Brandserie: Recherche bringt Behörden in Zugzwang

In Punkto Rechtsextremismus hätte Bundespräsident Christian Wulff ruhig mal eine Ruck-Rede halten können. Vielleicht hätte das auch einem Journalisten im Völklingen den Rücken gestärkt. Der Ort gilt als Hochburg der NPD im Saarland. Dort war der Journalist mit seinen Recherchen zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Doch die Behörden wollten davon nichts wissen.

Ein Film von Julie Kurz und Stephanie Zietz.

Völklingen. Eine Kleinstadt im Saarland. 40.000 Einwohner. Ein hoher Ausländeranteil und die NPD sitzt im Stadtrat. Völklingen gehört zum Berichtsgebiet von Johannes Kloth. Er ist Lokaljournalist für die Saarbrücker Zeitung. Auf seine größte Story stieß er zufällig.

Johannes Kloth: "Also ich habe zunächst einen Tipp bekommen aus dem Bekanntenkreis. Jemand sagte mir, da gibt es zwei Brände in Völklingen, kümmere dich mal drum."

Ereignisse, die vier Jahre zurückliegen und von der Polizei bis jetzt nicht aufgeklärt wurden. Der 5. August 2007. Drei Brände in einer Nacht. Brandstiftung. Immer sind es die Wohnhäuser von Migranten. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund jedoch schließt die Polizei frühzeitig aus. Johannes Kloth wundert sich darüber, fragt nach bei den zuständigen Behörden.

Johannes Kloth: "Als man seitens der Polizei realisiert hat, in welche Richtungen meine Recherchen gehen sollen, dann hat man mir schon sehr deutlich gemacht, dass das der Holzweg ist. Man hat mich dann hingewiesen auf die Milieuprobleme, die Türken, die untereinander Fehden austragen, und dass bestimmte Opfer auch schon einschlägig bekannt sind aus anderen Kontexten und dubiose Figuren sind. Das hat mich selbst auch verunsichert in der Recherche natürlich."

Er bleibt hartnäckig

Johannes Kloth trifft sich mit Opfern der Brandanschläge wie dem Besitzer eines Lokals. Vor der Kamera möchte der Mann sein Gesicht nicht zeigen. Zwei Mal schon wurde sein Haus angezündet, er hat Angst, dass es nochmal passiert.

Brandopfer: "Es ist nicht mehr normal, also was ich zur Zeit durchmache. Also ich bin wie ein Hund immer am riechen, jede Nacht bin ich wie ein Hund, wenn ich zu Hause bin, drei, vier Uhr, rieche ich die ganzen Zimmer, gehe ich in den Flur. Wenn ich Geräusche höre, da krieg ich Panik, dass das wieder passiert."

Denn die Täter sind noch nicht gefasst. In weiteren Gesprächen erfährt der Lokaljournalist von immer mehr Brandstiftungen, auf Häuser, in denen Einwanderer leben.

Johannes Kloth: "Das sind Leute, die seit Jahren auch versuchen, diese Thematik mit den Behörden auch öffentlich zu machen und offensichtlich nicht auf Erfolg gestoßen sind. Da war ein richtiges Aufatmen zu spüren und ich habe gemerkt, es war auch ein bisschen Gefühlssache, ich habe gemerkt, diese Leute schwindeln mich nicht an, die sind tatsächlich betroffen und die möchten tatsächlich, dass sich in dieser Stadt was ändert. Das hat mich eigentlich auch motiviert, da dran zu bleiben."

Elf Brände, elf Mal Brandstiftung

Am Ende seiner Recherche kommt er auf elf Brände zwischen 2006 und 2011. Bei allen war es Brandstiftung, in Häusern, die überwiegend von Migranten bewohnt werden. In allen Fällen wurde ein fremdfeindlicher Hintergrund ausgeschlossen. Kloth erkennt als erster, dass ein Zusammenhang zwischen den 3 Bränden von 2007 und acht weiteren bestehen könnte. Eine Brandserie?

Johannes Kloth: "Ich habe versucht diese Brände zu chronologisieren, und da fällt schon mal sehr schnell auf, dass sich bestimmte Daten immer wieder wiederholen."

Einmal brennt es an einem 20. April, Hitlers Geburtstag. Drei weitere Brände an einem 3. September, dem Reichsparteitag in Nürnberg, auf dem die NSDAP ihre Machtergreifung feierte. Sonderbare Zufälle.

Johannes Kloth: "Wenn man wirklich diese Auflistung sieht und wenn man sich das in der Gänze anguckt, und ich habe mir dann jeweils auch Notizen dazu gemacht, hier italienisches Eiscafe, eine türkische Schülerhilfe, hier ein italienischer Hausbewohner und so weiter und dann hat sich das wie so ein Puzzlestücke zusammengefügt."

Er veröffentlicht seine Recherchen über mögliche fremdenfeindliche Motive bei den elf Bränden in der Saarbrücker Zeitung. Überregionale Medien werden aufmerksam.

Thomas Holl, Redakteur der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", erklärt: "Daher ist es eine bemerkenswerte Leitung, dass der Kollege, wie ich hörte, ja auch in wochenlanger Recherche das Thema aufgegriffen hat. Und das ist ja auch nicht einfach in so einer relativ kleinen Stadt, das nochmal zum Thema zu machen. Ist ja auch ein gewisser Imageverlust oder Imagebeschädigung aus der Sicht der örtlichen Verwaltung, mit der man ja immer zusammenarbeiten muss als Lokalreporter."

Verbindungen zum "Nazi-Trio"

Die Recherchen des Reporters sind auch für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" interessant. Und die FAZ kommt so in Völklingen auf eine weitere Geschichte. In einer muslimischen Gemeinde ging eine der Bekenner-DVDs des Zwickauer Nazi Trios ein. Unfrankiert. Die Behörden halten die Information vor der Öffentlichkeit zunächst zurück. Ein Zusammenhang zwischen der Brandserie und der DVD konnte bislang jedoch nicht ermittelt werden.

Thomas Holl: "Erstaunlich ist halt doch, dass in beiden Fällen Völklingen betroffen ist. Und da ist natürlich medial natürlich sofort, auch politisch, Aufregung entstanden. Und natürlich auch Alarmglocken sicher angegangen."

Jetzt müssen die Behörden reagieren. Das saarländische Innenministerium tritt vor die Presse. Ab jetzt übernimmt eine Sonderkommission. Die Hintergründe der Brandstiftungen sollen nun geklärt werden.

Ralf-Dieter Sahm Generalstaatsanwalt erklärt am 5. Dezember: "Was wir prüfen, ist, ob es zwischen den zahlreichen Brandstiftungen Zusammenhänge gibt und ob und gegebenenfalls inwieweit sie fremdenfeindlichen oder rechtsextremistischen Hintergrund haben."

Johannes Kloth: "Seitens der Behörden habe ich durchaus den Eindruck, dass man das jetzt ernst nimmt. Dass man auch so unter Druck steht, dass man jetzt auch zu einem Ergebnis kommen möchte. Eine andere Frage ist, ob man das überhaupt kann. Jetzt noch mal neue Ermittlungsansätze zu finden bei Fällen, die vier Jahre her sind, bei denen zum damaligen Zeitpunkt vielleicht nicht intensiv genug ermittelt wurde, halt ich für fragwürdig."

Und trotzdem, die Opfer hoffen.

Brandopfer: "Der Bericht von ihnen, das hat wirklich was bewirkt. Also seit vier Jahren war ich total alleine. Irgendeine Reaktion ist jetzt ausgelöst worden und ich hoffe, dass die Ermittlungen diesmal gut ermittelt werden."

Egal wie die Ermittlungen ausgehen. Für die Brandopfer ist Lokaljournalist Johannes Kloth schon jetzt ein Held. Denn immerhin wird jetzt wieder ermittelt.

Logo der Sendung Zapp © NDR
Nächste Sendung: 30.05.2012 23:20 Uhr

ZAPP

Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

Wiederholung der Sendung

01.06.2012 01:15 Uhr

Zur Sendungsseite
Links

Artikel auf saarbruecker-zeitung.de vom 30.11.11

Link in neuem Fenster öffnen
Weitere Informationen
Bilder der drei Angehörigen der Nazi-Terrorgruppe / CD Hülle (Montage) © NDR
 
Video

Nazi-DVD - Mediengeschäft mit rechtem Terror

16.11.2011 | 23:20 Uhr

Das Bekennervideo wurde Journalisten gegen Geld angeboten.

mehr