Das Interview mit Stefan Kornelius
Die Langversion des Interviews mit dem Leiter des außenpolitischen Ressorts der "Süddeutschen Zeitung".
Video starten (18:09 min)What a show, oder? Die US-Präsidentenwahl. Die Berichterstatter konnten aus dem Vollen schöpfen, von Politik bis Boulevard - jeder kam auf seine Kosten. Kein Wunder, dass alle Augen gen Westen gerichtet sind. Dabei spielt sich im Osten ein nicht minder wichtiges Ereignis ab: Morgen startet der Parteitag der kommunistischen Partei Chinas, samt Kür des neuen Staatspräsidenten. Nicht ganz bedeutungslos für das Weltgeschehen. Und was hört und liest und sieht man darüber? Wenig, denn China lässt nichts raus. ZAPP über die Woche der Supermächte und die ungleiche Behandlung in den Medien.
Ein Film von Bastian Berbner.
Höhepunkt eines Medienspektakels: Barack Obama feiert seine Wiederwahl. Stundenlang berichteten auch deutsche Sender. Auch die ARD ist live dabei, Korrespondent Stefan Niemann resümiert in seinem Bericht von der Wahlparty: "Das ist jetzt die Siegerparty, auf die hier alle gewartet haben."
Über Monate intensive Berichterstattung über den Wahlkampf der Kandidaten, über ihre Vergangenheit, sogar über den Modegeschmack ihrer Gattinnen.
Stefan Kornelius, Ressortleiter Ausland der "Süddeutsche Zeitung": "Die amerikanische Wahl ist eine hochspannende Angelegenheit. Sie sitzen die ganze Nacht davor. Nirgendwo auf der Welt gibt es ein Ereignis, zu dem so viele Leute live und ständig Zugang haben, das heißt überall finden Wahlpartys statt, überall finden Übertragungen statt, es wird diskutiert, es gibt Podiumsdiskussion in Deutschland noch und nöcher. Dieses Ereignis ist an Spannung hochgeladen und die Menschen fiebern mit."
Wenn die USA ihren Präsidenten wählen, ist das ein globales Medienereignis. Aber auch die zweite Supermacht bestimmt in diesen Tagen ihre neue Führung: China. Ein 1,3-Milliardenreich, Exportweltmeister, Veto-Macht, bald wohl die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt. Morgen eröffnet die Kommunistische Partei in Peking ihren Kongress, legt fest, wer das Land zukünftig regieren wird. All das fast unbemerkt von der breiten deutschen Öffentlichkeit.
Die USA und China, zwei Schwergewichte, politisch, wirtschaftlich, militärisch. Aber die Berichterstattung spiegelt das nicht wieder. In den Zeitungen ist die Welt noch immer sehr amerikanisch, China unterrepräsentiert.
Prof. Carola Richter, Kommunikationswissenschaftlerin an der FU Berlin kritisiert: "China hat eine unheimlich große weltpolitische Bedeutung mittlerweile. Ist auch daran interessiert sich politisch zu engagieren. Trotzdem kennen wir die Führungskader per Namen im Wesentlichen eigentlich nicht. Also uns ist nicht bekannt, wer hinter dieser Politik steckt, die in China gemacht wird.“
Xi Jinping, Chinas neuer Regent, bald wohl der mächtigste Mann der Welt. Wenn alles nach Plan der Partei geht, wird er das Riesenreich zehn Jahre lang regieren, Weltpolitik machen. Die meisten Deutschen wissen fast nichts über ihn. Auch weil er in den Medien kaum vorkommt.
Stefan Kornelius bedauert diesen Zustand: "Ich glaube wir würden alle mehr über Xi Jinping berichten, wenn wir mehr über ihn wüssten, wenn man an ihn rankäme, wenn man wüsste, was ihn umtreibt, was tatsächlich hinter den Kulissen läuft."
Aber das tun die Redaktionen nicht, weil sie keinen Zugang bekommen. Christine Adelhardt ist Korrespondentin der ARD in Peking. Immer wieder wird sie bei ihren Recherchen behindert, ihre chinesischen Mitarbeiter bedroht. Die Behörden machen den journalistischen Alltag so schwer wie möglich: "Es gibt nahezu keine Veranstaltungen, bei denen wir als Presse zugelassen sind, keine Pressekonferenzen, keine Wahlkampftour, keine Begegnungen zwischen Politikern und Bürgern, die man begleiten und beobachten könnte. Auf Anfragen von Behörden bekommen wir entweder gar keine Antwort oder ablehnende Bescheide. Jetzt unmittelbar vor dem Parteitag dürfen wir noch nicht einmal auf öffentlichen Plätzen wie dem Tiananmen drehen, da werden wir sofort von der Polizei verscheucht."
Der Regierungssitz liegt abgeschottet hinter den hohen Mauern der verbotenen Stadt. Journalisten haben hier keinen Zugang. Obwohl von hier aus die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts maßgeblich mitbestimmt wird.
Stefan Kornelius kennt die Widrigkeiten: "Deswegen kann man natürlich sagen, (...) lasst uns mehr auf die Chinesen konzentrieren, aber das Ganze scheitert an den Realitäten. Das fängt schon damit an, dass Sie kein Visum bekommen, um über den Parteitag zu berichten. Es fängt damit an, dass Sie sich nicht akkreditieren können, dass Sie nicht in der Halle sitzen können und dass sie nicht mit den Delegierten reden können."
Auch Christine Adelhardt, ARD-Korrespondentin Peking, muss mit diesen Arbeitsbedingungen leben: "Das führt dann dazu, dass sich unsere Berichterstattung im Ungefähren bewegt, denn der Führungswechsel und die politischen Entscheidungen, die werden hier im Hinterzimmer getroffen. Das ist eine Geheimoperation und für die Berichterstattung bleibt dann oft nicht mehr viel mehr übrig als Kaffeesatzleserei."
Kritische Berichterstattung über chinesische Spitzenpolitiker geht nur mit extremem Aufwand und Risiko. Beispiel New York Times: Die Zeitung berichtete über Premier Wen Jiabao, seine Familie soll in den letzten Jahren Milliarden angehäuft haben. Der Verdacht von Korruption steht im Raum. Daraufhin wurde die Website der Zeitung in China gesperrt. Möglich war die Recherche nur, weil die New York Times fast 20 Mitarbeiter im Land hat. Die meisten deutschen Medien haben wenn überhaupt einen einzigen.
Stefan Kornelius, Ressortleiter Ausland der "Süddeutsche Zeitung": "Das Problem ist, dass sie nicht genügend Journalisten haben, die sich für China interessieren und die sich auch professionell für China begeistern können. Professionell, bedeutet bei China vor allem erstens die Sprache zu können. Ohne Chinesisch werden Sie in China keine vernünftige Chinaberichterstattung machen. Wer Chinesisch kann und studiert hat, wird leider in diesem Arbeitsmarkt, den wir haben, weggekauft. Wir haben einen hohen Bedarf in der Industrie an Chinaverstehern, an Menschen, die 'cultural translation' machen, die also im Prinzip Übersetzungshilfe leisten für Siemens, für BMW, für Mercedes, hochbezahlt werden. Da können die Medien nicht mithalten."
Aber für Carola Richter, Kommunikationswissenschaftlerin an der FU Berlin, ist auch die westliche Journalismuskultur mit Schuld daran, dass so wenig über die chinesische Staatsspitze berichtet wird: "Das System weigert sich, glaube ich, diese Personen selbst so auszustatten mit Lebensläufen und Hintergrundinformationen, vielleicht noch einer privaten Story, dass man gar nichts so richtig Greifbares hat außer eben so einen Bürokratenlebenslauf und das ist sicherlich etwas, was oftmals zu langweilig ist, um auch darüber zu berichten."
Die chinesischen Kader, nicht vereinbar mit dem Wunsch der Journalisten nach spannenden Personen, zu uniform, zu unspektakulär. Anders in den USA. Dort inszenieren die Wahlkampfteams immer neue Bilder, ein Restaurantbesuch des Präsidenten wird sofort zum Medienereignis. Und es gibt viele Journalisten, die das dankbar annehmen.
Stefan Kornelius sieht auch Fehler im Mediensystem: "Die ARD hat in Washington und New York so viele Korrespondenten stationiert wie alle deutschen Medien zusammen in Peking, also da ist ein Ungleichverhältnis und selbstverständlich müsste man die Gewichte umschichten, man müsste mehr für eine Balance sorgen und das, was uns in Zukunft bedrängen wird, nämlich China, besser ausleuchten, besser verstehen, auch kritischer verstehen. Aber solange wir die Menschen nicht haben, solange wir die Zugänge nicht haben, werden wir auch die Begeisterung dafür nicht schaffen."
Also weiter wie bisher mit den beiden Weltmächten. Eine wird durchleuchtet bis ins Privatleben ihrer Politiker, die andere ist und bleibt bislang eine Unbekannte hinter hohen Mauern.
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