Das Interview mit Dieter Wonka, Berlin-Korrespondent "Leipziger Volkszeitung".
Video starten (17:54 min)Die Diskussion um Außenminister Guido Westerwelle ist nur eines von vielen Problemen der Kanzlerin. Auch Ihr Image in der Presse ist immer wieder in Gefahr. Kein Wunder also, dass sich die Chefin der schwarz-gelben Chaos Koalition einen Vorzeigejournalisten geangelt hat: Steffen Seibert - Merkels Marketingmann seit einem Jahr in schwieriger Mission.
Ein Film von Josy Wübben.
Er war die Lichtgestalt im virtuellen Studio: Steffen Seibert. Makellos, lässig, entspannt. Seine neuen Zuschauer kosten ihn deutlich mehr Nerven. Die Hauptstadtjournalisten und ihre Fragen setzen Seibert zu.
Dieter Wonka, Berlin-Korrespondent der "Leipziger Volkszeitung" meint: "Früher, vor einem Jahr konnte er noch den 'Ki.Ka' moderieren mit seinen 50 Jahren. Und heute sieht er halt so aus, wie man aussieht, wenn man 16, 17 Stunden am Tag der Politik hinterher hetzt und seit einem Jahr darauf wartet, dass die Umfragewerte gut werden."
Dabei hatte er sich so darauf gefreut, auf der großen Berliner Bühne mitzumischen, Aug‘ in Aug‘ mit den Mächtigen und vor allem Seit‘ an Seit‘ mit Angela Merkel. Ihr bringt er bedingungslose Loyalität entgegen.
Beate Tenfelde, Berlin-Korrespondentin der "Neue Osnabrücker Zeitung", erklärt: "Er hat damals gesagt, er habe mit heißem Herzen zugesagt. Ja, natürlich ist er stolz, das ist ja auch nichts Kleines. Mal einfach mal so einen Anruf von der Kanzlerin zu bekommen. Das ist doch ein irrer Vertrauensbeweis und eine Anerkennung."
Dieter Wonka: "Eine absolute, totale, 100prozentige Begeisterung, vielleicht sogar Liebe, ich glaube, der wird sogar rot, wenn er Frau Merkel sieht oder wenn die ihm was Nettes sagt, für seine Chefin."
Was für ein Schritt: Vom Fernsehgesicht mit Teleprompter zum Staatssekretär, Kanzler-Vertrauten und Chef des Bundespresseamtes. Kein Wunder, dass Steffen Seibert Fehler passieren. Den dicksten erlaubt er sich im November, als er nach der Irischen Schuldenkrise gefragt wird:
"Die Bundesregierung weiß, dass deutsche Banken, allen zuvorderst, glaube ich, die Deutsche Bank, in der irischen Schuldenproblematik erheblich belastet ist." (22.11.2011).
Seibert behauptet etwas, was er nicht weiß, und dann auch noch über die Deutsche Bank.
Dieter Wonka: "Er hat da halt so ein wenig naiv, gutgläubig, blauäugig argumentiert."
Thorsten Denkler, Korrespondent von "sueddeutsche.de": "Das hatte Folgen für die Deutsche Bank. Da ist der Kurs eingebrochen. Deutsche-Bank-Chef Ackermann hat relativ schnell interveniert und versucht, das noch irgendwie zu retten."
Die Deutsche Bank verschickt eine Pressemitteilung . Die Mutmaßungen Seiberts seien "falsch und rufschädigend." So eine Watsche haben seine Vorgänger nicht kassiert.
Aber Seibert ist auch für kleine Patzer gut. Als ein Journalist nach einem FAZ-Artikel fragt, muss Seibert ihn um Nachhilfe bitten:
"Dann seien Sie so lieb, weil ich es noch nicht geschafft habe, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" heute so richtig zu lesen, sondern ich war mit diesen anderen Themen, die hier gerade besprochen haben, beschäftigt, mir das kurz zu referieren, zusammengefasst." (1.11.2010)
Thorsten Denkler: "Schon seltsam. Zu sagen, ich habe eine der wichtigsten deutschen Tageszeitungen am Morgen nicht gelesen, das war ja zu einem Zeitpunkt, als der Morgen schon sehr weit fortgeschritten war, ist schon schwierig."
Beate Tenfelde: "Nehmen wir mal an, das wäre in der vorherigen Regierung so gewesen: Dem Herrn Steg wäre das mit Sicherheit nicht passiert."
Sie haben die Latte hoch gelegt: Die ehemaligen Regierungssprecher Thomas Steg und Ulrich Wilhelm. Im Unterschied zu Seibert kamen sie aus der Politik, haben früh gelernt, dass es auf jedes Wort, jede Nuance ankommt. Das muss der Ex-Journalist Seibert noch lernen. Als er nach Steuersenkungsplänen der Regierung gefragt wird, wagt er sich zu weit vor:
"Diesen Weg werden wir weitergehen und auf diesem Weg werden sich Spielräume eröffnen, um das zu tun, was diese Bundesregierung eben auch für richtig und wichtig hält, nämlich den kleinen und mittleren Einkommen eine Entlastung zu geben." (20. Juni 2011)
Einkommen entlasten - klingt wie eine ausgemachte Sache, ist sie aber nicht.
Thorsten Denkler: "Und das hat doch einige irritiert. Sowohl im journalistischen Raum, natürlich, weil das haben natürlich alle fröhlich aufgeschrieben. Aber vor allem Dingen natürlich in den Unionsfraktionen, wo diese Frage längst nicht so klar ist, dass Steuersenkungen kommen müssen."
Dieter Wonka: "Er hat gutwillig das politische Ergebnis formuliert, ohne dass es fein abgewogen in einer wundgescheuerten Koalition schon sendefertig gewesen wäre."
Aber Steffen Seibert ist auch ein Pionier, nämlich der erste Regierungssprecher in Deutschland, der twittert. Über 34.000 Menschen verfolgen seine Nachrichten.
Beate Tenfelde: "Es ist natürlich richtig, dass er junge Leute wahnsinnig gut damit erreicht. Das ist schon wahr. Bei den älteren Kollegen hat das hier teilweise ja schon so ein bisschen Unmut erregt und manchen ist da klar geworden: Hey, wir sollten vielleicht mal unsere Geschäftspraktiken überdenken."
Im "Zeit-Magazin" erklärt Seibert: "Bevor ich einen Beitrag absetze, lese ich ihn mir drei Mal durch, warte fünf Minuten und schaue noch mal drauf, dann erst schicke ich ihn ab."
So viel Mühe und dann patzt er trotzdem "Obama verantwortlich für Tod tausender Unschuldiger" twittert Seibert und meint eigentlich "Osama".
Beate Tenfelde: "Obama, Osama. Hey, das bleibt haften."
Dieter Wonka: "Das ist so vielleicht das Problem von Herrn Seibert, manchmal ist der Effekt vielleicht wichtiger als der Inhalt."
Trotz solcher Schnitzer genießt Steffen Seibert offenbar weiterhin das Vertrauen der Kanzlerin. Zumal er inzwischen einiges dazugelernt hat.
Thorsten Denkler: "Er hat sicher dazugelernt, genauer zu formulieren. Das kann man mit Sicherheit sagen. Die Fehlerhäufung, die am Anfang da war, die hat sich jetzt ein bisschen, sozusagen verdünnisiert, wenn man so will."
Wohl auch, weil Seibert sich angewöhnt hat, den Journalisten weniger zu verraten:
Seibert: "Da kann ich Ihnen im Moment wirklich nichts zu sagen." [...] "Es wurden Entscheidungen vorbereitet, die dann zum Teil sehr zeitnah folgen werden." [...]
Nachfrage Reporter: "Und können Sie ein bisschen mehr darüber sagen?" [...]
Seibert: "Nein."
Abwiegeln statt aufklären - aus dem Journalisten Seibert ist ein PR-Mann geworden, und der muss sich mit einer denkbar undankbaren Aufgabe herumschlagen.
Dieter Wonka: "Wenn die Regierung nicht besser wird, nützt das alles nichts. Also da ist der Regierungssprecher ein armer Hund. Da kann er auf dem Kopf stellen und Männchen machen oder sonst was, das hilft alles nichts."
Auf den Kopf gestellt und Männchen gemacht, das haben wir nicht, aber wir haben uns darum bemüht, ein Interview mit Steffen Seibert zu bekommen, leider ohne Erfolg.