Das Interview mit Edda Müller, der Vorsitzenden von Transparency Deutschland.
Video starten (19:41 min)Die Atomlobby hat es gerade ja auch nicht leicht. Alle sind auf einem Energiewende-Trip, da kann man als Atomenergiekonzernvertreter ja gerade nicht so gut punkten. Aber Sorgen machen müssen wir uns um diese PR-Strategen nicht. Sie verstehen ihr Geschäft. Geahnt haben wir es ja immer, dass Gesellschaft und Politik in Punkto Atomenergie massiv beeinflusst wurden. Aber wie genau das abläuft, das wussten wir nicht. Jetzt ist ein internes Strategiepapier in die Hände der "taz" geraten. Hochspannend, mit welchen Tricks man versucht hat, die Laufzeitverlängerung durchzusetzen.
Ein Film von Gita Datta und Ajmone Kuqi.
Kernkraft - ein Milliardengeschäft, allerdings mit Gefahrenpotenzial. Allein 2007 gab es 118 meldepflichte Störfälle bundesweit. Öffentlich mehren sich die Stimmen für einen Atomausstieg. Also gibt das Deutsche Atomforum eine Imagepolitur in Auftrag. Die millionenteure Kampagne "Energieverantwortung für Deutschland" wird von der Agentur "Deekeling Arndt Advisors" durchgeführt. Ein internes Strategiepapier belegt auf 79 Seiten wie die Agentur das Kommunikationsziel erreichen will: eine Grundstimmung "Pro Laufzeitverlängerung" schaffen.
Edda Müller von "Transparency Deutschland" erklärt: "Hier wurde wirklich systematisch eine Strategie aufgebaut, die eine wesentliche Änderung gegenüber der früheren Strategie der Atomlobby war, und das ist schon bemerkenswert. Früher hat man gesagt: 'Wir müssen Experten auftreten lassen, möglichst Kernphysiker'. Und man hat alle Menschen in der Bevölkerung, die Angst vor Kernenergie und Atomenergie hatten, hat man eher emotionalisiert, da hat man gesagt: 'Die haben ja keine Ahnung, die sind zu emotional.' Und jetzt hat man plötzlich gesagt: 'Wir müssen genau das Gegenteil tun.'"
Im Fokus ist, und das ist neu, die "weibliche Zielgruppe." Dafür nutzt die Agentur den Verein "women in nuclear". Frauen schaffen Vertrauen, werben seitdem für das Zukunftsprojekt Atomkraft. Der Geldgeber bleibt ungenannt.
Edda Müller: "Und nun plötzlich sagt man ganz bewusst, man zielt auf Frauen ab, nicht etwa weil man ihnen eine höhere Wertschätzung entgegenbringt, sondern weil man genau die Emotionalität jetzt für seine eigenen Zwecke sich versucht zu Gute zu machen, und das halt ich schon für ziemlich perfide."
Aber es funktioniert. Zeitungen wie die "Welt am Sonntag" berichten über "women in nuclear" und drucken das Porträt einer Mitarbeiterin, die "Krümmel ans Netz brachte" (Welt am Sonntag, 21.6.2009). In der Schwangerschaft habe sie weitergearbeitet. Die Risiken seien "vertretbar". Ein gelungener PR-Coup. Der Absender der Botschaften, die Atomlobby, bleibt im Verborgenen.
Edda Müller: "Hier muss deutlich und transparent gemacht werden, mit welchem Ziel und mit welchem Hintergrund, auch mit welchen Geldern so etwas inszeniert wird."
Auch Wissenschaftler werden eingekauft, um glaubwürdige Botschaften für die Medien zu produzieren. Die Studie "Gesellschaftsrendite der Kernenergienutzung" soll zeigen, wie die Bürger von Atomkraft profitieren. Bestellt wurde die Studie bei Professor Joachim Schwalbach, Wirtschaftswissenschaftler der Berliner Humboldt Universität.
Gerd Rosenkranz von der Deutsche Umwelthilfe Berlin e.V. meint: "Dieses Abstract gibt im Grunde 1:1 die damalige Propaganda der Atomwirtschaft wieder, es sollte also offensichtlich dieser Propaganda eine höhere wissenschaftliche Weihe gegeben werden und der Herr Professor Schwalbach war offenbar drauf und dran, das auch 1:1 umzusetzen."
Schon im Vorbericht, dem Abstract, stellt der Experte fest, dass es zu AKWs "keine volkswirtschaftlich zu rechtfertigende Alternative gibt" und "in absehbarer Zeit auf Kernenergie nicht verzichtet werden kann". Doch zu einer Veröffentlichung der Studie kommt es nicht.
Gerd Rosenkranz: "Wenn das veröffentlicht worden wäre, ich bedauere sehr, dass es nicht veröffentlich wurde, dann wäre dieser Schuss nach hinten los gegangen, und das hat die Atomwirtschaft erkannt. Das war so banal und so durchschaubar, dass das furchtbar verrissen worden wäre."
Besser gelingt die Platzierung von Botschaften direkt über Journalisten. 16 Journalisten lädt die Agentur zu einer Reise in die Atom tolerante Schweiz. Der Plan geht auf. Zwar gibt es auch kritische Berichte, aber der entspannte Umgang der Schweizer mit Kernenergie wird transportiert. "Schweiz setzt auch in Zukunft auf Kernkraft", schreibt der Mannheimer Morgen. Die Nachbarn "diskutieren den Neubau von Kernkraftwerken gelassen", berichtet das Handelsblatt. Ein Hinweis auf die Finanzierung der Reise durch die Atomlobby fehlt. In den Zeitungen.
Die Kampagne umfasst 21 weitere Maßnahmen "FÜR Kernkraft". 2010 werden die Laufzeiten verlängert. Erst die Atomkatastrophe in Fukushima führt zum Ausstieg. Auf ZAPP Anfrage reagiert das Deutsche Atomforum nicht. Die PR-Strategen machen weiter.
Edda Müller: "Ich vermute mal, dass es dann ein Image sein wird: 'Wir betreiben Offshore Anlagen für Windenergie in der großen See, wir gehen nach Nordafrika und produzieren Strom in der Sahara' - also man switcht etwas um auf andere Bereiche."
Heute wird bekannt, dass die Energiekonzerne 30 Stiftungsprofessuren finanzieren. Forschung im Sinne der Energielobby? Klar ist: Neue PR-Kampagnen sollen das Milliardengeschäft auch weiterhin sichern.