Ein Jahr danach: Pressefreiheit in Ägypten

Es waren Bilder voller Hoffnung: Zig-Tausende Ägypter sind vor genau einem Jahr auf die Straße gegangen. Unter Lebensgefahr kämpften sie, auch für Presse und Meinungsfreiheit. Doch viel verbessert hat sich seitdem nicht. Im Gegenteil. Bei den jüngsten Protesten Ende vergangenen Jahres sind Sicherheitskräfte mit brutaler Gewalt gegen Demonstranten und Journalisten vorgegangen. Reporter ohne Grenzen hat Ägypten in der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 166 herabgestuft, immerhin 39 Plätze schlechter als vor der Revolution. ZAPP über einen Kampf, der noch nicht zu Ende ist!

Ein Film von Stefan Buchen.

Am Jahrestag der Revolution bekennt das Staatsfernsehen, Ägyptens mächtigstes Medium, Farbe: In den Nachrichten spielt Feldmarschall Tantawi, der oberste Militär, die Hauptrolle, nicht das Volk auf dem Tahrir-Platz. Von dort kommen nur Stimmen zu Wort, die die Herrschaft der Generäle anerkennen.

Ägypter auf der Straße: "Das ägyptische Volk muss wissen: ohne den Militärrat keine Revolution."

Will heißen, nur weil die Generäle vor einem Jahr geputscht haben, wurde Mubarak gestürzt. Das Volk allein hätte es also nicht geschafft. Und das Militär werde weiterregieren, im Ausnahmezustand, verkündet Marschall Tantawi im Staats-TV auf seine Art: "Ich habe entschieden, den Ausnahmezustand zu beenden. Allerdings nicht in den Fällen, in denen wir Gewalttäter stoppen müssen."

Hala Fahmi, ehemalige Moderatorin des ägyptischen Staatsfernsehens, meint: "Der Militärrat hat das Staatsfernsehen komplett in der Hand. Die Generäle benutzen das Staatsfernsehen als Sprachrohr, über das sie die Gesellschaft in die Richtung steuern, die ihnen beliebt." Hala Fahmi war bis 2009 eine bekannte Moderatorin im Staatsfernsehen. Dann ging sie, weil sie sich der Zensur nicht mehr fügen wollte.

Neues Gegengewicht zum Staatsfernsehen

Zum Jahrestag der Revolution verbarrikadiert sich der Staatssender. In Gefahr ist vor allem seine Deutungshoheit. Ein neues Gegengewicht ist der neue Privatsender 25 TV, benannt nach dem Jahrestag der Revolution, mit anderen Inhalten, zum Beispiel die soziale Not in Ägypten. Der Bericht zeigt eine Demo für Rentenerhöhungen und lässt, ganz anders als das Staatsfernsehen, die Unzufriedenen zu Wort kommen.

Ägyptischer Passant auf der Straße: "Wie soll ich von 25 Euro im Monat leben? Ich kann das Schulgeld meiner Kinder nicht bezahlen."

Muhammad Gohar, Gründer von 25TV, erklärt: "Dieses Programm zu machen, ist eine große Herausforderung. Wir wollen so gern den Geist der Revolution vom 25. Januar in unserem Programm weiter tragen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man uns auf Dauer lassen wird."

Die Sorgen kommen nicht von ungefähr. Schon zwei Mal musste Senderchef Gohar erleben, wie Soldaten seine Redaktionsräume stürmten und das Programm für ein paar Tage stoppten. Der Sender liefert eben eine ganz andere Sicht, steht auf der Seite derjenigen, die meinen, dass die Revolution noch nicht vollendet sei. Wenn das Militär eine Demo niederschlägt, wie im Dezember, sind die Reporter von 25 TV vor Ort.

Reporterin: "Das Militär bewirft die Demonstranten mit Steinen und Wasser. Die Lage eskaliert hier vor dem Parlamentsgebäude." 

Wegen bestimmter Bilder etwa von verwundeten Demonstranten wurden im Ägypten der Generäle schon viele Journalisten verhaftet.

Muhammad Gohar: "Es reicht, dass ein General in seinem klimatisierten Büro entscheidet: dieser Privatsender gefällt mir nicht. Dann war es das für uns."

Ein Medienkrieg?

Sorgen, die sich das Staatsfernsehen nicht machen muss. Über dieselbe Demonstration im Dezember hat man hier ganz anders berichtet: "Die jungen Demonstranten gehen auf die Straße, weil sie vom Ausland Geld dafür bekommen", heißt es im Kommentar, "sie haben den Auftrag, Ägypten zu schlachten."

Hala Fahmi: "Wir sind in einem Medienkrieg. Aber zwischen wem? Das Militär kontrolliert die Staatsmedien. Deshalb ist es ein ungleicher Krieg. Das Militär hat nicht nur die Ausrüstung, um Demonstrationen brutal niederzuschlagen. Es hat die mächtigste Waffe: die großen Medien."

Wie dreist diese Waffe eingesetzt wird, zeigt eine Demonstration im Oktober mitten in Kairo, gefilmt von einem ARD-Team. Die Kamera hält grausame Szenen fest, etwa wie ein Panzerfahrzeug der Armee mehrere Menschen überfährt. Insgesamt gab es an diesem Abend mehr als 20 tote Demonstranten. Ganz anders stellt sich das Ereignis im ägyptischen Staatsfernsehen dar. Die Kommentatorin ergreift Partei für die Armee und sagt: "Drei Tote und mehr als 20 Verletzte sind zu beklagen. Alle Opfer sind Soldaten unserer Armee."

Prominentestes Beispiel im Bilderkrieg: Soldaten schlagen einen Protestmarsch nieder und verprügeln dabei eine Demonstrantin, die später als "Frau im blauen BH bekannt wird". Gefilmt hat die Szene ein Kameramann der Nachrichtenagentur Reuters. Ägyptische Staatsmedien, wie eine Internetseite, streuen danach das Gerücht, das Video könne gefälscht sein. Es handele sich möglicherweise um eine "Inszenierung" zum Schaden Ägyptens.

Hala Fahmi: "Das Militär hat die Staatsmedien eingenommen. Daran kann man sehen, dass die Revolution nicht vollendet ist. Wie vor der Revolution wollen die Machthaber den Medien vorschreiben, was sie zu berichten haben. Mit denselben Methoden. Als wäre das ganz normal."

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