EHEC - viele Quellen, keine Ahnung

Erst waren es Salat und Tomaten, und dann waren die Gurken schuld. Die waren es auch nicht. Aber ihren schlechten Ruf hatten sie längst weg. Die ersten medialen Opfer der EHEC-Berichterstattung. Aber mit Gemüse wollten sich Behörden und Journalisten nicht länger aufhalten. Die vermeintlich Schuldigen brauchten endlich auch ein menschliches Antlitz. Und so gerieten ein Gastwirt aus Lübeck und ein Sprossenzüchter aus Niedersachsen an den medialen Pranger. Zapp über die Opfer eines Kompetenz- und Informationssalats.

Mareike Fuchs, Monika Manke und Anne Ruprecht über die Opfer eines Kompetenz- und Informationssalat der Behörden.

Belagerungszustand in Bienenbüttel. Biosprossen von hier sollen eine Quelle sein für die EHEC-Epidemie. Die Weltpresse auf dem Feldweg.

Beweise gibt es noch keine, doch manche Medien haben ihren Schuldigen schon gefunden. Die Hamburger Morgenpost stellt den Biobauern auf ihrer Titelseite an den Pranger: "Kommt der Tod von seinem Biohof?" (07.06.2011). Er hat die Journalisten hierher geführt, Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann präsentiert am Sonntag seinen Fahndungserfolg.

Gert Lindemann, Landwirtschaftsminister Niedersachsen am 05.06.2011: "Das ist für uns die heißeste bisherige Spur überhaupt."

Die heiße Spur sind die Lieferwege. Auf den Sprossen hingegen bisher keine Spur von EHEC. Die Hofbetreiber den drängenden Journalisten ausgeliefert.

Stimme aus Gegensprechanlage: "Wir wissen selber nicht, was los ist, wir wissen nur, dass wir nicht mehr liefern dürfen."

Kai Kupferschmidt, Wissenschaftsjournalist: "Ich halte es für unglücklich an einem Sonntag vor die Presse zu treten und zu sagen ‚Das ist die heißeste Spur, die wir bisher haben‘, weil völlig klar ist, dass das dann das Nachrichtengeschehen am nächsten Tag beherrschen wird. Ich denke damit hätte man wahrscheinlich auch noch mal warten können und einfach abstimmen können, was die ersten Untersuchungen ergeben."

Die Ergebnisse der Untersuchungen liegen schon einen halben Tag später vor, alle negativ. Es bleiben die Indizien, Krankheitsfälle auf dem Hof und Lieferwege. Der großen Erwartung folgt die große Ernüchterung und Verwirrung.

Verwirrung ist das Muster der vergangenen Wochen. Fast täglich melden sich Vertreter unterschiedlichster Behörden und offizieller Stellen zu Wort, alle scheinen zuständig zu sein. Und nicht mal die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner kann sich merken, wer hier eigentlich was zu vermelden hat.

Ilse Aigner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschat und Verbraucherschutz: "Für die humane Seite, also für die menschliche Seite, ist auf alle Fälle das Robert Koch-Institut, beziehungsweise das Gesundheitsministerium als übergeordnetes Ministerium, zuständig. Es gibt die Länder, die ganz klar zuständig sind für die Probenahme, so wie es jetzt auch in Niedersachsen geschehen ist, wie es auch in Hamburg geschehen ist, aber auch die Rückverfolgung aller Lieferströme, also die jetzt diese Indizienkette aufgebaut hat. Und das wird zusammengefasst dann in unserem Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit und jetzt hab ich noch vergessen, nicht vergessen, sondern - das ist auch noch wichtig - das Bundesinstitut für Risikobewertung in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch-Institut, ...." (Beckmann, ARD, 06.06.2011)

Ein Zuständigkeitswirrwarr.

Kai Kupferschmidt, Wissenschaftsjournalist: "Ich bin überzeugt davon, dass, dass wir es in diesem Fall, spezifisch bei Epidemien oder bei größeren Ausbruchsgeschehen in Deutschland mit ‘nem Kompetenzsalat zu tun haben und es ist ja irgendwie logisch, dass ein Kompetenzsalat auch zu einem Kommunikationssalat führt."

In diesem Kommunikationssalat galt auch der Gastwirt Joachim Berger mit seinem Restaurant als heiße Spur ("Tödlicher Darm-Keim: Erste heiße Spur führt nach Lübeck", Lübecker Nachrichten, 04.06.2011). Kieler Behörden bestätigen gegenüber Journalisten, es habe Untersuchungen in dem Lokal gegeben, in dem viele Erkrankte gegessen haben sollen. Ein Behördenhinweis mit Folgen.

Joachim Berger, Gastwirt Kartoffelkeller Lübeck: "Dann hatte mein Sohn mich angerufen, so um 11 Uhr, Papa komm sofort, hier ist der Teufel los, hier sind riesengroße Aufwand mit Journalisten und mit Fernsehteams und Kamerateams usw. und die wollen dich alle sprechen, stehen alle vor dem Kartoffelkeller."

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Joachim Berger © NDR
 
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Das Interview mit Joachim Berger, Gastwirt des "Kartoffelkellers".

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Eine Medienlawine überrollt das Lübecker Lokal. Joachim Berger läuft rauf und runter. Die ARD war da, RTL, das ZDF und sogar Al Dschasira. Berger bemüht sich um Aufklärung. Ein Wirt im Visier der Medien.

Auch wenn in vielen Berichten betont wird, dass die Gaststätte nicht die Quelle des Erregers ist, sondern nur ein möglicher Verbreitungsort, am Ende hat er den Schaden. Umsatzeinbußen von sechzig bis siebzig Prozent gibt der Wirt an.

Joachim Berger, Gastwirt Kartoffelkeller Lübeck: "Unsere Kellner werden beschimpft und von wegen 'euch kriegen wir alle' und 'euch sollte man totschlagen' und so was alles."

Dabei gab es noch viele andere Orte, auf die sich die Journalisten hätten stürzen können. Wie zum Beispiel ein Golfhotel. Dort hatte eine Gruppe von Schweden gegessen und war später an EHEC erkrankt. Eine Frankfurter Kantine, wo sich viele Menschen infiziert haben sollen. Doch die Medien zerren den kleinen Lübecker Kartoffelkeller in die Öffentlichkeit.

Kai Kupferschmidt, Wissenschaftsjournalist: "Ich glaube, dass es grundsätzlich ein Fehler ist, ich glaube, dass man einzelne Lokale in dieser spezifischen Situation eigentlich nicht nennen muss. Es geht ja hier um einen Erreger, der offensichtlich nicht in einem einzelnen Restaurant irgendwie Leute krank gemacht hat, sondern es geht um einen Erreger, der in Norddeutschland tausende Fälle verursacht hat. Das heißt, es ist von vorneherein klar gewesen, es wird sich niemals um ein kleines Restaurant handeln."

Tausende Fälle, unzählige mögliche Quellen, der Sachstand nach Wochen immer noch für alle einfach unklar, auch für die, die ihn verkünden.

Daniel Bahr, Bundesgesundheitsminister am 05.06.2011: "Dass die Infektionsquelle sich eingrenzen lässt auf den Verzehr von rohen Tomaten, rohen Gurken und rohen Blattsalaten."

Zur gleichen Zeit laufen über die Agenturen schon die Warnungen vom niedersächsischen Landwirtschafsminister Lindemann. Von der angeblich neuen Spur der Sprossen, so scheint es, müssen erst die anwesenden Journalisten den Bundesgesundheitsminister unterrichten.

Journalist fragt den Bundesgesundheitsminister auf einer Pressekonferenz: "Ist Ihnen davon irgendetwas bekannt?"

Die Situation grotesk.

Daniel Bahr: "Ich halte nichts davon, dass ein Bundesgesundheitsminister hier mit Vermutungen oder Spekulationen in die Öffentlichkeit geht." (05.06.2011)

Stefan Etgeton, Verbraucherzentrale Bundesverband: "Wenn parallel widersprüchliche Botschaften gesendet werden, und das ist in dem Fall offenbar passiert, dann erweckt das den Eindruck, dass die Landes- und die Bundesbehörden sich nicht abstimmen in den Befunden und auch in den Botschaften, die aus den Befunden abzuleiten sind."

Doch nach außen demonstrieren Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und ihre Experten Geschlossenheit (06.06.2011).

Ilse Aigner: "Es gibt keine Kompetenzstreitigkeiten."

Prof. Andreas Hensel, Bundesinstitut für Risikobewertung: "Wir haben eine enge Zusammenarbeit."

Doch schon eine einfache Reporterfrage nach Sprossen aus einem Kühlschrank offenbart Probleme.

Prof. Andreas Hensel, Bundesinstitut für Risikobewertung: "Also, die Hamburger Behörden wusste davon noch nichts, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass der betroffene Bürger, der hatte die vergessen im Kühlschrank ... das Problem war nur, er hat sie im Bezirksamt Eimsbüttel, meines Wissens nach, abgegeben und da muss es erst mal den Weg ins entsprechende Untersuchungsamt finden."

Das Informationschaos ist perfekt. Behörden und Journalisten im Dilemma.

Kai Kupferschmidt, Wissenschaftsjournalist: "Natürlich verlangen wir als Medien nach Antworten, natürlich verlangt die Bevölkerung nach Antworten. Es ist aber gut möglich, dass es keine endgültigen Antworten geben wird in diesem Fall."

Für Behörden und Journalisten schwer zu akzeptieren und noch schwerer zu kommunizieren. Zu schnell werden aus Hinweisen Tatsachen und aus Verdächtigen Schuldige.

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EHEC und die Ahnungslosigkeit

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Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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