Das traurige Ende der lustigen Nummer

England ist schwanger - welch' schöne Nachricht - aber welch scheußlichen Beigeschmack hat sie bekommen: Ein Scherzanruf, eine tote Krankenschwester und zwei völlig geknickte Radiomoderatoren. Tagelang beherrscht dieses Thema die westlichen Medien, dabei gibt es überhaupt keine bestätigten Informationen. Aber trotzdem lassen sich daraus anscheinend trefflich neue Geschichten drehen.

ZAPP - Autor/in: Maja Weber, Boris Rosenkranz

Ein Film von Maja Weber und Boris Rosenkranz.

Eine Leiche wird abtransportiert. Polizisten sollen sie abschirmen, vor der Presse. Zwecklos. Es ist die Leiche einer Krankenschwester aus jener Klinik, in der kürzlich die englische Herzogin Kate lag.

 "Jetzt die Nachricht vom Tod der Krankenschwester." ( "DAS!" NDR 7.12.2012)

 "under mysterious circumstances.” (ABC News, 07.12.2012)

 "Viel Raum für Spekulationen, zum Beispiel darüber, ob sie sich selbst das Leben genommen hat." ("Nachtjournal", RTL, 8.12.2012)

"A prank call..." ("ABC News”, 07.12.2012)

 "Ein nicht sehr geschmackvoller, aber eigentlich harmloser Scherz, ist auf furchtbare Weise schiefgegangen." ("heute journal", ZDF, 8.12.2012)

Ein Scherz. Und für die meisten Medien: ein Suizid als dessen Folge. Dabei gibt es dafür bislang keine offiziellen Belege. Plötzlich stehen zwei Radiomoderatoren am Pranger. Mel Greig und Michael Christian vom australischen Sender 2dayFM. Als Herzogin Kate im Krankenhaus liegt und die Presse lauert, rufen die Moderatoren in der Klinik an. Früh morgens geben sie sich als Queen Elizabeth und Prinz Charles aus. Aufgezeichnet und später so gesendet:

"Hello, good morning, King Edward VII Hospital.” "Oh, hello there. Could I please speak to Kate please, my granddaughter?” "Oh yes, just hold on ma’am.” "Thank you”

"If this is working, it is the easiest prank call, we’ve ever made.”

"Hallo, Guten Morgen, king edwards Krankenhaus.  Hallo kann ich bitte mit Kate, meiner Enkeltochter sprechen?" - "Ja, bitte warten Sie." - "Wenn das klappt, dann ist das unser einfachster Telefonscherz aller Zeiten." (Deutsche Übersetzung)

Die jetzt verstorbene Krankenschwester stellte den Anruf lediglich durch. Erst ihre Kollegin verrät dann ein paar Details über Kate.

Dietmar Simon ist Comedy-Chef bei  Radio Hamburg: "Darüber waren sie dann, glaube ich, sehr überrascht. Und waren dann natürlich auch, wahrscheinlich, sehr euphorisch, leider zu euphorisch, und haben eben eine Regel außer Acht gelassen, dass man solche Anrufe natürlich von dem Angerufenen sich freigeben lassen muss."

Dietmar Simon macht seit Jahren Scherzanrufe. Sie genehmigen zu lassen: Pflicht in Deutschland. In Australien auch, aber der Sender 2dayFM hat das nicht gemacht. Der Vorwurf nun: Die Frau habe sich aus Scham über den Scherz das Leben genommen. Der Sender beteuert zwar, man habe mehrmals in der Klinik angerufen, um eine Sendeerlaubnis zu erhalten. Die Klinik bestreitet das.

Sophie Albers, Redakteurin "Stern.de", sagt: "Wenn ich nun fünfmal versucht habe, zu konfrontieren, und es geht niemand dran, oder niemand möchte mit mir reden, dann sollte ich vielleicht überlegen, ob ich es lasse."

Ein Fehler des Senders. Und kurz darauf: die öffentlich Abbitte der Moderatoren. Inszeniert im australischen Fernsehen - eine tränenreiche Show.

Die Moderatorin Mel Greig erklärt: "Wenn wir das jemals gedacht hätten, dass so etwas möglich sein könnte, wissen Sie, es sollte doch einfach nur ein Telefonstreich sein!"

Auch Michael Christian sagt: "Ganz offensichtlich, ach wissen Sie, es tut uns so unglaublich leid, dass wir dazu beigetragen haben könnten, dass so etwas passiert."

Die Entschuldigung der Moderatoren: Auch sie, medial ausgeschlachtet. Genüsslich zeigt die britische "Daily Mail" die Tränen-Fotos auf ihrer Website. Und Bild höhnt: "Moderatorin heult im TV!"

Tränen beleben das Geschäft

Sophie Albers: "Besonders perfide ist nun dieses Interview der beiden Moderatoren, das auch wieder eine Vorführung ist. Dieses bohrende Fragen, und damit eben Mel Greig hat ja, war ja in Tränen aufgelöst. (…) Und ich frag mich immer, was haben wir jetzt eigentlich davon? Was haben wir davon, dass wir sehen, wie sich die beiden da jetzt winden?"

Dietmar Simon: "Man treibt dann den nächsten sozusagen in den Wahnsinn. Könnte ja auch sein, könnte ja tatsächlich sein, wenn die es weitertreiben, dass diese Moderatorin vielleicht nicht mehr damit klarkommt. (…) wenn solche Vorwürfe laut werden: Du hast Schuld am Tod eines Menschen!"

Die Moderatoren sind derweil gefeuert worden. Der Sender: Reuig unter öffentlichem Druck.  Er will der Familie Geld spenden, Telefonstreiche künftig lassen. Obwohl offiziell nichts bestätigt ist. Viele Journalisten jagen derweil weiter: Die indischen Verwandten der Krankenschwester werden von Reportern belagert.

Camril Barboza, die Schwiegermutter der Verstorbenen in der Sendung "Asian News International": "Um acht Uhr morgens rief Benedict, mein Sohn, an und sagte, sie ist nicht mehr. Mehr als das wissen wir im Moment nicht. Sie ist tot, das ist alles."

Sie wissen fast nichts, werden aber trotzdem befragt. Tränen beleben das Geschäft.

Celin D’Souza, die Schwägerin der Verstorbenen in "Asien News International": "Ich vermisse sie einfach so sehr. Sie war so eine tolle Schwägerin."

Ein Wettkampf und die ersten Bilder

Schnell  machen auch Fotos der Toten die Runde. Ein Foto, hier rechts, haben Journalisten bei Facebook geklaut, mal wieder. Wir haben es verfremdet. Denn die Frau auf dem Bild, sie lebt, trägt bloß denselben Namen. Einer Zeitung erzählt sie später, sie habe mehr als 300 Anrufe bekommen. Und sei selbst sehr aufgebracht gewesen.

Sophie Albers: "Das ist eine Frage der Konkurrenz. Ganz klar,  die Geschwindigkeit zählt. Wer zuerst schreit, wird zuerst gehört, zuerst gelesen, und  wer zuerst das Bild hat, hat gewonnen. Das ist ein Wettkampf und der wird auch immer schneller."

Und auch die Politik nutzt die mediale Bühne. Labour-Politiker Keith Vaz zeigt sich öffentlich  mit der Familie der Verstorbenen. Gute PR, für ihn.

Für die Moderatoren ist die Geschichte noch nicht vorbei.

Sophie Albers: "Scotland Yard ermittelt, möglicherweise gibt es eine Befragung in London, wo es zu einer Begegnung mit der Familie kommen könnte: Drama! Und ja, das wäre dann der Weiterdreh und wir alle gucken hin."

Der Voyeurismus wird bestens bedient. Mit immer neuem Stoff zu einem ungeklärten Todesfall. Dabei kommt das Ergebnis der Obduktion erst morgen.

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 12.12.2012 | 23:20 Uhr

Logo der Sendung Zapp © NDR
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Zapp

Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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31.05.2013 02:15 Uhr

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