Neue Recherchewege - Datenjournalismus

Wenn man eine Geschichte recherchiert, dann muss man sich als Journalist meistens durch jede Menge Zahlen und Daten wühlen. Die eine Statistik sagt das, die andere das Gegenteil. Schrecklich. In der Regel hat man eine Geschichte und versucht sie dann mit Zahlen zu untermauern. Nun hat sich ein ganz neuer Trend entwickelt. Die Zahlen und Daten sind die Ausgangsbasis für die Recherche, erst daraus ergibt sich die Geschichte. Datenjournalismus nennt man das.

Ein Film von Ajmone Kuqi.

Statistiken: Wetterdaten, Sportdaten, Finanzmarktdaten, Aktienmarktdaten, Verkehrsdaten und viele mehr, eine tägliche Herausforderung für Journalisten. Sie sind für die Berichterstattung auf Zahlen angewiesen. Dabei müssen sie die reinen Daten für die klassischen Medien in eine verständliche Form bringen: Diagramme, Tabellen, Infografiken, Kurven. Im Internetzeitalter reicht das nicht mehr aus.

Lorenz Matzat, freier Datenjournalist, erklärt: "Bislang werden Daten so mal eingestreut oder erwähnt, das stammt aus der und der Statistik: Wir erfahren aber sehr wenig darüber, wie kommen diese Statistiken beispielsweise zustande."

Christina Elmer, Datenjournalistin beim "stern", meint: "In der neuen Form geht es dann andersherum, dass ich mir zuerst die Daten anschaue und dann in der Datenauswertung eine Idee davon bekomme, was ist eigentlich meine Geschichte."

Videos
Christina Elmer, Datenjournalistin "stern" © NDR
 
Video

Das Interview mit Christina Elmer, Datenjournalistin "stern".

Video starten (39:34 min)

Die englische Zeitung "The Guardian" erzählt schon seit Jahren Geschichten mit Daten. Die "War Diaries" sorgten 2010 für Furore und schafften den Durchbruch für den Datenjournalismus. 250.000 Tagebucheinträge aus Afghanistan wurden ausgewertet, dargestellt und zugänglich gemacht. Auf einen Blick alles wichtige, mit einem Klick viele Zusatzinformationen – das Ergebnis der Arbeit von Datenjournalisten.

Lorenz Matzat: "Wenn es einem darum geht, guten Journalismus zu machen, dann muss man in der Welt, wo es immer mehr Daten gibt, sich eben auch jemanden beschaffen oder mehrere, die mit diesen Daten hantieren können."

Videos
Lorenz Matzat, Freier Datenjournalist © NDR
 
Video

Das Interview mit Lorenz Matzat, Freier Datenjournalist.

Video starten (24:17 min)

Das heißt für Journalisten, sie müssen eine große Menge Rohdaten mit Hilfe von Computern und spezieller Software sammeln, filtern, strukturieren und auswerten.

Die Geschichte steckt in den Daten

Christina Elmer: "Als Datenjournalist muss ich mich nicht mehr auf die Daten verlassen, die andere für mich ausgewertet haben, seien es Interessensgruppen, Ministerien oder Forschungsinstitute, sondern ich kann das selber machen. Ich kann selber entscheiden, wo in dem Datensatz der relevante Punkt und der Kern sozusagen steckt, und den ich dann für meine Recherche in den Mittelpunkt stelle."

Die Geschichte, die daraus entsteht, kann online mit interaktiven Animationen aufgearbeitet und anschaulich gemacht werden. Durch diese Kombination eröffnen sich neue Möglichkeiten für den Nutzer: Neben dem eigentlichen Artikel hat er Zugriff auf zusätzliche Informationen. So soll noch mehr Transparenz entstehen. "Zeit online" schrieb über den Grünen Politiker Malte Spitz und die Verbindungsdaten, die die Telekom über ihn gespeichert hat. Dazu veröffentlichten die Journalisten eine interaktive Karte mit der anschaulich wird, wann, wo, wie oft und wie lange der Politiker telefoniert hat, in einem Zeitraum von sechs Monaten. Mit einem Klick können seine Handyverbindungsdaten angesehen und heruntergeladen werden. Dennoch ist diese hintergründige Form des Journalismus in Deutschland noch nicht wirklich etabliert.

Christina Elmer: "Auf der einen Seite ist es so die Datenkultur und die Gesetzgebung und auf der anderen Seite die Journalisten und die Kultur der Journalisten. Also wir haben noch nicht so lange ein Informationsfreiheitsgesetz wie in den USA zum Beispiel. Das heißt auch,  dass Behörden ganz anders damit umgehen, also sind noch nicht routiniert darauf zu reagieren, damit zu arbeiten, Daten herauszugeben. Das ist sehr schwerfällig im Moment noch."

Datenquellen der Journalisten

Denn nicht viele Datensätze sind frei zugänglich und verwendbar. So ist die Nutzung von behördlichen Statistiken meist zeit- und kostenintensiv. Viele Journalisten wissen nicht, was sie an Daten einfordern dürfen.

Stefan Wehrmeyer von der "Open Knowledge Foundation" meint: "Das Informationsfreiheitsystem, das muss dringend novelliert werden. Es ist sehr schwer, da auf verschiedenen Ebenen Informationen zu erhalten. Es gibt mehr als 15 verschiedene Informationsfreiheitsgesetze auf Bundesebene, es gibt das Umweltinformationsgesetz, Landesebene, also es ist wirklich sehr kompliziert."

Stefan Wehrmeyer setzt sich dafür ein, dass der Zugang zu Behördendaten in Deutschland erleichtert wird. Er fordert "Open Data", "Offene Daten", für alle.

Stefan Wehrmeyer: "'OpenData' ist das Veröffentlichen von nicht personenbezogenen Daten, nicht sicherheitsrelevanten Daten aus Behörden, aus der Regierung, aus der Verwaltung unter freien Lizenzen und maschinenlesbar."

Videos
Stefan Wehrmeyer, Aktivist "Open Knowledge Foundation" © NDR
 
Video

Das Interview mit Stefan Wehrmeyer, Aktivist "Open Knowledge Foundation".

Video starten (08:38 min)

Die englischen und amerikanischen Regierungen ermöglichen auf Onlineplattformen ihren Bürgern schon seit Jahren den umfangreichen Zugriff auf behördliche Dokumente und Rohdaten. In den USA und Großbritannien gehört die Politik von offenen Daten in die Regierungsprogramme. In Deutschland ist das noch anders.

Stefan Wehrmeyer: "Wir brauchen ein ordentliches Signal von oben, von der Regierung, dass 'Open Data' in Deutschland jetzt gewollt ist und dass Behörden damit offiziell anfangen dürfen. Und das wird dringend gebraucht. Andere Länder sind da schon viel weiter, Großbritannien, die USA, wir liegen da mittlerweile fünf Jahre hinterher."

Lorenz Matzat: "Prinzipiell denke ich, dass wir Journalisten und Journalistinnen auf jeden Fall eigentlich ein unheimliches Repertoire an Informationen, das da auf uns zukommt, an dem wir uns bedienen können, und auch durchaus mittels unserer Verbände da Lobbyismus betreiben sollten, dass ähnlich dem Informationsfreiheitsgesetz, es ein Datenfreiheitsgesetz gibt."

Rohdaten sind die Grundlage für den Datenjournalismus. Mit ihnen können sich Journalisten auf eigene Berechnungen stützen, anstatt auf fremde Interpretationen angewiesen zu sein. Sie sind unabhängiger in der Recherche und in der Auswertung. Ein neuer Weg im investigativen Journalismus.

Videos
Thomas Jarzombek (CSU), Mitglied der Enquete Kommission für Internet und digitale Gesellschaft © NDR
 
Video

Das Interview mit Thomas Jarzombek (CDU), Mitglied der Enquete Kommission für Internet und digitale Gesellschaft.

Video starten (15:23 min)

 

Zapp plus

Recherche: Datenjournalismus

Der Beitrag im Flash-Player mit vielen Zusatzinformationen. mehr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/internet/datenjournalismus105.html
Logo der Sendung Zapp © NDR
Nächste Sendung: 30.05.2012 23:20 Uhr

ZAPP

Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

Wiederholung der Sendung

01.06.2012 01:15 Uhr

Zur Sendungsseite
Links

Informationen zu den Projekten der Initiative.

Link in neuem Fenster öffnen

Interaktive Karte auf Zeit Online.

Link in neuem Fenster öffnen