Lebensgefährlicher Alltag: Journalisten in Russland

von Jasmin Klofta, Juli Kurz

So geht man nicht mit Journalisten um. Endlich hat der russische Präsident Medwedjew mal ein Machtwort gesprochen und besseren Schutz für Reporter gefordert. Wäre schön, wenn er es auch ernst meint. Denn Schutz für die Presse ist in Russland bitter nötig. Am Samstag wurde der Journalist Oleg Kaschin so brutal zusammengeschlagen, dass er seitdem im Koma liegt. Mit Mahnwachen fordern viele Bürger jetzt die schnelle Aufklärung. Auch die hat Medwedjew versprochen. Ob er das halten kann? Warum es Journalisten in Russland so schwer haben.

Das vorerst letzte Video auf dem Blog von Oleg Kaschin, hochgeladen am Donnerstag. Es ist Teil einer Medien-Aktion, für die Wahrung der Bürgerrechte in Russland. Und Oleg Kaschin bezieht darin Stellung. Er zitiert die russische Verfassung, erinnert an Jedermanns Rechte. Am Abend danach wird Kaschin Opfer eines brutalen Anschlags. Vor seiner Wohnung lauern zwei Schläger, eine Überwachungskamera zeichnet den ganzen Angriff mit. Systematisch werden Oleg Kaschin gezielt die Knochen gebrochen.

Sergej Sumlenny, Deutschland-Korrespondent von "Expert", meint: "Das war für mich ein Schock. Ich fühlte es wirklich wie ein Schlag ins Gesicht und genauso wie mehrere andere Journalisten und einfache Leute aus Russland." Wieder wird ein russischer Journalist ins Krankenhaus geprügelt. Seine Finger und Beine gebrochen, sein Kiefer zerschmettert. Es besteht kein Zweifel. Der Anschlag galt dem Journalisten Kaschin.

Ilja Asar, Journalist "Russian Reporter" erklärt: "Er hat als Journalist immer die heißen Themen angepackt, alles, was dem Staat auf den Nägeln brennt, die Proteste auf den Straßen und soziale Themen. Mögliche Gründe für den Überfall gibt es, glaube ich, sehr viele." Und Sonja Zekri, Russland-Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung" meint: "Er hat nicht wirklich für jemanden agitiert, weder für die eine noch für die andere Seite. Aber das ist natürlich die aller unbequemste Situation."

Für den "Kommersant", ein angesehenes und auflagenstarkes Blatt, schrieb Oleg Kaschin bislang vor allem Reportagen. Stets unbequem für alle, über die er recherchiert hat. Der 30-Jährige hat schon für einige große Blätter gearbeitet.

Aufklärung gefordert

Journalisten-Kollegen zeigen jetzt ihre Solidarität und versammeln sich vor dem Innenministerium. Mit Unterschriften und Plakaten fordern sie für Oleg Kaschin die Täter und Auftraggeber zu finden. Die Chefredakteure aller großen russischen Medien geben gestern eine gemeinsame Pressekonferenz, vereint in Verzweiflung:

Pavel Gusev, Chefredakteur von "Moskovsky Komsomolez": "Schon allein der Schulterschluss unter uns Journalisten ist wichtig, damit der Staat sieht, dass wir heute eins sind, dass es reicht. Hört auf!"

Vsevolod Bogdanov, Vorsitzender des russischen Journalistenverbands: "Ich weiß gar nicht, was mich schlimmer treffen könnte, als wenn der Schutz von Journalisten zerstört wird. Man könnte denken, Journalisten seien hierzulande nur irgendwelche Tiere wie Katzen oder Hunde." (deutsche Übersetzung)

Die Tat zeigt allen hier die Verachtung gegenüber Journalisten, die offenbar allgemein geduldet wird. Bei den Jungaktivisten der Putin-Partei wird die Verachtung offensichtlich. Über sie hatte Kaschin einige kritische Artikel geschrieben. Ihre Reaktion auf Kaschins Recherche: Auf ihrer Internetseite stempelt die Parteijugend Oleg Kaschin ab mit den Worten "Der wird bestraft werden".

Dmitrij Muratov, Chefredakteur der "Novaja Gaseta", meint auf der Pressekonferenz: "Genau das, so ein Bild, ist wie eine Vergiftung, so als ob Journalisten oder gesellschaftliche Aktivisten dann Volksfeinde sind." (deutsche Übersetzung)

Ein weiteres gefährliches Gebiet für Journalisten

Der Chimki-Wald am Stadtrand von Moskau. Hier hat Kaschin lange recherchiert über die Abholzung für den Bau einer Autobahn. Ein Großprojekt, bei dem wohl auch Politiker abkassieren. Ein Milliardendeal, der offenbar verborgen bleiben soll, sonst brennen zum Beispiel Autos. Wer hier recherchiert, wird bedroht: Der Lokal-Journalist Michail Beketov berichtet ausführlich über die Machenschaften von Politikern. Vor zwei Jahren fackeln Unbekannte als Warnung sein Auto ab.

Beketov: "Das ist politischer Terror und der Auftraggeber ist unser Bürgermeister. Ich weiß, dass er es war, er hat mir das schon persönlich angekündigt. Danke, Herr Bürgermeister, dass es nur mein Auto ist, sie haben mir ja zuletzt schon mit schlimmeren gedroht." Und es wird schlimmer. Systematisch werden auch ihm alle Knochen gebrochen. Er liegt lange im Koma, erwacht als Invalide, für immer und für alle sichtbar.

Sonja Zekri: "Da scheint es tatsächlich so etwas wie ein Muster zu geben, ganz vorsichtig und den Ermittlungen nicht vorgreifend. Da ist vor zwei Jahren ein Journalist auch wirklich im Grunde zum Krüppel geschlagen worden, Michael Beketov. [...] Alles im Zusammenhang mit diesem Wald. Die werden nicht umgebracht, die werden einfach wirklich verkrüppelt."

Der Chimki-Wald ist ein Beispiel für die gefährliche Arbeit vieler kritischer Journalisten in der Region. Denn jeder weiß, die große Politik darf man ein wenig kritisieren, nicht aber die Regionalfürsten.

Sergej Sumlenny: "Diese lokalen Politiker agieren oft wie kleine Zärchen. Die sind in ihren Regionen, die fühlen sich ganz frei, die haben viel wirtschaftlichen Einfluss und sie versuchen Presse zu instrumentalisieren."

 

Sonja Zekri: "Man kann Journalisten einschüchtern, zusammenschlagen, oder eben umbringen, ohne dass daraus ernsthafte Konsequenzen folgen. Und das kann der lokale Machthaber sein, das kann ein Gouverneur sein, das kann irgendein Geschäftsmann sein, das kann irgendein Politiker sein. Journalisten sind nicht geschützt."

Medwedjew reagiert - scheinbar

Jetzt will sich jetzt auch der Kreml, Präsident Medvedev selbst, stark machen. In seinem Land sollen Journalisten frei arbeiten können. Der Angriff auf Oleg Kaschin Aufmacher in den Nachrichtensendungen:

Dimitrij Medvedjev: "Denen sind alle Mittel Recht Journalisten mundtot zu machen. Diese Kräfte müssen zerstört werden, damit jeder, der ein solches Verbrechen begeht, weiß, dass er bestraft wird."

Sonja Zekri: "Wir haben diese goldenen Worte von Medwedjew auch in anderen Zusammenhängen gehört. Man muss ihn dann daran messen, wie tatsächlich der Gang der Aufklärung läuft."

Noch liegt Oleg Kaschin im künstlichen Koma. Ob er je wieder als Journalist arbeiten kann, ist ungewiss, ebenso wie die Aufklärung. Denn bisher ist kaum ein Verbrechen an Journalisten in Russland aufgeklärt worden. Trotz der vielen Morde und Anschläge.

 

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