Jahren nicht getan. Seine Kollegin Inka Eßmüller hatte lediglich eine honorierte Veranstaltung: Die Gage 5.000 Euro. So eindeutig die Auskünfte der Chefs, so diffus das Verhalten vieler Journalisten - auch der privaten Sender und Zeitungen. Denn er ist kein Einzelfall: Ralf Exel. Im Regionalfenster von Sat.1 in Bayern moderiert er die Nachrichtensendung. Gegen Bezahlung moderiert er nebenher CSU-Veranstaltungen. Verkaufter Journalismus der schlimmsten Art. Ausschnitt vom CSU Parteitag vom 18. und 19. Juli 2008, Ralf Exel: „Nach diesen letzten Eindrücken kann es nur ein wunderbarer Wahlkampf und ein perfektes Ergebnis für die CSU werden, Herr Beckstein!“ Journalistische Fehlleistungen, ganz sicher jeden Tag irgendwo in der Republik. Jetzt wird darüber gestritten und nach Lösungen gesucht. In den meisten Verlagen, aber auch bei Fernsehsendern, gibt es keine verbindlichen Richtlinien zur Frage, was genau darf ein Journalist? Was nicht? Was ist juristisch legitim, aber ethisch vielleicht angreifbar?

Verhaltenskodex gefordert

Auch beim NDR wird seit Wochen darüber diskutiert – über einen Verhaltenskodex für die Mitarbeiter.  Frank Beckmann, Fernsehdirektor NDR: „Wir haben gerade bei uns in der vergangenen Zeit sehr über einen Verhaltenskodex nachgedacht und auch mit den weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern darüber gesprochen. Weil wir es einfach auch wichtig finden, dass wir die Verhaltensregeln für die Mitarbeiter des NDR auch definieren. Das wir wissen, was in Ordnung ist und was nicht in Ordnung ist. Auch in diesem Rahmen finde ich es wichtig über Nebentätigkeiten zu diskutieren, auch über Presserabatte zu diskutieren, denn unser wichtigstes Gut ist natürlich die Glaubwürdigkeit.“ Nikolaus Brender, Chefredakteur ZDF: “Öffentlich-rechtliche Journalisten haben eine besonders hohe Glaubwürdigkeit. Das lässt sich in allen Umfragen ersehen und weil sie diese hohe Glaubwürdigkeit vertreten und weil man in sie auch Vertrauen setzt, müssen sie sehr viel korrekter sein, sehr viel klarer sein, als andere.“ Zu dieser Glaubwürdigkeit gehört es auch, das Beiträge wie diese möglich sind – in einem System das selbst unter Beobachtung steht. Die Diskussion allerdings muss überall geführt werden. Damit Journalisten weiterhin Glaubwürdig sind.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 24.06.2009 | 23:00 Uhr

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