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Imagepflege: Aserbaidschan lenkt Presse

Viel nackte Haut, alte Omis, irre Zwillinge und natürlich unser Roman Lob. Das große Finale beim Eurovision Song Contest in Baku rückt näher. Viel ist über die Hauptstadt Aserbaidschans bereits berichtet worden - vor allem viel Kritisches. Menschenrechtsverletzungen. Fehlende Pressefreiheit. Korruption statt Opposition. Kaum ein westlicher Journalist, der diese Vorwürfe nicht im Kopf hätte, wenn er jetzt vom Musikspektakel in Baku berichtet. Und doch scheint die pompöse Inszenierung zu funktionieren. Zumindest bei den ausländischen Journalisten.

ZAPP - Autor/in: Ada von der Decken

Ein Film von Ada von der Decken.

Transfer direkt zum Spielort, einer breiten Bühne mit Meeresblick für den Song Contest. Schwer sich dieser Kulisse zu entziehen. Jens Maier berichtet für "stern.de" von dem Groß-Ereignis: "Ich hätte nie geglaubt, dass das fertig werden kann, weil das sah teilweise aus wie ein Kartoffelacker und ich war vor vier Wochen zum ersten Mal hier und ich hätte nicht geglaubt, dass man das in vier Wochen alles schafft. [...] Es ist einfach sehr erstaunlich, wie schnell alles hübsch gemacht wurde."

Was nicht hübsch ist, bleibt verborgen. Die Schattenseiten des Baubooms dokumentiert Mehman Husseynov. Der Blogger aus Baku war auch schon hier, als die Bewohner der alten Häuser vertrieben wurden. Seine Fotos schießt er für ausländische Agenturen oder Organisationen. In Aserbaidschan selbst werden sie kaum abgedruckt.

"Also natürlich freue ich mich, dass in Baku so eine große Veranstaltung stattfinden wird. Das hat was Positives", so Husseynov. "Aber mir ist es lieber, wenn solche Veranstaltungen in Ländern stattfinden, wo es keine politischen Gefangenen gibt."

Die Schattenseiten des ESC

Für einen Tag hängen seine Fotos jetzt sogar im Konferenzraum eines Sterne-Hotels. Aber kaum jemand schaut sie sich an, die ausländischen Journalisten sind woanders. Die erste öffentliche Probe des deutschen Kandidaten Roman Lob. Einer der wichtigsten Termine für die ESC-Journalisten. Sie besprechen Themen wie: Trägt er eine Mütze? Und warum? Schmälert das vielleicht seine Chancen? Um Mützenfragen und Ähnliches geht es auch bei der anschließenden Pressekonferenz, vor allem mit deutschen Journalisten. Jens Maier hat die Performance von Lob gefallen. Die Lage des Landes ist hier allerdings kein Thema.

Jens Maier: "Es haben ja viele am Anfang gesagt, wir fahren dahin, um das wahre Bild Aserbaidschans zu zeigen. Das war für viele Journalisten so die Begründung auch hierher zu kommen. Und mein erster Eindruck ist so, dass viele total überrascht sind, wie es hier in Wahrheit ist. Und dass diese Überraschung das, was unter der Oberfläche wabert, erst mal total überstrahlt."

Protest ist nicht erlaubt

Die Wahrheitsfindung findet zunächst im Pressezentrum statt. Direkt bei der Crystal Hall ist Platz für 900 Journalisten. Viele von ihnen Fans. Mehman Husseynov auf dem Weg in sein Medien-Büro. Hier schneidet der 21-Jährige Videos, kritische Videos. Das macht ihn in Aserbaidschan zum politischen Aktivisten. Eines ist besonders bekannt geworden: sein Film über den Abriss von Wohnhäusern für den Eurovision Song Contest vorigen Herbst. Mehr als 30.000 Mal wurde es angeklickt. "Ich habe einen anonymen Anruf bekommen und wurde gebeten, das Video zu löschen. Der Song Contest sei eine große Veranstaltung. Ich solle mal überlegen, was all die Gäste denken, wenn sie dieses Video sehen", erzählt der Blogger.

Er wurde auch schon nach einem kritischen Film von seinem Uni-Rektor zum Rapport gerufen. Und auf dem Weg dorthin rein zufällig festgenommen. Man fragte, wer ihn finanziert. Mit wem er zusammenarbeitet. Nach vier Stunden Verhör konnte er gehen. Aktivisten haben es schwer, überhaupt Öffentlichkeit zu finden in der Stadt. Wie bei "Sing for Democracy", einem Alternativ-Fest für aserbaidschanische Künstler. Acht öffentliche Plätze hatten sie dafür vorgeschlagen, genehmigt wurde keiner. Jetzt spielen sie in einem kleinen Club, vor kleinem Publikum. Darunter nur wenige ausländische Journalisten.

Jens Maier nutzt die Gelegenheit für ein Interview mit Mehman Husseynov: "Wenn ich nur zwei, drei Tage oder eine Woche hier bin, dann sehe ich: Alles toll, schöne Gebäude, die Menschen freuen sich darauf", sagt Husseynov, "Das ist eine künstliche Welt. Etwas, das von der Regierung geschaffen wurde für die ausländischen Journalisten." Und weiter: "Jetzt kurz vor dem Song Contest sind die Polizisten zurückhaltender, auch zu denen, die an unerlaubten Demonstrationen teilnehmen. Sie prügeln im Moment nicht mit dem Schlagstock drauf los, nehmen nicht alle fest.  Aber nach dem Song Contest werden sie sicher wieder so hart sein wie früher."

Am selben Ort am nächsten Tag: eine unerlaubte Demonstration für die Freiheit politischer Gefangener. Viele Leute sind Sicherheitskräfte in Zivil. Sie filmen die Demonstranten. Husseynov ist wieder da, er filmt die Sicherheitskräfte. Die Menschen rufen nach Demokratie. Wie erwartet keine offene Polizeigewalt. Aber nach kurzer Zeit löst die Polizei den Protest geräuschlos auf. Bloß keine Aufmerksamkeit. Noch sind ja ausländische Journalisten da.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 23.05.2012 | 23:20 Uhr

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Die Flagge Aserbaidschans weht in Baku, wo im Mai 2012 der nächste Eurovision Song Contest stattfinden wird. © picture alliance /dpa Fotograf: Markus Brandt
 
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