Guttenberg: Fall des Medienlieblings
In der Krise entzieht sich Guttenberg den Nachfragen der Medien.
Video starten (05:40 min)Er hatte heute einen richtig schön bescheidenen Tag: Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Universität Bayreuth erkannte ihm am Abend den Doktortitel ab, im Deutschen Bundestag musste er stundenlang ums politische Überleben kämpfen. Als akademischer Hochstapler wurde er tituliert, als jämmerliches Vorbild, massive Rücktrittsforderungen wurden laut. Doch einige Medien versuchten dem Star offenbar zu helfen, erkundeten in schlichten Umfragen, ob Guttenberg im Amt bleiben soll. Retten die Medien so vielleicht ihren Liebling?
Die Medien-Lichtgestalt: Karl-Theodor zu Guttenberg. Seine demonstrative Entschlossenheit hat ihn blitzschnell beliebt gemacht. Er zeigt gern seinen hohen Anspruch an sich selbst. Guttenberg in verschiedenen Fernsehsendungen: "Ich war von Anfang von der Meinung, dass wir hier sehr klare Worte wählen müssen. [...] Dass man nicht um den heißen Brei herumredet."
Anja Günther, ARD-Hauptstadtkorrespondentin, erklärt: "Klartext reden, glaubwürdig sein, Klartext, Wahrheit, Klarheit und Wahrheit. Das hat er immer als sein Motto ausgegeben."
Die Medien belagern ihn. Gerade noch schrieben sie ihn ins Kanzleramt, nun lauern sie auf einen Lügenbaron. Er hat abgeschrieben in seiner Doktorarbeit, ganze Seiten geklaut. Sein tadelloses Image steht auf dem Spiel. Die Berliner Presse munkelt vorigen Freitag was von Rücktritt. Im Verteidigungsministerium erklärt sich zu Guttenberg ungelenk vor einer Handvoll Journalisten.
Guttenberg: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat. Ich werfe diesen... Können wir noch einmal? Ist das live gewesen, jetzt gerade? Nein, O.k., Tschuldigung. Ist möglich, oder, war nicht live? Ok, gut. Also. [...] Ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone vorrübergehend, auf das Führen des Titels verzichten. Allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen."
Nur vorrübergehend kein Titel. Wie gewohnt legt er sich fest. Doch dieser Auftritt misslingt, bringt die Hauptstadt-Journalisten gegen ihn auf. Denn die warten zeitgleich standesgemäß in der Bundespressekonferenz auf eine Erklärung, haben Fragen. Sichtbar peinlich berührt erklärt Guttenbergs Sprecher, Steffen Moritz: "Der Minister wird jetzt in diesem Moment, in den nächsten Minuten vor einigen ausgewählten Medienvertretern, die da vor dem Ministerium gewartet haben, eine Erklärung abgeben und den Inhalt werden Sie dann erfahren, wenn er es getan hat."
Darauf sagt Dieter Wonka von der Leipziger Volkszeitung: "Ehrlich gesagt, Herr Moritz, bin ich baff, dass ihr Minister so ein Feigling ist und sich nicht vor, nicht nur ausgewählten Medien, die gewartet haben, um einen Tonständer hinzustellen und der Minister, so denke ich mir das, spricht seine zehn Sätze und geht dann wieder. [...] Das ist doch Kokolores hoch drei."
Ausgerechnet zu Guttenberg, der Medien-Liebling, verprellt die Journalisten. Seinetwegen lassen sie zum ersten Mal eine Bundespressekonferenz platzen.
Wonka: "Herr zu Guttenberg hat sich im wahrsten Sinne des Wortes, leider sage ich, feige verhalten, indem er gedacht hat, er kann sich vor der Öffentlichkeit verstecken und das ging zum Glück in die Hose."
Dabei ist es doch so oft gut gegangen. Er hat doch jede Hürde genommen und das immer mit derselben Masche.
Günther: "Das Muster ist eben das, dass er wirklich sehr schnell versucht, Position zu beziehen und als der forsche Entscheider immer daherkommen will. Das versucht er tatsächlich auch, wir haben das bei der Kundus-Affäre gesehen, da hat sehr schnell die Bewertung abgegeben, wie der das Bombardement am Kundus Fluss einschätzt."
Nach einem Befehl eines Deutschen Offiziers kamen rund 140 Zivilisten zu Tode. Zu Guttenberg kommt sofort zum unumstößlichen Ergebnis: "Das die Militärschläge und die Luftschläge vor dem Gesamtbedrohungshintergrund als militärisch angemessen zu sehen sind." (6.11.2009).
Wenig später kommt er zu einem anderen, unumstößlichen Ergebnis. Das Bombardement war "aus heutiger, objektiver Sicht im Lichte aller, auch mir damals vorenthaltener Dokumente militärisch nicht angemessen." (3.12.2009)
Erst entschlossen Hü, dann entschlossen Hott. Hauptsache Handeln.
Eine andere Hürde, dasselbe Muster in der Gorch-Fock-Affäre. Auf dem Schiff verunglückt im November 2010 eine junge Soldatin ungeklärt. Zu Guttenberg unter Beschuss, auch hier klare Worte: "Diese Vorwürfe sind aufzuklären, sie sind schonungslos, sie sind klar aufzuklären." (21.1.2011)
Aus dem Verteidigungsministerium heißt es: Nicht vorschnell urteilen. Doch schon wenig später trifft er selbst, ohne erkennbar neue Faktenlage, eine symbolträchtige Entscheidung: "Der Kommandant ist von seiner Führungsaufgaben entbunden. Ich habe das angewiesen." (22.01.2011)
Auch hier: Erst entschlossen Hü, dann entschlossen Hott. Hauptsache Handeln.
Nun soll es wieder klappen. Für die aktuelle Hürde nimmt er Anlauf und wählt einen passenden Ort. Kelkheim in Hessen soll der Befreiungsschlag werden. Auf einer CDU-Veranstaltung ist er der Star. Kritische Nachfragen kaum zu erwarten. Hier ist sein "Schuldeingeständnis" gut platziert: "Ich sage das ganz bewusst, weil ich am Wochenende, auch, nachdem ich diese Arbeit mir intensiv noch einmal angesehen habe, feststellen musste, dass ich gravierende Fehler gemacht habe."
Erst Hü, dann Hot. Hauptsache Handeln. Dahinter steckt ein Muster aber nicht zwingend Klarheit und Wahrheit.