Gelenkte Berichte - Autokonzerne und Journalisten

Sie haben es schon schwer, die rund 11.000 Journalisten. Auf der internationalen Automobilausstellung diese Woche müssen sie sich zwischen viel Lack, Leder und PS eine eigene Meinung über Macher und Modelle bilden. Wie gut trifft es sich da, dass die Autohersteller mitdenken. "Das was man in den Medien über uns liest, ist zu 87 Prozent von uns gesteuert", sagte unlängst die Kommunikationschefin eines großen Autobauers. Die Berichterstattung gesteuert? Zumindest gut gepampert. ZAPP über Journalisten, die gerne einsteigen.

Autokonzerne und Journalisten

Ein Film von Julie Kurz und Johannes Edelhoff.

Es ist kein Staatsempfang. Es ist die Pressekonferenz des neuen Elektroautos "BMWi". Journalisten werden empfangen wie Staatsgäste, kutschiert in BMW 7er-Limousinen. Auch sonst stimmt der Service: Den Flug hierher, die Hotelkosten, wer will, dem zahlt der Autokonzern alles. Die erste Frage bei der Akkreditierung: Ob man denn gegen Meeresfrüchte allergisch sei. Ein angenehmer Termin, nur über die eigene Anreise redet niemand gern.

Frage Reporter: "Und BMW hat auch die Flüge bezahlt?"
Henny Hemmes, Präsidentin Automobil Presseclub Niederlande: "Normalerweise wenn die einladen, dann geht das so. Aber man kann das auch auf eigene Gelegenheit machen."
Frage Reporter: "Und bei Ihnen?"
Henny Hemmes: "Normalerweise, warum fragen Sie das?"

Schon klar. Nachfragen nerven. Die Journalisten sind ja zum Arbeiten hier. Und dann noch dieser Zeitdruck. Das Programm der Pressekonferenz von 9 bis 12 Uhr: Frühstück. So etwas ist für Motorjournalisten offenbar Alltag.

Volker Lilienthal, Professor für Journalistik an der Universität Hamburg, meint: "Da ist viel Geld im Spiel. Und dieses Geld wird in Richtung der Journalisten eingesetzt, durch materielle Vorteile wie kostenlose Testwagen, die zur Verfügung gestellt werden, Übernahme von Benzinkosten und vor allen Dingen auch Reiseeinladungen an schöne Plätze dieser Erde."

Teil der Verkaufsstrategie

12 Uhr. Für Hunderte Journalisten fängt jetzt die Arbeit an. Eine Stunde Pressekonferenz inklusive Tanzdarbietung. BMW möchte eben, dass sich die Journalisten wohlfühlen, denn sie sind ein wichtiger Teil der Verkaufsstrategie.

Michael Rebstock, Leiter BMW Produktkommunikation, erklärt: "Unsere Kunden, wenn sie sich mit einer Kaufabsicht tragen, dann schauen sie sich beispielsweise Tests an. Dann lesen sie Zeitungen und dann schauen sie was über diese Autos geschrieben wird, wie sie in den entsprechenden Rankings abschneiden und machen davon nicht zuletzt natürlich ihre Kaufentscheidung abhängig."

Nach einer Stunde Präsentation gibt es tatsächlich die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Und parallel wird schon mal das Buffet aufgefahren.

Andres Morgen vom "Käfer" Catering: "Das ist alles wirklich Spitzenqualität. Und auch für die Anzahl an Gästen ist es relativ anspruchsvoll. Also es ist nicht etwas, was man schnell herzaubert . Sie sehen auch die vielen Köche hinter dem Buffet und das viele Service Personal. Es ist wirklich was sehr aufwendiges."

Die Wahl fällt schwer. Saftiger Braten oder Bachforelle an Blattspinat. Aufwendiges Buffet statt aufwendiger Recherche? Enjoy you meal. BMW „all inclusive“ eben.

Frage Reporter: "Gestern Abend eingeflogen und dann im Hotel?"
Roland Hildebrandt, Journalist "Autonews.de": "Genau."
Frage Reporter: "Und das alles von BMW bezahlt?"
Roland Hildebrandt, Journalist "Autonews.de": "Ja."

Thorsten Schönfeld, Journalist "Firmenauto":: "Das hat BMW bezahlt."

Christian Kerbler, Journalist "Kronen Zeitung" und "Krone.at": "Also, es haftet für mich kein Geruch der Bestechlichkeit oder sonstiger Dinge dran."

Thorsten Schönfeld, Journalist "Firmenauto": "Weil BMW die Anreise zahlt ? Nö, die wollen ja was mitteilen. Dann müssen sie auch gucken, dass ich hierher komme."

Volker Lilienthal: "Also, wenn dann sozusagen von der PR-Agentur die Einladung auf den Tisch flattert, dann reise ich da eben auch noch hin, weil man im Programm so tun kann, als sei das sogenannte exklusiv Interview mit irgendeinem Automanager mit einem Ingenieur des neuen Modells, als sei das irgendeine tolle journalistische Leistung."

Videos
Volker Lilienthal, Lilienthal Professor für Journalistik, Universität Hamburg © NDR
 
Video

Das Interview mit Volker Lilienthal, Professor für Journalistik, Universität Hamburg.

Video starten (14:49 min)

Wohlfühlstimmung in den Berichten?

Kritisches findet sich in den Artikeln der Journalisten nach der Veranstaltung wenig. Bezahlte Reise oder nicht? Nicht immer wird das klar. Wirr zum Beispiel die Angabe beim Springer Verlag. "Ein neue Ära" jubelt das "Hamburger Abendblatt" (30.07.2011) und die "Welt" feiert. "Ein Auto für die Welt von morgen" (30.07.2011). Zwei Artikel, ein Autor, eine Reise, aber mehrere die sie bezahlt haben wollen. "Die Welt" veröffentlicht den kleinen Zusatz: "Die Reise zur Präsentation des 'i3 Concept' wurde unterstütz von BMW". Aber auf ZAPP Anfrage antwortet der Autor selbst, er habe die Reise aus eigener Tasche bezahlt. "Autonews" und andere online Magazine verschweigen, dass ihre Reise finanziell unterstützt wurde. Dafür zeigen sie schöne PR-Bilder von BMW. Und genau das passt dem Konzern ins Konzept

Michael Rebstock, Leiter BMW Produktkommunikation: "Sei es in Online-Portalen oder sei es im Print, die Medien werden am meisten gelesen und am intensivsten nachgefragt, die eben zu den entsprechenden Produkten und zu den entsprechenden redaktionellen Beiträgen auch Fotos bringen. Natürlich ist ein Foto wesentlich für einen Kunden, um sich eine Eindruck zu verschaffen von diesem Produkt, weil das Design der wichtigste Kaufgrund ist."

Besonders dreist: der Opel Sommertest auf Mallorca

Die Presseeinladung sieht aus wie ein Reiseprospekt. Als Erlebnis angepriesen wird den Journalisten eine der Unterkünfte. Der 5-Sterne-Palast "Castillo Son Vida" "Gebaut im typischen Landhausstil". Paradiesisch solche Arbeitsbedingungen. Und wer will, kann sogar seinen Partner mitnehmen, für einen geringen Aufpreis.

Volker Brien, Marketingdirektor Opel: "In der Tat konnten Journalisten dann, wenn sie eine Begleitperson dabei hatten, ihr Programm verlängern. Aber das haben sie auf eigene Kosten getan, das hatte nichts mit unserer Veranstaltung zu tun gehabt. [...] Die Location, die kann auch irgendwo anders sein, das war jetzt Zufall, dass das zum Beispiel Mallorca war."

Klar, Zufall. Das Angebot ging sogar den Journalisten zu weit. "Mit Opel zum Ballermann" stichelt "AutoBild" und fragt nach "Bestechung" (15.04.2011)? Opel zieht daraufhin das Angebot zurück.

Volker Lilienthal: "Der deutsche Pressecodex legt fest, dass ein Journalist im Umgang mit Einladungen äußerst vorsichtig sein muss. Er darf keine sonstigen Vergünstigungen wie zum Beispiel dreitägiger Hotelaufenthalt entgegennehmen, weil genau das, diese Zusatzleistung, ein Klima der Gewogenheit schafft, die die journalistische Unabhängigkeit zerstört."

Auto-Journalisten könnten das ändern. Aber warum, wenn es so viel Spaß macht?

Zapp plus

Autokonzerne und Journalisten

Der Beitrag im Flash-Player mit vielen Zusatzinformationen. mehr

Logo der Sendung Zapp © NDR
Nächste Sendung: 30.05.2012 23:20 Uhr

ZAPP

Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

Wiederholung der Sendung

01.06.2012 01:15 Uhr

Zur Sendungsseite
Weitere Informationen
Medienandrang (Symbolbild). © dpa / picture alliance Fotograf: Arno Burgi
 

Die PR-Branche und ihre Tricks

30.11.2009 | 00:05 Uhr

Was ist echt und was ist eine Lüge? Wie von Geisterhand gelangen immer mehr Meldungen in die Medien, die keine sind. Eine Branche und ihre perfiden Methoden boomen – Public Relations. mehr


Presserabatte: Wie Journalisten um Prozente feilschen

17.06.2009 | 23:00 Uhr

Ein günstiger Flug, ein ermäßigtes Auto, ein Computerschnäppchen – als Journalist zahlt man meist weniger als andere. Ohne großen Aufwand. Ganz einfach, weil sich Unternehmen positive Berichte erhoffen. mehr