Das Interview mit Anja Günther, ARD-Hauptstadtstudio.
Video starten (12:41 min)Er ist wieder da: Karl Theodor zu Guttenberg. Nur ein dreiviertel Jahr nach seinem Rücktritt wegen der Plagiatsaffäre drängt sich der "vorerst Gescheiterte" zurück in die Schlagzeilen - und in die Buchläden. Das offensive Medienmanöver, ist es einfach genial oder einfach gestört? Die meisten Kommentatoren sind sich einig. Aber am besten, Sie machen sich selbst ein Bild - mit ein bisschen Hilfe von ZAPP.
Ein Film von Boris Rosenkranz und Julie Kurz.
Die Journalisten warten und sie beschäftigen sich. Im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin lauern sie am Dienstag auf Kundschaft, auf Käufer des Buches "Vorerst gescheitert" von Karl-Theodor zu Guttenberg.
Bianca Krömer vom Kulturkaufhaus Dussmann Berlin erklärt: "Heute Morgen ist es so gewesen, dass wir mehr Journalistenvertreter im Haus hatten, die um den Büchertisch standen, als Kunden. Aber das wird sich sicherlich noch ändern."
Die Journalisten sind jedenfalls schon mal da und heben den Baron in die Schlagzeilen, schon wieder. Die "Süddeutsche Zeitung" ahnt, "Guttenberg, die Rückkehr" (23.11.2011). Die "Welt am Sonntag" prophezeit das "Guttenback!" (22.11.2011). Und die "Bunte" weiß, "Er kommt wieder!" (24.11.2011) – wie von Guttenberg in einem Video angedroht: "Wir werden voneinander hören. Und ich werde mich melden." (YouTube, März 2011).
Anja Günther vom ARD Hauptstadtstudio meint: "Der Abgang damals war letzten Endes ja doch relativ überstürzt und alle haben eigentlich auch darauf gewartet, dass er sich wieder zu Wort meldet. Es war ja klar, dass er irgendwann kommen würde. Nur haben nicht alle damit gerechnet, dass es nach wenigen Monaten wieder passiert.
Und wie es passiert, im guten, alten Guttenberg-Stil, schön vorbereitet und geschickt inszeniert. Vor zehn Tagen: der erste Akt auf der Medienbühne. Guttenberg ist bei einer Sicherheitskonferenz in Kanada, ganz Staatsmann. Englisch und Anzug sitzen und der Look soll zeigen: Hier ist der neue zu Guttenberg, ohne Potterbrille und ohne Pomade, jedenfalls im Haar.
Felix Dachsel, Medienredakteur der "taz", sagt: "Man könnte ja fast meinen die alte Frisur sei nur so weit nach hinten gegelt gewesen, um ein Comeback irgendwann möglich zu machen. Aber sicherlich hat er darüber nachgedacht, wie diese Frisur und sein Auftreten gewirkt hat."
Und dann: der zweite Akt. Das Buch, in dem der Baron über seine Fehler spricht. Ganz zufällig erscheint es, kurz nachdem die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Betrugs bei seiner Doktorarbeit offiziell eingestellt hat.
Eckart Lohse von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Man hat den Eindruck, dass von den neun Monaten, die jetzt nach seinem Rücktritt fast vergangen sind, er doch eine erhebliche Zeit darauf verwendet hat, diesen zunächst einmal medialen Aufschlag, diese mediale Rückkehr zu planen und das durchaus auch zu koordinieren mit dem Verfahren in Hof bei der Staatsanwaltschaft."
Denn Guttenberg zahlte 20.000 Euro an die Kinderkrebshilfe. So verkürzt er ein langes Verfahren und kommt davon.
Dann die Überraschung: ein Interview in der guten, alten "Zeit". Das Wochenblatt, linksliberal und angesehen, scheint prädestiniert, um in die Öffentlichkeit zu drängen. Und "Zeit"-Chef di Lorenzo wirbt gern fürs exklusive Interview, auch im Internet: "Und das füllt vier Seiten im Blattinneren. Überschrift ist Programm, jedenfalls bei der Betrachtung der Plagiatsaffäre: 'Mein ungeheuerlicher Fehler'". (Zeit.de)
Sein ungeheuerlicher Fehler. Vier Seiten aus mehr als 200 Seiten Buch. Eine Beichte, abgenommen in einem Londoner Hotel vom Zeit-Chefredakteur höchstselbst, dem Co-Autor des Beichtbändleins.
Anja Günther: "Es ist vielleicht eine Erklärung, dass Giovanni di Lorenzo als Journalist eigentlich auch sehr wohlwollend mit Karl-Theodor zu Gutenberg umgegangen ist, auch nach der Plagiatsaffäre zu den Journalisten gehörte, die nicht zwingend den Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers gefordert haben, das könnte ein Grund sein."
Felix Dachsel: "Man sieht auf diesem Foto zwei Herren, beide in hellblauen Hemden, in ihren Wollpullis, wie sie andächtig und auch interessiert und fasziniert sich gegenübersitzen. Giovanni di Lorenzo zuhörend und Gutenberg sehr nachdenklich. Das wirkt wie eine Inszenierung und sie wirken, so wie sie dort gegenüber sitzen, fast wie Brüder."
Und so darf Ex-Doktor Guttenberg sagen, was er im Februar schon mal gesagt hat, dass seine Doktorarbeit "nicht ein Plagiat sei".
Videoausschnitt: Guttenberg: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat". (Februar 2011).
Dass er einen "ungeheuerlichen Fehler begangen" habe.
Videoausschnitt: Guttenberg: "Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten." (Februar 2011).
Und dass er unter einer "Doppelbelastung" gearbeitet habe.
Videoausschnitt: Guttenberg: "Neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater." (Februar 2011).
Eckart Lohse, Redakteur: "Entweder sie haben etwas Neues zu bieten, nämlich ein Schuldeingeständnis, oder man kann das Thema in drei Fragen abhaken. Aber noch einmal auf 30 Seiten mit den alten Argumenten und alles keine Absicht, was ja letztlich heißt, 'ich armer überforderter Bub, der ich damals war, da ist ein böses Schicksal über mich gekommen und ich habe eben nur nicht begriffen, dass ich überfordert war'. Das finde ich schon eine, naja, damit gibt man Guttenberg natürlich eine extrem gute Möglichkeit, dass alles noch mal sehr weichzuspülen."
Die akademische Leserschaft der "Zeit" bringt das auf die Palme. Auf zeit.de hagelt es Kommentare, fast 900. Die Leser wettern: "Wie kann man so jemandem nur ein Plattform geben", schreiben "Byebye 'Zeit'" und etliche drohen, "das 'Zeit'-Abo zu kündigen".
Und am Donnerstag wird in der "Zeit" zu lesen sein: "Pfui! Pfui! Pfui!" (1.12.2011), kritische Kommentare auf zwei Seiten und "Zeit"-Chef Giovanni di Lorenzo rechtfertigt sich: "Warum dieses Interview?" Er erklärt, "ein Interview ist eine journalistische Form, kein politisches Bekenntnis" und natürlich, "am Ende hängt die Rückkehr eines Politikers weder von ihm selbst noch von uns Journalisten" ab.
Naja, Meinung machen Journalisten trotzdem und manchmal auch Politik. Die BamS packt fröhlich "das Gutto-Meter" (27.11.2011) aus, der Spiegel ätzt, "Karl-Theodor zu Guttenberg trickst schon wieder" (28.11.2011) und der Stern ist genervt, watscht Guttenberg auf dem neuen Titel ab: "Ich schon wieder (...) Mission missglückt" (1.12.2011).
Dabei hat die Mission doch gerade erst begonnen. Guttenberg ist wieder im Gespräch und die Medien haben ein Thema, das polarisiert und sich gut verkauft. Der nächste Akt folgt, bestimmt:
Guttenberg: "Wir werden voneinander hören. Und ich werde mich melden." (YouTube).