Steinbrück: Vom Medienliebling zum Medienopfer?

Sie hat die Schlagzeilen auf ihrer Seite: Angela Merkel. Mit 98 Prozent ist sie auf ihrem Chefsessel beim CDU-Parteitag bestätigt worden. Respekt in allen Medien. Davon kann er derzeit nur träumen. Denn statt rauf, wird er gerade runtergeschrieben. Angies Gegner: SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück. ZAPP über einen, der schon bessere Zeiten hatte, auch in den Medien.

ZAPP - Autor/in: Mareike Fuchs, Boris Rosenkranz

Ein Film von Mareike Fuchs und Boris Rosenkranz.

Für ihn war die Welt damals noch in Ordnung: 2009. Ein Auftritt nach Peer Steinbrücks Geschmack. Er macht die Ansagen, die Journalisten lauschen. Und zusammen lachen sie, über seine Witze.

Steinbrück 2009: „Ich glaube, dass meine Partei mich gelegentlich als Granate wahrgenommen hat, ja.“ Dieter Wonka, Hauptstadtkorrespondent der "Leipziger Volkszeitung" erinnert sich: "Mit Steinbrück wusste man, hatte man immer eine eigene Nachricht, hatte man immer eine Schlagzeile, hatte man immer einen Aufmacher getragen, wenn man sich mit Steinbrück unterhalten hat."

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Dieter Wonka, Hauptstadtkorrespondent "Leipziger Volkszeitung" © NDR
 
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Das Interview mit Dieter Wonka

05.12.2012 | 23:20 Uhr

Die Langversion des Interviews mit dem Hauptstadtkorrespondenten der "Leipziger Volkszeitung".

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Auch Holger Schmale, Chefkorrespondent der "Berliner Zeitung" hat Steinbrück damals ähnlich wahrgenommen: "Er war auch unter den Journalisten, gerade hier den Berliner Journalisten, durchaus beliebt, weil er eben aus dem Rahmen fiel. Er war eben ein nicht so glatt geschliffener Politiker wie man sie sonst hier halt häufig hat."

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Holger Schmale, Chefkorrespondent "Berliner Zeitung" © NDR
 
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Das Interview mit Holger Schmale

Die Langversion des Interviews mit dem Chefkorrespondenten der "Berliner Zeitung".

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"Pleiten-Peer" und andere negative Schlagzeilen

Doch nun hat die Beziehung einen Knacks. Seit Steinbrück Kanzlerkandidat der SPD ist, hat er wenig zu lachen. Bild unkt über "Pleiten-Peer", andere lästern über sein gut gefülltes Konto, sehen "Steinbrück in der Honorar-Falle". Angela Merkels Herausforderer, nun muss er sich plötzlich verteidigen. Für seine üppigen Nebenverdienste. Verboten sind die nicht. Es ist vielmehr eine moralische Debatte. Darf ein geldgeiler Genosse Kanzler werden?

Dabei waren Steinbrücks Geschäfte vielen Journalisten bekannt. Über den "Topverdiener" schrieben sie immer mal wieder. Wie etwa die  "Mopo" mit dem Titel "Mehr mit Peer" und seine mindestens "500.000 Euro" Jahresgehalt.

Dieter Wonka, Hauptstadtkorrespondent der "Leipziger Volkszeitung": "Es stimmt, dass die Honorargeschichten, dass er ein Vortrags- und ein Automillionär ist, das habe wir alle schon gewusst. Ich hab vor einem Jahr schon mal ein Interview mit ihm drüber gemacht, wie er das als Sozialdemokrat so empfindet."

Die große Schmidt-Steinbrück-Show

Und doch: Empört hat sich damals kaum einer. Viele Journalisten waren ja viel zu beschäftigt. Mit der großen Schmidt-Steinbrück-Show. Ein Altkanzler ernennt seinen Kronprinzen. Will ihn auf dem Kanzlerthron sehen. Mit freundlicher Unterstützung, wie etwa in der Sendung "Günther Jauch" am 23.10.2011. Moderator Jauch fragt seinen Gast Steinbrück: "Was macht es ihnen denn so schwer einfach zu sagen: Ich werfe meinen Hut in den Ring? Warum sind Sie so verschämt, wenn sie direkt darauf angesprochen werden?" Steinbrücks Antwort: "Verschämt wird mir selten nachgesagt als Qualität. Ich werde mich zu dieser Kanzlerkandidatenfrage äußern, wenn und falls der Parteivorsitzende der SPD sie mir stellt."

Damals, lange vor der Partei, haben die Journalisten ihren Kandidaten schon gefunden. Und ausgerufen: "Er kann es". Für sie ist Steinbrück der ideale Kanzlerkandidat. Fürs "Handelsblatt" sogar der "Reservekanzler". Heute, als Kanzlerkandidat der Genossen, muss sich Steinbrück immer neue Fragen zu alten Geschichten gefallen lassen.

Früher schlagfertig, in der Krise: kratzbürstig.

Die lockere Liaison mit den Journalisten ist seit der Honorar-Affäre angekratzt. Dieter Wonka, Hauptstadtkorrespondent der "Leipziger Volkszeitung": "Grundsätzlich ist es so, dass Peer Steinbrück im Moment nicht mehr davon ausgehen kann, dass er in einer Art von Medienpartnerschaft ins Kanzleramt kommt. Er muss gegen die Medien ankämpfen."

Und die stürzen sich auch auf Roman Koidl, Steinbrücks Online-Berater. Weil der für einen Hedgefonds gearbeitet hat. Koidl schmeißt hin und Bild grölt: "Chaos-Tage bei der SPD". Andere kritisieren "Steinbrücks Fehlgriff", lästern: Der "Berater-Flop blamiert den Kanzlerkandidaten".

Dieter Wonka wundert sich über diese Entwicklung: "Normalerweise ist dieser Wichtigtuer als Internetberater keine Nachrichtenzeile wert, aber das spannende ist ja, das in diesen Tagen bei Steinbrück alles, was keine Geschichte ist, plötzlich zu einer Geschichte aufgeblasen werden konnte."

Ähnlich denkt auch Holger Schmale, Chefkorrespondent der "Berliner Zeitung": "Daraus entwickelt sich dann manchmal auch so eine Art Herdentrieb unter Journalisten, das muss man leider so konstatieren. Ich glaube, da ist Peer Steinbrück also mitten rein geraten in so einen Herdentrieb."

Billiger Wein, billige Schlagzeilen

Und die Herde trampelt weiter nach Berlin. Zu einer Diskussion des Magazins "Cicero". Dort spricht Steinbrück auch über das Thema Kindergeld und warnt: Würde es erhöht, könnte es verplempert werden, statt bei den Kindern anzukommen. Ein Rechenbeispiel à la Steinbrück: "Zehn Euro sind zwei Schachteln Zigaretten, sind zwei halbe Biere, oder fast zweieinhalb etc. pp oder zwei Piniot Grigio à fünf Euro. So. Gläser meine ich, nicht Flaschen." Auf die Zwischenbemerkung des Moderators "Kommt drauf an." antwortet Steinbrück : „Ja, den würde ich nicht kaufen. Die Flasche, die nur fünf Euro kostet, würde ich nicht kaufen.“

Was für ein Skandal. Billiger Wein, billige Schlagzeilen. "Focus.de" stänkert tatsächlich: "SPD-Mann trinkt nur edle Tropfen". Und "Bild" schenkt nach, will Steinbrück einen 5-Euro-Wein überreichen. Denn für die völlig berauschte "Bild" ist der Wein natürlich: "gut genug!"

Holger Schmale, Chefkorrespondent der "Berliner Zeitung" konstatiert: "Man kann verstehen, dass er misstrauischer geworden ist und sicherlich unfreier geworden ist in der Art und Weise, wie er mit Journalisten umgeht. Weil er nun immer jetzt die Sorge hat, da lauert noch irgendwas und was will der denn jetzt wieder."

Lauern werden die Journalisten auch beim SPD-Parteitag am Sonntag wieder. Und weiter nach Leichen in Steinbrücks Keller suchen. Da findet sich doch sicher was. Wenigstens eine teure Flasche Wein.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.12.2012 | 23:20 Uhr

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