Wie Medien die Griechen zu Idioten machen

Es ist Sommer - jedenfalls laut Kalender. Und da beschäftigen sich auch Medien gern mal mit leichten Themen. Vor sieben Jahren zum Beispiel - fast genau zur gleichen Zeit wie jetzt - bestimmte auch Griechenland europaweit die Schlagzeilen. Griechenland war Europameister. Und Journalisten konnten Namen wie "Rehakles" für Otto Rehagel, den Nationaltrainer der Griechen, kreieren. Das war schön. Und vor allem so herrlich einfach. Und heute? Bestimmt Griechenland wieder europaweit die Schlagzeilen. Und es ist Sommer - und es ist furchtbar kompliziert.

Ein Film von Boris Rosenkranz und Nils Casjens.

Ein Land pleite, die Bürger wütend und die Politiker ratlos, wie es mit Griechenland weiter gehen soll. Die Euro-Krise gibt Rätsel auf. Kaum noch jemand versteht, was los ist. Aber viele haben eine Meinung. Bei einer Straßenumfrage sagt ein Mann: "Wie ich das der Tagespresse entnommen habe, dass die sich da selber schön in die Tasche gewirtschaftet haben und halt nicht so ein stabiles System haben wie wir, glaube ich, haben sie sie selber Schuld dann." - Eine ältere Dame erklärt: "Die sollen erst mal sparen lernen, wir müssen auch sparen, ist meine Meinung." - Und ein Mann sagt: "Natürlich sind die Schuld. Wenn ich mir vorstelle, dass da teilweise oder überwiegend viele mit knapp über 50 schon in Rente gegangen sind. Wer soll das finanzieren? Woher soll das Geld kommen?" Die Stimmung ist aufgeheizt. Dabei bemühen sich viele Journalisten, die Krise sachlich zu erklären - doch es bleibt ein Begriffs-Wirrwarr.

Claus Hulverscheidt, Wirtschaftsredakteur der "Süddeutschen Zeitung", meint: "Ich habe schon das Gefühl, da an eine Grenze zu stoßen. Vor allem deshalb, weil man so viel erklären müsste, so viel Platz hat man nicht mal in einer Tageszeitung, geschweige denn im Fernsehen oder sonst wo. Also das, wenn ich mir vorstelle, ich müsste das als Fernsehjournalist alles in 1:30 erklären, das wäre völlig unmöglich, entsprechend sind auch viele Fernsehnachrichtensendungen zu dem Thema."

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Claus Hulverscheidt, Wirtschaftsredakteur "Süddeutsche Zeitung" © NDR
 
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Das Interview mit Claus Hulverscheidt, Wirtschaftsredakteur "Süddeutsche Zeitung" .

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Und der Journalist Michalis Pantelouris sagt: "Wenn man es vom Ergebnis her denkt, dann muss man sagen, die deutschen Medien haben da komplett versagt. Wenn keiner mehr weiß, was da ist, selbst regelmäßige Zeitungsleser keine Ahnung mehr haben, was in Griechenland eigentlich passiert, dann hat der Journalismus in diesem Punkt seine Aufgabe einfach nicht erfüllt."

Emotionale Schlagzeilen statt Fakten

Dabei hatten die Journalisten Zeit für diese Aufgabe. Seit mehr als einem Jahr müssen sie die Krise erklären. Doch von Beginn an schüren viele vor allem eines, Angst, und fürchten "die Griechenland-Pleite" (Focus, 22.2.2010). Bild fragt dramatisch: "Reißt Griechenland die deutschen Banken in die Pleite?" (15.2.2010). Und bestimmt, "Ihr griecht nix von uns" (21.06.2011). Die Griechen, weiß Focus, sind die "Betrüger in der Euro-Familie" (22.2.2010).

Michalis Pantelouris: "Die große Erzählung ist die, da sind die faulen Südländer, die haben Jahrzehnte lang über ihre Verhältnisse gelebt. Die sind korrupt, die arbeiten nicht so viel wie wir, sondern beuten ihren Staat aus, nutzen jeden Vorteil und gehen dann früh in Rente. Das ist die große Erzählung, die sich darüber gelegt hat, über die gesamte Berichterstattung."

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Michaelis Pantelouris, Journalist © NDR
 
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Das Interview mit Michalis Pantelouris

22.06.2011 | 23:20 Uhr

Das Interview mit Michalis Pantelouris, Journalist.

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Und die Schlagzeilen von heute klingen kaum anders. Die einen fragen: "Sind die Südeuropäer wirklich faul?" (Welt am Sonntag, 22.5.2011). Für den Focus steckt Europa "in der Griechenland-Falle" (20.6.2011). Andere fragen: "Was kosten uns die Griechen?" (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.5.2011). Und Bild hat mal wieder Angst: "Reißen die Griechen ganz Europa in den Abgrund?" (17.6.2011).

Neue Klischeebilder

Das Bild der Deutschen von ihrem Urlaubsparadies hat sich gewandelt. Einst geschätzt für ihre Gastfreundschaft, gelten die Griechen heute als Gefahr für ganz Europa. Dabei haben sie sich schon beispiellose Einschnitte verordnet. Doch das Klischee vom faulen Griechen hat sich durchgesetzt und wird längst nicht mehr nur von den Medien bedient.

Frank Steffel (CDU), 17.5.2011: "Wie wird Griechenland wettbewerbsfähig? Wie schafft Griechenland es, Industrie aufzubauen? Mit Gyros und Schafskäse, bei aller Wertschätzung, und ein bisschen Tourismus wird das nicht gelingen."

Guido Westerwelle (FDP) 18.5.2011: "Es ist ja auch kaum erklärbar, dass bei uns die Menschen mit 67 in Rente gehen sollen, und gleichzeitig Länder um Hilfe bitten, aber selbst entsprechende Anpassungen beim Renteneintrittsalter bislang nicht ausreichend vornehmen möchten."

Selbst die Kanzlerin macht mit. Lästert über faule Südländer: "Dann geht es auch darum, dass in Ländern wie Griechenland, Portugal, Spanien und anderen man nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland. Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig, das geht auf Dauer auch nicht zusammen." (Rede in Meschede, 17.5.2011) Dabei gehen die Griechen nicht früher in Rente und haben sogar weniger Urlaub.

Claus Hulverscheidt: "Ich glaube, das war jetzt so ein Versuch von ihr, den Bauch in irgendeiner Weise, den Bauch des Wählers in irgendeiner Weise zu bedienen, und das geht bei ihr meistens schief, weil das einfach nicht ihr Ding ist."

Vom Nazi-Vergleich zum Hass auf Deutsche

Die deftigen Worte aus Deutschland kommen auch bei den Griechen an. Und sie stänkern zurück. Dass sie vereinzelt Nazi-Vergleiche bemühen, nutzen deutsche Medien als Steilvorlage. Bild empört sich scheinheilig: "Wir zahlen - und werden auch noch beschimpft!" (21.6.2011) Und jammert: "Warum sind in Griechenland ausgerechnet immer die Deutschen der Buhmann?" (21.6.2011).

Auch in Talkshows: populistische Parolen. In der Münchner Runde fragt die Moderatorin: "Warum bitte hassen uns die Griechen immer mehr, ausgerechnet uns Deutsche, die wir doch so viel Geld rüber schicken? [...] Wenn man jetzt aber Demonstrationen sieht mit Hakenkreuzen zum Beispiel, dann vergeht schon die Lust darauf, weitere Schecks zu schicken und hier ja hart erarbeitetes Steuergeld zu transferieren." (BR, 14.6.2011).

Claus Hulverscheidt: "Das ist schwierig, gegen diese Stereotype anzukommen, weil das natürlich die Dinge sind, die beim normalen Leser am ehesten verfangen. Wenn man also irgendwas liest und sagen kann: Mensch, habe ich mir immer gedacht, dass der Grieche an sich faul ist und sich nicht ordentlich wäscht, dann verfängt das einfach schneller, als wenn man versucht, die Dinge etwas differenzierter darzustellen."

Doch Differenziertes dringt einfach nicht durch. Das ausländerfeindliche Klischee vom faulen Griechen aber versteht jeder aber die Krise wird dadurch nicht erklärt.

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Medien machen Griechen zu Idioten

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Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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01.06.2012 01:15 Uhr

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Titel des Magazins Focus "Betrüger in der Euro-Familie". Der Titel ist einer der Auslöser eines Medienstreits zwischen Deutschland und Griechenland. © dpa Fotograf: Marc Müller
 
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Feindliche Berichte über Griechenland

10.03.2010 | 23:05 Uhr

Hohn, Spott und Häme statt Fakten und Recherche.

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Die Prägung der griechischen Ein-Euro-Münze © picture-alliance/dpa Fotograf: Jens Büttner
 
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Hintergründe zur griechischen Schuldenkrise im Dossier von tagesschau.de.

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