Schlechter Ruf der Journalisten
Ausgerechnet Journalisten gelten in der Öffentlichkeit als unehrlich
Video starten (07:54 min)Wenn Reporter aus Kriegsgebieten berichten, wie eben gesehen, dann wird ihre Arbeit anerkannt. Das gleiche gilt für Krisen, etwa die Folgen des Erdbebens in Japan, der Zusammenbruch der Banken oder Regierungskrisen. In solchen Zeiten genießen Journalisten in der Bevölkerung hohes Ansehen. Aber das ist leider nie von Dauer, denn eigentlich haben Journalisten einen wirklich schlechten Ruf. Zu diesem niederschmetternden Ergebnis ist gerade wieder die Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts gekommen. Aber woran liegt es eigentlich, dass Journalisten so unbeliebt sind?
Sie wollen die Mächtigen kontrollieren, ihre Inszenierung entlarven. Sie wollen Kompliziertes erklären, die Finanzwelt für alle verständlich machen. Journalisten müssen gut informiert sein, nah dran und dennoch unabhängig. Häufig aber sind sie es nicht.
Marc Brost, Leiter des Hauptstadtbüros der "Zeit", meint: "Was ich selber beobachte, ist, dass wir Journalisten offensichtlich der Wirklichkeit, die wir beschreiben sollen, nicht mehr gewachsen sind. Dass wir nicht mehr in der Lage sind, das zu tun, wofür im Falle Printmedien die Leser uns kaufen, nämlich die Wirklichkeit zu erklären, zu bewerten oder ganz einfach nur zu beobachten."
Und Hans Mathias Kepplinger, Professor für Kommunikationswissenschaften, erklärt: "Journalisten tendieren dazu, sich vor allem an anderen Journalisten zu orientieren, mit der Konsequenz, dass sich die Vorstellungen von Journalisten oft weit entfernen von den Vorstellungen der Bevölkerungsmehrheit."
Und die Bevölkerung hat genaue Vorstellungen vom Journalismus. Bei einer Umfrage auf der Straße meint eine Passantin: "Ich erwarte von Journalisten, dass sie auf jeden Fall bei der Wahrheit bleiben und aber sich auch auf die wichtigen Dinge konzentrieren."
Eine weitere Passantin: "Natürlich, Ehrlichkeit und dass man nicht so sehr korrumpierbar ist."
Noch eine Frau: "Dass die unabhängig berichten, also unabhängig vor allem von der Regierung."
Ein Passant: "Eine gute Aufklärung und eine kritische Berichterstattung und auch wirklich mal alle Seiten zu beleuchten."
Aufklärung ist: Wenn Journalisten recherchieren, was hinter den Kulissen der Bayern LB wirklich passiert ist, einem der "größten Korruptionsfälle in Deutschland" (Süddeutsche Zeitung, 07.01.2011). Wenn Journalisten aufdecken, unter welch grausamen Bedingungen deutsche Discounterkleidung in Banglasdesch hergestellt wird. Oder wenn Journalisten beweisen, wie leicht es ist, Schleichwerbung in Zeitungen zu platzieren.Doch trotzdem haben Journalisten einen schlechten Ruf. Ihren Ärzten vertrauen die Deutschen. Journalisten landen bei einer Umfrage wieder einmal weit hinten: auf Platz 12.
Häufig müssen Lokaljournalisten als Sündenböcke hierfür herhalten. Abhängig und unkritisch seien sie. Detlef Voges ist seit 25 Jahren Lokaljournalist. Er leitet die Lokalredaktion der Kreiszeitung in Syke. Hier kennt jeder jeden. "Wir sind nah dran an der Verführung, da ist keiner vor gefeit, deshalb muss ich immer, wenn ich meinen Job ausübe, muss ich mental im Kopf immer eine Distanz wahren. Und die Distanz muss möglichst groß sein, besonders auch bei Menschen, mit denen ich an sich täglich draußen auf der Straße, im Verein, oder wo auch immer verbandelt bin," erklärt Voges.
Distanz wahren, das müssten eigentlich auch die Berliner Politikjournalisten. Im Trubel und Wettbewerb ihres Alltags aber ist es ein Widerspruch.
Marc Brost: "Ohne Nähe funktioniert Hauptstadtjournalismus nicht. Aber wir sind Menschen, wir begegnen Menschen, wir beschreiben Menschen, und da ist es natürlich auch nur menschlich, dass man irgendwann mal beginnt abzuwägen, was passiert eigentlich mit meiner Informationsquelle, wenn ich diese Information jetzt in die eine Richtung verwende oder in die andere. Oder was passiert auch, wenn ich jemanden beschreibe und ihm am nächsten Tag wieder unter die Augen treten muss."
Der Lokaljournalist tritt den Lokalpolitikern tagein tagaus unter die Augen, wie Voges bei einem Termin beim Bürgermeister. Die beiden kennen sich lange, sie duzen sich sogar. Wenn Detlef Voges kritisch über den Bürgermeister berichtet, beschwert der sich schon mal persönlich sich. Das allerdings ist dem Lokalredakteur lieber als Politiker oder Unternehmer, die ihm den Hof machen: "Da wird man dann schon mal zum Essen eingeladen oder so. Also ich kann mit dem Kaffee trinken oder auch Bratwurst essen, aber ich kann natürlich nicht ein Essen annehmen, was über fünf Gänge geht und was mit Champagner anfängt und mit Champagner aufhört oder mit einem Single Malt Whiskey oder so. Das kann ich nicht machen. Das muss ich ablehnen. Von vorneherein. Weil das ist dann Bestechung und dann bin ich abhängig."
Hemmungslos abhängig waren offensichtlich rund 30 Journalisten, die in einen der größten Aktienbetrugsfälle verwickelt sind. Sie sollen Kurse manipuliert und dabei kassiert haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Detlef Voges: "Aber die schwarzen Schafe gibt es, glaube ich, in jedem Job, bloß wir sind natürlich anders als jetzt ein Dachdecker, der nicht sorgfältig arbeitet, sind wir natürlich ständig immer im Rampenlicht und deshalb sind wir auch so schnell angreifbar und deshalb kommt eventuell auch diese Geschichte mit der Ranking-Liste, dass man dann auch schnell ganz unten landet."
Vielleicht auch deshalb: Fast alle Medien hatten Ursula von der Leyen zwei Tage lang zur Bundespräsidentin gekürt:
"Wird sie die Mutter der Nation?" (Bild, 2. Juni 2010)
"Wie finden Sie die Neue?" (Berliner Kurier, 2010)
Peter Klöppel: "Bei der Suche nach einem Nachfolger für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler wurde ein Name heute in Berlin am häufigsten genannt: Arbeitsministerin Ursulea von der Leyen." (RTL)
Bettina Schaust: "Der Name von der Leyen, der kristallisierte sich im Laufe des Tages mit immer mehr heraus." (ZDF)
Ulrich Deppendorf: "Es verdichten sich heute Abend hier in Berlin die Hinweise, dass es auf Ursula von der Leyen hinauslaufen könnte." (DasErste)
"Die Bundesmutti" (Financial Times Deutschland, 03.06.2011).
Tatsächlich aber war sie zu keinem Zeitpunkt Kandidatin. Und das zeigt, "wie wir auch Hypes erzeugen und wie es für Journalisten manchmal schwierig ist, aus dieser Herde, die in eine Richtung rennt, ja, aus dieser Herde herauszutreten, sich gegen diese Herde zu stemmen und zu sagen: nein, meine Meinung ist eine andere. Oder meine Information ist eine andere oder ich versuche eben diesen Trend oder diese Herde bewusst zu stoppen, indem ich mal in die andere Richtung recherchiere", meint Brost.
In andere Richtungen zu recherchieren, ist für viele Journalisten geradezu ein Risiko. Denn auch Chefredakteure sind unter Druck, wirtschaftlich und politisch. Und einige geben diesen Druck weiter.
Detlef Voges: "Ich muss natürlich auch selbst die Courage haben und die Standfestigkeit zu sagen, auch wenn ich jetzt gegen den Hauptstrom arbeite, auch wenn die meisten jetzt nicht meiner Meinung sind, muss ich, wenn ich überzeugt bin und das sachlich begründen kann, muss ich dabei bleiben. Sonst werd ich unglaubwürdig, sonst bin ich ein Hofberichterstatter, der quasi immer mit dem Mainstream läuft aber nie ein eigenes Profil hat."
Für das eigene Profil bleibt oft wenig Zeit. Journalisten müssen rasant arbeiten. Stündlich werden neue Schlagzeilen produziert, immer so brisant wie möglich, skandalisierend, häufig Panik schürend.
Hans Mathias Kepplinger: "Nehmen Sie ein Beispiel, SARS oder die Schweinegrippe, in all den Fällen wurden die Dinge von einem Großteil der Medien derart dramatisiert, dass die Bevölkerung in panikartige Reaktionen kam, die im Grunde bei weitem übertrieben waren."
Regelrechte Panik gibt es immer wieder, wenn es um innere Sicherheit geht, zum Beispiel nach der Terrorwarnung von dem damaligen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) auf einer Pressekonferenz: "Es gibt Grund zur Sorge, aber keinen Grund zur Hysterie".
Doch das sahen die Medien anders, die Nachrichten überschlugen sich:
"Was wäre, wenn...?" (Die Zeit, 25.11.2010)
"Das Geschäft mit der Angst" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2010).
Das Terror-Thema war ein Selbstgänger und am Ende doch nur ein Strohfeuer.
Kepplinger: "Weil der Wettbewerb immer stärker wird, neigen Journalisten immer mehr dazu, die Dinge bis zum äußersten zu überspitzen und die Konsequenz ist, dass eben zu viele Skandale sich im Nachhinein im Grunde als eine übertriebene Aufgeregtheit erweisen, und das zehrt sicher auf Dauer auch am Ruf des Journalismus."
Und so geraten Journalisten in einen Teufelskreis. Im Konkurrenzkampf ruinieren sie ihr eigentliches Kapital: ihre Glaubwürdigkeit.