Sendedatum: 14.03.2012 23:20 Uhr  | Archiv

Mutige Recherche: Journalisten im AKW Fukushima

Die Menschen in Japan gedenken ihrer Opfer. Ein Jahr ist die Katastrophe jetzt her und sie hat nicht nur das Land, sondern auch die Überlebenden verändert. Schweigen - das wollen zumindest viele Journalisten in Japan nicht mehr. Sie wollen die Wahrheit. Doch um die zu erfahren, müssen sie einiges riskieren.

Journalisten berichten vom zerstörten AKW Fukushima © picture-alliance/dpa Fotograf: Yoshikazu Tsuno

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Ein Film von Philipp Abresch.

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Ein Journalist fährt zur Arbeit. Ohne Block und Füller, aber mit Schutzanzug und Atemmaske.

Tomohiko Suzuki, investigativer Journalist, erklärt: "Man muss gar nicht weit fahren. Der gefährlichste Ort der Welt ist bloß zwei Stunden Autofahrt von Tokio entfernt. Das wollte ich mir angucken."

Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Tomohiko Suzuki pfeift auf die offiziellen Pressetouren von Tepco. Er will sich ein eigenes Bild von den Ruinen machen. Für einen Monat wird er zum AKW-Arbeiter. Einer mit versteckter Kamera. Er filmt den täglichen Weg hinein ins AKW. Vorbei an den übervollen Tanks mit konterminierten Kühlwasser. Die angebliche Kaltabschaltung, so stolz von Tepco verkündet, sie ist ein Märchen, sagt Suzuki.

Tomohiko Suzuki: "Zum Jahrestag soll alles schön aussehen. Deswegen hat man alles sehr schnell installiert. Der Kühlkreislauf, alles billig aus Plastikschläuchen, fast so dünn wie ein Strohhalm. Es gibt viele Lecks. Überall fließt kontaminiertes Wasser hinaus."

Die Arbeit im Atomkraftwerk ist mörderisch. Vier Stunden täglich, länger halten die Männer nicht aus. Sie klagen über Müdigkeit, Schwindel. Sie fürchten, das ist die radioaktive Strahlung.

Tomohiko Suzuki: "Nichts ist im Griff im Atomkraftwerk. Die Männer arbeiten und arbeiten. Aber für Fukushima gibt es keine Lösung."

Tomohiko Suzuki hat für seine Recherchen seine Gesundheit riskiert. Am Ende erzählt er, habe Tepco ihm eine Klage angedroht, falls er preisgibt, wie es im Inneren der Reaktorgebäude wirklich aussieht.

Schlechte Nachrichten kann der Stromkonzern nicht gebrauchen. Denn aus den havarierten Reaktoren, heißt es aus der täglichen Pressekonferenz, tritt jetzt kaum noch Radioaktivität aus.

Junichi Matsumoto, Tepco-Sprecher, sagt: "Wir glauben, die Menschen in Fukushima sind nicht mehr gefährdet."

Netzwerk aus Politik, Atom-Industrie und Medien-Unternehmen

Die Tepco-Welt war schon immer fast okay. Trinkwasser mit Cäsium verseucht: ein echter Durstlöscher. Tomaten aus Fukushima: beiß mal rein. Und kürzlich, mit zittriger Hand schenkt auch der Abgeordnete Sonoda nochmal aus. Kühlwasser aus dem Atomkraftwerk. Journalisten hatten wochenlang  gequengelt, doch mal einen Schluck zu kosten, wenn alles so ungefährlich sei in Fukushima. Doch ausgerechnet, als Tepco und die Regierung jüngst so stolz die Kaltabschaltung verkünden, kommt es zum Eklat. Umweltminister Hosono und der Tepco-Präsident wollen vorzeitig die PK verlassen. "Warum gehen sie schon", fragen die Journalisten. "Sie sind ein Betrüger, ein Mörder." -  "Bitte benutzen sie doch keine schmutzigen Worte." - "Dann belügen sie uns nicht mit dieser Kaltabschaltung."

Hartnäckige Journalisten sind Tepco nicht geheuer und solche ganz in Pink erst recht nicht. Maika und Ayano rollen zur Arbeit. Die U-Stream Angels lassen sich seit dem 11. März kaum eine Tepco-Pressekonferenz entgehen.

Maika: "Ich persönlich stamme aus Fukushima. Viele Japaner haben Bedenken. Also ist es wichtig, möglichst gut aufzuklären."

Mit Laptop, Kameras, Internetzugang gegen das Schweigen der staatlichen Eliten. Das enge Netzwerk von Politikern, Atom-Bossen, Medien-Unternehmern: Viele glauben, es habe Fukushima erst ermöglicht. Das Atom-Dorf, in dem jeder jeden kennt und schützt, habe Nachfragen unabhängiger Journalisten stets verhindert.

Ayano: "Nach dem 11. März kannte ich nicht mal das Wort Kernschmelze. Ein paar Monate später erfuhr ich, dass die Brennstäbe schon am nächsten Tag geschmolzen waren. Mir war klar, wenn du was wissen willst, dann musst du dir die Infos selber holen."

Diesmal übertragen Maika und Ayano einen Vortrag von Kunihiko Takeda live gestreamt ins Netz. Der Professor spricht über die Gesundheitsgefahren durch Fukushima. Auch das ein Thema, das Tepco und die Regierung lieber überhören.

Ayano: "Ich kriege oft Schimpfe von Tepco. Die sagen: Drehen sie jetzt nicht mehr. Oder: die PK ist vorbei, sie dürfen gehen. Ich wurde sogar schon mal rausgeschmissen."

Wer aufklären will im Dickicht aus Halbwahrheiten und Lügen, der bekommt die ganze Macht der Atom-Industrie zu spüren. Takeshi Uisugi ist unabhängiger Journalist. Auch seine Sendungen wurden früher von der Atom-Wirtschaft gesponsert. Nach dem 11. März hat Uisugi seinen Job als Hörfunk-Kommentator verloren.

Takeshi Uesugi: "Nicht nur ich, sondern viele freie Journalisten verschwanden nach dem 11. März aus den Medien. Alle, die öffentlich sagten, Radioaktivität sei gefährlich. Oder: In Fukushima sei Radioaktivität freigesetzt worden. Oder: Es habe eine Kernschmelze gegeben."

Auch Uesugi ist zu verdanken, das Tepco Wochen später die Kernschmelze einräumen muss. Den vierfachen Super-Gau in Fukushima. Es ist ein Erfolg, für den mutigen, unbestechlichen Journalismus.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.03.2012 | 23:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/fukushima197.html