Das Interview mit Heribert Prantl, Chefredaktion Süddeutsche Zeitung.
Video starten (16:47 min)Guido Westerwelle soll nicht länger Medienthema bleiben. FDP-Chef Rösler hat deshalb gestern auf den Tisch gehauen: "[...] Ich halte deswegen auch die öffentliche Debatte in dieser Frage für beendet." - Das war deutlich. Fragen der Journalisten zu Westerwelle wurden gar nicht zugelassen. Doch so oder so, die Medien waren sich fast ausnahmslos einig und haben Westerwelles Reputation schon im Vorfeld gnadenlos vernichtet.
Ein Film von Gita Datta.
Fraktionsklausur der FDP, gestern in Bensberg. Außenminister Westerwelle belagert von Journalisten. Dabei steht er eigentlich gern im Rampenlicht. Jetzt ist er aber im Visier der Medien und ihr Urteil steht bereits fest: Der "Cicero" wähnt den "Zick-Zack-Mann vor dem Aus" (29.08.2011). "Peinlichkeiten, Pech und Pannen" attestiert "Handelsblatt.de" (29.08.2011) und die "taz" fragt lapidar "Wer gibt zuerst auf?" (29.08.2011). "Spiegel Online" schreibt den Außenminister schon aus dem Amt. Kommentiert "Es ist vorbei" (29.08.2011).
Heribert Prantl aus der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" meint dazu: "Die Online-Dienste hacken über Tage hin in die gleiche Kerbe und hauen die Kerbe immer tiefer, auch aus Lust am Zuschlagen. Und vielleicht auch deswegen, aber das gehört ja allgemein zu unserem Metier, weil das kritische Umgehen mit Personen sehr viel einfacher ist, als die kritische Auseinandersetzung mit komplexen Sachthemen."
Das eigentliche Sachthema ist die deutsche Enthaltung beim NATO-Einsatz in Libyen. Das war vor fünf Monaten. Rücktrittsforderungen gab es damals keine. Heute wird er abgestraft wegen eines Statements: "[...] gezielte Sanktionspolitik. Und dass die gewirkt hat insbesondere Gaddafi die Nachschubwege verstopft hat, das ist ganz offensichtlich." Um dann doch noch auf Druck von außen den Alliierten zu danken: "[...] gilt unser Respekt Frankreich und unseren Verbündeten."
Das war diplomatisch ungeschickt. Doch bei einer Stilkritik belassen es die Medien nicht. "Die Nerven liegen blank" behauptet der "Münchner Merkur" und präsentiert gleich mögliche Nachfolger (29.08.2011). Auch "Süddeutsche.de" hat „das Kandidaten-Karussell eröffnet“ und fordert die User auf, einen neuen Außenminister zu wählen (29.08.2011).
Der Redakteur des "Tagesspiegels", Hans Monath, meint: "Das Verhältnis von Journalisten zu Westerwelle ist gespannt. Ich glaube das hat mit seiner Persönlichkeit zu tun. Im persönlichen Umgang mit Journalisten ist er von einer erschreckenden Höflichkeit. Höflichkeit ist gut, aber man hat immer Schwierigkeiten, hinter dieser Höflichkeit seine Person zu entdecken."
Und diese Person ist zuweilen arrogant und herablassend, auch gegenüber Journalisten wie etwa im März: "The published opinion is not always the public opinion." Die klare Botschaft: "Ihr kauft mir den Schneid nicht ab." (Phoenix, 15.3.2010)
Heribert Prantl: "Die Art und Weise des Auftretens, des Rechthabens, des laut Sprechens, des aufgeblasen daher Stolzieren den meisten Kolleginnen und Kollegen immer auf den Geist ging."
Seine Selbstinszenierungen haben Journalisten früher dankend aufgegriffen. Er liefert markige Sprüche und starke Bilder: "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt. Und das bin ich." - Westerwelle der Macher.
Hans Monath: "Natürlich ist er als Politiker nicht so schlecht. Er hat ja die FDP zu dem größten Wahlerfolg geführt 2009. Aber er hat dann versäumt, aus dem Gestus des Oppositionspolitikers umzuschalten auf den Gestus des Ministers, des Außenministers."
So machen ihn die Journalisten zum Minister auf Abruf. "Westerwelle um Schadensbegrenzung bemüht", publizierte die Leitlinien seiner Außenpolitik in der "Welt am Sonntag" (28.8.2011). Schlagzeilen machte er damit nicht. Für Journalisten bleibt "Westerwelle – untragbar" (Die Welt, 31.08.2011) ein "Narziss am Abgrund" (taz, 29.08.011).
Heribert Prantl: "Man hat die Kritik darzustellen und den Schluss, ob jemand zurücktreten soll, soll der Leser, der Zuhörer, der Zuschauer, soll die Partei und soll der Betroffene selber ziehen. Sich da jetzt hinzustellen und jeden Tag zu sagen, 'jetzt bist du noch nicht zurückgetreten, ich hab es doch gestern schon geschrieben' ist genau die Art von Besserwisserei und Rechthaberei, wie man sie an dem Objekt der Begierde kritisiert."