Sendedatum: 14.10.2009 23:05 Uhr  | Archiv

Die Not der freien Journalisten

von Josy Wübben

In Deutschland bangen viele Journalisten um ihre Existenz. Auflagen und Werbeeinnahmen sinken, Titel werden eingestellt, Mitarbeiter gekündigt. Die Krise trifft die Freien Journalisten allerdings mehr als alle anderen. Sie können von ihrer Arbeit kaum noch leben. Laut einer neuen Studie des Deutschen Journalisten Verbandes müssen knapp 40 Prozent der Freien mit weniger als 1.000 Euro im Monat klarkommen. Und trotzdem bleiben sie Überzeugungstäter.

Robert Fishman, freier Journalist: „Das zerstört die Existenzgrundlage, wenn das noch mehr um sich greift“. Gabriele Bärtels, freie Journalistin: „Es äußert sich halt darin, dass ich mir ganz normale Sachen nicht mehr leisten kann“. Thomas Austermann, freier Journalist: „Ich kann davon noch nicht leben. Keiner von uns kann davon leben“. Gabriele Bärtels auf der Suche nach neuen Geschichten. Die Journalistin schreibt und fotografiert. Am liebsten porträtiert sie gewöhnliche Menschen. Sie hat für die Großen der Branche geschrieben. Gabriele Bärtels: „Für so ziemlich alle großen Frauenmagazine: Brigitte, Cosmo, Elle. Für ziemlich viele überregionale Zeitungen: Süddeutsche, Welt, Zeit, Tagesspiegel, Berliner Zeitung. Ach Du lieber Himmel. Mehr fällt mir jetzt nicht ein. Aber noch mehr“. Zapp Journalistin: „Das liest sich ja im Prinzip ganz toll.“ Gabriele Bärtels: „Das liest sich immer sehr beeindruckend. wenn man einfach nur das liest, dann sind das alles teure Markennamen, dann schließt man immer daraus, dass derjenige dahinter auch sehr teuer und wichtig sein muss. Ist mir schon klar“.  Zapp Journalistin: „Und ist es tatsächlich so?“ Gabriele Bärtels: „Natürlich nicht. Das ist das Außenbild oder das Bild, das sich Leute machen“.

Nach 24 Jahren gefeuert

Auch sein Berufsweg sah lange vorbildlich aus: Thomas Austermann war 24 Jahre Redakteur bei der „Münsterschen Zeitung“. Vor zwei Jahren wurde er rausgeworfen. Als Freier zu arbeiten, damit hatte er nie gerechnet. Thomas Austermann: „Ich hab ja selber ständig freie Mitarbeiter gesteuert als Redakteur und als Ressortleiter und auch versucht, denen immer was Gutes zu tun, weil ohne freie Mitarbeiter kann das nicht existieren, aber damals waren sicher die Tarife noch andere als heute“. Diese anderen Zeiten hat auch Robert Fishman erlebt. Er arbeitet seit 20 Jahren als Freier. Es ist schwieriger geworden, Themen zu verkaufen. Fishman schreibt, fotografiert und produziert Radio-Beiträge. Robert Fishman: „Die Sender sparen. Die Sender vergeben weniger raus. Und: Vor allem Sendungen, die hohen Wortanteil haben, werden wegen der Quote immer mehr zusammengestrichen. Ich sage mal, allein im letzten Jahr, haben sie mir drei Sendungen überm Kopf sozusagen zugemacht“.

Thomas Austermann kämpft um seine Existenz. Gemeinsam mit anderen Ex-Kollegen hat er eine Online-Zeitung gegründet: Echo-Muenster.de. Die Internetseite wirft aber noch kein Geld ab. Im Moment lebt Austermann vom Überbrückungsgeld vom Arbeitsamt. Thomas Austermann: „Ich habe im Augenblick noch nicht jetzt so das Damoklesschwert schon im Rücken spüren, aber irgendwo schwebt’s über mir, weil ich ja genau weiß, dass nach meiner Überbrückungsgeldphase ich deutlich weiter so viel akquirieren muss, dass ich davon leben kann, meine Familie davon ernähren kann“. Austermann arbeitet sieben Tage die Woche. Am Wochenende liefert der Sportreporter Spielberichte aus den Stadien. Für Echo Muenster.de. Und wenn es gut läuft, auch für andere Zeitungen. Dann verdient er auch Geld dabei.Thomas Austermann: „Wenn jetzt hier ein Fußball-Regionalligist gegen Preußen Münster spielt, arbeite ich für die. Das ist sehr unterschiedlich, was da bezahlt wird: Es gibt da mal Pauschalen von weiß nicht, 35 Euro, mal von 50 Euro“.

Preise sind ruiniert

Solche Honorare sind keine Ausnahme für freie Journalisten. Selbst die überregionalen Medien zahlen schlecht. Gabriele Bärtels, freie Journalistin: „Wenn man für „Zeit online“ einen Text schreibt, sagen wir mal, so zwei bis drei vier Manuskriptseiten und kriegt dafür 80 Euro, dann ist das ein Trauerspiel. Weil, an so einem Text sitze ich dann wirklich ein bis zwei Tage. Und wenn ich meine Qualitätsansprüche wirklich anlegen würde, würde so ein Text noch mal eine Woche liegen und dann noch mal überarbeitet und noch mal überarbeitet. Aber das ist im Internet nichts wert.“ Robert Fishmann, freier Journalist: „Am schlimmsten ist der Bereich Foto, da kriegt man inzwischen bei Onlineverwertungen von Bildern zwei Euro und manchmal sogar noch weniger. Das liegt daran, dass sehr viele Leute ihre Bilder heute im Internet in sehr guter Qualität, muss ich wirklich sagen, kostenlos zur Verfügung stellen“.

Die Preise sind ruiniert. Und so weiß Gabriele Bärtels am Ende des Monats oft nicht, wie sie ihre Miete zahlen soll. Im Jahr macht sie zwischen 12.000 und 15.000 Euro Umsatz. Davon bleibt kaum etwas übrig. Gabriele Bärtels,: „Ich habe ja nie viel Geld verdient, insofern ist es für mich kein Absturz, was glaube ich für andere Leute eher der Fall ist als für mich, aber es äußert sich halt darin, dass ich mir ganz normale Sachen gar nicht mehr leisten kann. Oder dass ich mir lange überlegen muss, ob ich zum Arzt gehe, weil mir dann manchmal die zehn Euro Praxisgebühr fehlen und ich dann dafür erst wieder einen Freund anhauen muss, dass er mir die leiht“.

Vielfachverwertung

Robert Fishman kommt besser über die Runden. Der Journalist denkt wie ein Kaufmann. 80 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt er damit, seine Geschichten zu vermarkten. Aus jeder Recherche versucht er maximalen Gewinn zu ziehen. Robert Fishman: „Ich suche mir meine Geschichten, verkaufe sie hinterher möglichst vielfach. Das heißt, ans Radio, die Fotos an Bildagenturen, Print Artikel und Fotos an Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Das heißt, das ganze wird rentabel, wenn es denn klappt durch die Vielfachverwertung“.

Gabriele Bärtels hat viele Zumutungen bei ihren Kontakten mit Redakteuren erlebt: Etwa eine Ressortleiterin, die sich nicht schämt, Anrufe und Mails zu ignorieren. Gabriele Bärtels: „Die sagte dann sehr schön: ‚Ja, wenn Sie uns zehn Texte anbieten und wir antworten nicht, dann schicken Sie noch einen elften, weil vielleicht brauchen wir den’. Dann habe ich sie so angeguckt und gefragt: ‚Ja, glauben Sie, ich würde das dann noch machen?’ Und dann meinte sie: ‚Ja, das muss man machen’“.

Berufsoptimismus

Thomas Austermann: „Ich habe mich beworben bei Tageszeitungen, die hier in der Nähe waren, ohne Erfolg. Ich bin wahrscheinlich zu alt mit 49 und mach mir da schon meine Gedanken darüber. Ich habe keine, kann Ihnen heute nicht sagen, ich kann das niemandem sagen, auch meinen Kindern nicht, dass ich ab nächstes Jahr mit dem und dem Geld jeden Monat zu rechnen habe. Aber ich werde deswegen nicht mich in die nächsten Zweige hängen, sondern meinen Berufsoptimismus, den ich habe, bewahren“.

Auch Robert Fishman bleibt Optimist. Dabei weiß er, dass sein Ideal von gutem Journalismus inzwischen unbezahlbar ist. Robert Fishmann:: „Wenn ich weniger bekomme und bestimmte Einnahmen brauche, um mich zu finanzieren, dann muss ich einfach den Aufwand, den Zeitaufwand, den ich in eine Geschichte, in einen Artikel in eine Recherche investiere, reduzieren, um einigermaßen diesen Verlust an Einnahmen auszugleichen. Das heißt, die Qualität leidet, rein logisch auch unter der Bezahlung, der schlechteren. Das ist so“. Gabriele Bärtels,: „Ich sehe nur, dass Qualitätsjournalismus hoch gefährdet ist, dass wir eigentlich auch kaum noch welchen haben. Und da das aber eine wesentliche Säule der Demokratie ist, eine Pressefreiheit zu haben und einen unabhängigen Journalismus, denke ich: Er muss irgendwie gerettet werden“.

 

Diese drei Freien wollen den Journalismus retten. Denn sie brennen für ihren Beruf. Obwohl der Markt brutaler denn je ist. Thomas Austermann: „Wenn mein Sohn das jetzt machen würde, würde ich ihm sagen: Geh bloß zu einer guten Zeitung oder zu einer guten Rundfunkanstalt. Aber was ist gut? Wissen wir das, was in fünf Jahren noch gut ist? Ich weiß es nicht. Robert Fishman: „Dringend empfehle ich, wenn die Möglichkeit besteht, sich von diesem Job nicht ausschließlich finanziell abhängig zu machen“. Gabriele Bärtels: „Ich habe nicht den Eindruck, dass irgendwas besser würde oder dass irgendein Hoffnungsschimmer am Horizont ist. Den habe ich nicht. Und ich mache mir eigentlich massiv Sorgen, wohin das führen soll und wohin ich gehen soll. Das weiß ich nicht“.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.10.2009 | 23:05 Uhr

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