Das Interview mit Christian Füller, Bildungsredakteur "taz".
Video starten (14:57 min)Die nächsten Pisa-Daten werden im Frühjahr wieder erhoben, zum fünften Mal inzwischen. Dabei steckt vielen noch immer der Schock nach der ersten Studie im Jahr 2000 in den Knochen. Die Note damals: mangelhaft. Die Medien waren voller Kritik, die Kultusminister in der Verantwortung. Seither polieren sie am Image des deutschen Bildungssystems und halten so manch interessante neue Studie unter Verschluss.
Ein Film von Mareike Fuchs und Sinje Stadtlich.
Schaulaufen der Bildungsexperten bei der Bundespressekonferenz, der Text sitzt seit Jahren.
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Bei der Vorstellung der Bildungsstudie Pisa sind optimistische Phrasen Pflicht. Die Parole der Politiker: Die deutschen Schüler sind auf einem guten Weg. Alle drei Jahre werden die Leistungen in den Klassen getestet, Daten erhoben, für die sich viele Wissenschaftler interessieren - wie der niederländische Forscher Jaap Dronkers. Für seine Studie beantragte er auch die Pisa- Daten aus Deutschland. Der Bildungsforscher an der Universität Maastricht erklärt: "Die Niederlande und die flämischen Studenten schneiden ganz gut ab in Pisa. Die besten Europas. Und ich wollte erklären wie das möglich ist. Und ich wollte sie vergleichen mit Schülern des gleichen Bildungssystems."
Er hat untersucht, was die Niederlande besser machen als die einzelnen Bundesländer in Deutschland. Doch einen Teil seiner Ergebnisse darf er jetzt nicht veröffentlichen. Das verbieten die deutschen Kultusminister. Macht er es doch, droht eine Strafe von 10.000 Euro.
Christian Füller, Bildungsredakteur der "taz" meint: "Was man mit dem Forscher Dronkers aus Holland gemacht hat, der sehr anerkannt ist, das ist wirklich ein dreister Fall von der KMK, in die Veröffentlichung von PISA-Ergebnissen einzugreifen. [...] Da hat die KMK dieses Mal, glaube ich, wirklich eine Grenze überschritten."
Eine Grenzüberschreitung, die nicht selten ist. Häufig verwehren die Kultusminister den Zugang zu den Daten, wenn Forscher die Pisa-Ergebnisse der einzelnen Bundesländer genauer vergleichen wollen. Ein Vorgehen, das Wissenschaftler wie Professor Wößmann, Bildungsökonom am ifo-Institut, ärgert: "Im Prinzip ist das jetzt so, als wenn meinetwegen die Arbeitsminister sich heute zusammensetzen würden und sagen würden: 'Ach, irgendwie ist das ein bisschen doof, dass rauskommt, dass in unserem Bundesland die Arbeitslosigkeit gestiegen ist. Ab morgen veröffentlichen wir die Bundesarbeitslosenzahlen nicht mehr nach Bundesländern, sondern es gibt nur noch die gesamtdeutschen.' Das ist abstrus aus meiner Sicht, aber genau das passiert im Bildungsbereich."
Im Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) werden die Daten verwaltet. Man gibt sich unabhängig, doch im Vorstand sind auch die Kultusminister vertreten. Finanziert wird das Institut von den Bundesländern und das hat Folgen.
Ludger Wößmann: "Das heißt ganz konkret auch direkt in dem Bereich, dass Zugang zu Pisa-Daten zur Erforschung von Dingen einzelner Bundesländer, wie es in den einzelnen Bundeländern aussieht, ist es de facto so, dass die Kultusministerkonferenz in jedem einzelnen Fall sozusagen Daumen rauf oder Daumen runter sagen, ob diese Forschung gemacht werden darf oder publiziert werden darf."
Und so werden wichtige Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorenthalten. Warum die Kultusminister lieber keine Vergleiche zwischen ihren Bundesländern zulassen, können sie selbst nicht so genau erklären.
Peter Albrecht, Sprecher der KMK: "Das ist einfach gängige Praxis der KMK seit vielen, vielen Jahren. Darauf hat man sich mal geeinigt, alle Bundesländer. Und es ist umgekehrt schwierig, wenn man von dieser Praxis abweichen will, tatsächlich eine Einstimmigkeit aller Bundesländer herzustellen."
Und kann man die nicht herstellen, gehen Forscher leer aus. So eine Praxis ist in anderen Ländern undenkbar.
Professor Dronkers: "Ich habe auch den schweizerischen Daten gebraucht, auch die Schweiz ist eine Föderation, mehr noch als Deutschland. Und die Daten sind ganz frei."
Der Grund für die deutsche Verschlossenheit liegt offenbar in den Anfängen von Pisa. Das erste Ergebnis war ein Schock. Die Berichte erschütternd: "Warum sind unsere Schüler so doof" ("Stern", 13. Mai 2002) fragen deutsche Medien und attestieren "Armutszeugnis für unsere Schulen", ("Hamburger Abendblatt", 05.12.2001). Das deutsche Bildungssystem "fast in jeder Hinsicht ein Desaster" (" taz", 05.12.2001). "Mangelhaft. Setzen" ("Der Spiegel", 10.12.2001).
So eine Peinlichkeit, solche schlechten Schlagzeilen wollte man sich künftig ersparen.
Christian Füller: "Es ging natürlich nach Pisa um die Deutungshoheit durch die Kultusminister, weil sie in ihrer Existenz hinterfragt waren. Vorher hatte nie jemand gemessen, wie gut ist eigentlich das, was in den Schulen rauskommt, außer jeder konnte auf sein Zeugnis gucken. Nun gab es ein Zeugnis für alle 16 Bundesländer. Und ist es außer in Bayern, aber auch da nicht besonders gut, einfach richtig schlecht ausgefallen. Das heißt, eigentlich hätte man sagen können: Alle Kultusminister, zurücktreten!"
Der letzte Dreh im Kampf um die Deutungshoheit: Im Jahr 2009 wurde ein neues Testverfahren eingeführt. Ein Vergleich zu alten Pisa-Daten ist jetzt nicht mehr möglich. Ein ehrliches Zeugnis über das deutsche Bildungssystem offenbar unerwünscht.
Professor Dronkers: "In manchen Fällen sind Fragen nicht angenehm. Wenn ich zum Beispiel frage, schneiden Kinder von alleinstehenden Müttern besser oder schlechter ab, dann ist das keine angenehme Frage. Ja. Aber diese Frage sollte ein Wissenschaftler studieren und sollten Politiker wissen."
Gegenüber ZAPP heißt es nun von der Kultusministerkonferenz, man wolle den Antrag von Professor Dronkers noch mal prüfen. Seine Forschung über die Schulleistungen ist weiterhin abhängig vom Gutdünken der Politik.
Ludger Wößmann: "Ich denke, ganz generell ist das ein Zustand, der einer offenen Gesellschaft nicht würdig ist. Es kann nicht sein, dass politische Instanzen de facto Forschungsverbote aussprechen und sagen, was erforscht werden darf und was nicht."