Kabinenluft: Eigentümliche PR-Strategie

Es gibt Bilder, die die Lufthansa gern mag: Majestätisch heben sich Maschinen in den Himmel, entspannte Passagiere in der Kabine, ruhige Flüge über den Wolken. Nicht so gern mag die Lufthansa Berichte über gefährliche Dämpfe im Cockpit, die Piloten niederstrecken und beinahe zur Katastrophe führen. Da kann das Unternehmen richtig giftig werden. So giftig, dass sie unliebsamen Journalisten die Berichterstattung ordentlich erschweren. Transparenz sieht anders aus.

ZAPP - Autor/in: Ada von der Decken

Ein Film von Ada von der Decken.

Die "Tagesschau" meldet am 28. September 2012: "Im Landeanflug hatten die Piloten einen seltsamen Geruch wahrgenommen. Ihnen war übel und schwindelig geworden." Auch "n-tv" berichtet einen Tag später: "Den Piloten in dem aus Wien kommenden Flugzeug wird übel. Arme und Beine werden taub, sie verlieren fast das Bewusstsein, funken eine so genannte Luftnotlage." Am 2. Oktober 2012 dann das "ZDF heute journal": "Ihr Dialog später zu Protokoll gegeben, lässt die Dramatik beim Landeanflug auf Köln erahnen."

Kontaminierte Kabinenluft

Auslöser für diesen Vorfall im Dezember 2010 war möglicherweise kontaminierte Kabinenluft, Öldampf im Cockpit, eingespeist direkt von der Turbine. Zum Glück gelingt die Landung. Die Passagiere und die Öffentlichkeit erfuhren von der brenzligen Situation erst vor wenigen Wochen: Nicht durch die Fluggesellschaft, sondern durch die "Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen".

Eine "Beinahe-Katastrophe" (Titel: "Die Welt", 28. September 2012) bei der Lufthansa-Tochter berichten die Medien alarmiert, die "fast fatal" (Titel: "Süddeutsche Zeitung", 29. September 2012) geendet hätte.

"Giftige Dämpfe im Flugzeug-Cockpit"

Achim Pollmeier, Redakteur "Monitor" (WDR), und seine Kollegen recherchieren seit Jahren zum Thema, seit Jahren gegen Widerstände, erzählt er im ZAPP-Interview: "Also zunächst einmal ist uns ja über Jahre hinweg die Position der Lufthansa gar nicht so explizit deutlich gemacht worden. [...] Man hat uns schon 2009 auf eine Anfrage geantwortet, an ihrer Berichterstattung möchten wir nicht teilnehmen."

Intern bemühen sich die Fluggesellschaften um eine gemeinsame Sprachregelung. Aus einem internen Protokoll geht hervor: Die schlimmste Auswirkung wäre ein (Zitat): "potenzielles Aufflammen der öffentlichen Diskussion zu diesem Thema vor der Feriensaison". Das gilt es zu verhindern.

Achim Pollmeier sieht die Zwangslage der Fluggesellschaften: "Das ist ein sehr gefährliches Thema für die Lufthansa und für die Fluggesellschaften, das ist auch nachvollziehbar, man hat Angst vor der Angst der Passagiere und das kann ich auch verstehen. Es ist ein Thema, bei dem man noch vieles nicht weiß, und wo man natürlich als Fluggesellschaft und auch als Hersteller Angst hat vor zu viel Panik auf Seiten der Passagiere."

Patzige Antworten auf Anfragen

Als Journalisten der "Welt" und NDR Info als Investigativ-Team nach weiteren Vorfällen fragen, giftet die Lufthansa zurück (Zitat): "Statt 'Investigativ-Team' (im Absender) muss es dort doch 'Kampagnen-Team' heißen." Ende September endlich ein erstes Eingeständnis von Lufthansa gegenüber der "Welt am Sonntag", dass es wohl Probleme mit Gerüchen gebe, Triebwerke mussten gewechselt werden, (Zitat): "Speziell auf den Airbus A380 bezogen befassen wir uns seit mehr als einem Jahr damit".

Vor zehn Tagen dann die Sensation: Die Lufthansa lädt Journalisten ins "Aviation Center" ein. Zum Thema Kabinenluft. Ein Hintergrundgespräch. Achim Pollmeier von "Monitor" wollte auch kommen, erinnert sich Achim Pollmeier: "Fakt ist, ich war da und wollte an dem Pressetermin teilnehmen, und es gab ein kleines Wortgefecht. Am Ende dieses Wortgefechtes habe ich gefragt, ob es nicht eher so sei, dass die Redaktion Monitor bei dieser Veranstaltung nicht erwünscht ist, worauf der Pressesprecher sagte, das stimmt."

Andere Journalisten und sogar der Pressesprecher selbst bestätigen am Telefon gegenüber ZAPP diese Aussage. Auf ZAPP-Anfrage, warum bestimmte Journalisten nicht am Gespräch teilnehmen sollten, antwortet der Lufthansa-Sprecher (per E-Mail): Man habe den "Teilnehmerkreis etwas kleiner gehalten als bei einer Pressekonferenz, da eine vertiefende sachliche Diskussion mit den Experten von Lufthansa und Germanwings möglich sein sollte."

Selektive Informationsweitergabe

Klaus Kocks, PR-Berater, kritisiert diese Art der Informationsweitergabe: "Das Hintergrundgespräch ist der Versuch auf gleicher Ebene zu kommunizieren, jedenfalls im Gestus, faktisch aber zu beeinflussen, ohne für die Beeinflussung selbst, dingbar gemacht werden zu können."

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Klaus Kocks, PR-Berater © NDR
 
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Das Interview mit Klaus Kocks

Die Langversion des Interviews mit dem PR-Berater.

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Einige Kollegen, die dabei waren, transportieren die Message des Hintergrundgesprächs: Dem Germanwings-Piloten ging es angeblich nicht so schlecht. So zitiert die "DPA" am 26. Oktober 2012 einen der Piloten: "Ich war aber Herr meiner Sinne und Handlungen." Diese Aussage steht in krassem Gegensatz zu einem Protokoll des Piloten, direkt nach dem Vorfall. Pollmeier liegt es vor. Gerne hätte er die Lufthansa dazu befragt.

Klaus Kocks, PR-Berater, ist erschüttert: "Wir reden ja hier nicht darüber, ob der Tomatensaft bei der Lufthansa schmeckt oder nicht schmeckt. Wir reden über den Verdacht einer grundsätzlichen Gefährdung der Flugsicherheit. Wer das selektiv handhabt, wer das in Hinterzimmer zieht, wer das nicht vor jeder Kamera beantworten kann, dem fehlt die Zuverlässigkeit, die ich eigentlich von einem solchen Unternehmen erwarten muss."

Über das Thema hat die Lufthansa längst keine Kontrolle mehr, sicher landen kann sie nur mit Offenheit.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 07.11.2012 | 23:20 Uhr

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Flugzeuge mit Lufthansa-Logo © ddp mecom Fotograf: Daniel Samanns
 

Erneut Kabinenluft-Zwischenfall bei Lufthansa

NDR Info

Piloten klagen über Unwohlsein und erbitten bevorzugte Landung. mehr

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Beitrag der WDR Sendung Monitor vom 18.10.2012

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