"Tatort Internet" - Aufhetze statt Aufklärung

von Jasmin Klofta, Ajmone Kuqi

Es war ein Tabubruch: Big Brother auf RTL 2. Vor zehn Jahren ist der kleine Sender damit zum ersten Mal groß rausgekommen. Fette Schlagzeilen, harte Kritik. Jetzt gibt es beides wieder. Und zwar für die neue Reality Show "Tatort Internet". RTL 2 spielt darin Polizei, stellt mutmaßliche Kinderschänder an den Pranger. Eigentlich wollte sich der Sender damit vom Trash-Image befreien - erreicht hat er das Gegenteil. Zapp über den Missbrauch des Missbrauchs.

 

Es begann mit einer Nachricht in eigener Sache: RTL 2 wollte besser werden: seriös, investigativ, journalistisch. Und lud zum "Hintergrundgespräch". Zapp-Kamera unerwünscht. Bild.de aber durfte dabei sein. Bei der Image-Offensive von RTL2. Mit der neuen Botschafterin und Bild-Liebling Stephanie zu Guttenberg.

"Es sind diese Schlagzeilen, die wir brauchen. Es sind die Kameras der Welt, die wir endlich richten müssen auf dieses Thema", so Stephanie zu Guttenberg auf der Pressekonferenz. Die Kameras von RTL2 richten sich nun auf dieses Thema, das sogenannte "Grooming", das Anmachen von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene im Netz.

Udo Nagel: "Guten Tag Frau zu Guttenberg. Schön, dass Sie da sind." Stephanie zu Guttenberg: "Guten Tag, Herr Nagel, Ich freue mich auch. Danke."(RTL2, Tatort Internet, 17.10.2010).

Wichtiges Thema fragwürdig umgesetzt

Der frühere Hamburger Innensenator Udo Nagel und Stephanie zu Guttenberg sind die Aushängeschilder von RTL2 für das Thema. Ein wichtiges Thema, über das viele nur wenig wissen.

Johannes Boie von der Süddeutschen Zeitung meint: "Ich glaube allerdings nicht, dass `Tatort Internet` wirklich zur Aufklärung beiträgt, weil die Sendung zu reißerisch aufgebaut ist, möglicherweise juristische Grundsätze verletzt, aber mit Sicherheit journalistische Prinzipien verletzt."

Die Masche ist immer dieselbe. RTL 2 gibt sich im Netz mit falschem Namen aus, ködert die mutmaßlichen Täter geradezu. "Personenschützer sind mit vor Ort, um die Sicherheit des gesamten Teams zu gewährleisten. Die Anspannung ist spürbar. Letzte Vorbereitungen laufen", heißt es in dem Beitrag (RTL2, Tatort Internet, 17.10.2010).

Die Hilfssheriffs von RTL2 stellen die Verdächtigen und klagen sie an, vor laufender Kamera: "Mein Name ist Beate Krafft-Schöning von Tatort Internet. Und solche Typen wie Sie, die spüre ich reihenweise aus dem Internet auf. Die sich an Kindern versuchen zu vergehen und die hingehen und solche Kinder wie diesen kleinen Antoni hier im Grunde fertig machen und das läuft gar nicht. Haben wir uns verstanden?" (RTL2, Tatort Internet, 17.10.2010)

Eine Pseudo-Richterin spricht ihr Urteil, wenn ein mutmaßlicher Täter in die Falle geht. "Die Situationen würden aber nie eintreten, wenn RTL2 oder beziehungsweise die Produzenten der Sendung diese Situation niemals schaffen würden. Man berichtet also über was, was man selber produziert hat", meint Johannes Boie.

Medienrechtlerin Dorothee Bölke erklärt: "Werden Journalisten zu Akteuren, übernehmen sie Ermittlungsaufgaben, übernehmen sie möglicherweise auch Sanktionen in diesen fiktiven Fällen. Dafür gibt es Gerichte, es gibt Ermittler, die diesen Teil der der Aufgaben zu erledigen haben."

Juristisch heikel bis fahrlässig

RTL2 dreht mit versteckter Kamera. Schon der Tonmitschnitt ist dabei juristisch heikel. Die Stimmen der mutmaßlichen Täter sind nur verfremdet, die Bilder verpixelt.

"Hier muss man einfach bedenken: Diese Personen werden in Gänze gezeigt, sie haben auffällige Kleidungsstücke möglicherweise, es wird immer ein Text dazu gesprochen, der in Kombination mit den Bruchteilen des Visuellen die Identifizierung möglich machen", sagt Dorothee Bölke.

Und RTL 2 macht es leicht, die Personen zu identifizieren, verbreitet persönliche Details. Dieser Mann wird direkt nach der Ausstrahlung identifiziert. Sein Arbeitgeber Caritas entlässt ihn sofort, denn er ist tatsächlich Leiter eines Kinderdorfes. Die Aufnahmen hatte RTL2 bereits im Mai gedreht und niemanden über die mögliche Gefahr informiert.

Clemens Bieber vom Caritasverband Würzburg ist empört: "Ich halte das für unverantwortlich. Wenn die Sendung sich schon dem Anspruch stellt, dass sie Menschen herausfinden will, die in Gefahr stehen, nicht gut mit Kindern umzugehen, [...] dann sollten sie auch sofort handeln und nicht fünf Monate lang das Wissen für sich behalten bis irgendwann der medial beste Zeitpunkt gegeben ist, um dann die Ausstrahlung auch zu inszenieren."

Udo Nagel, der Moderator von "Tatort Internet": "Ich kann nur sagen, wir haben uns ernsthaft damit auseinandergesetzt: dürfen wir, sollen wir, müssen wir, quasi den Arbeitgeber informieren und sind damals zu dem Schluss gekommen: nein, wir dürfen nicht. Weil wir auch vom Prinzip im Moment auch keine konkrete Gefahr gesehen haben, dass er quasi jetzt zu Kindern und zu Mädchen in seinem Umfeld geht." (BR, 15.10.2010)

Dabei hatte RTL 2 die konkrete Gefahr selber benannt: "Er ist weiterhin im Chat unterwegs, unter verschiedenen Namen. Dem 13-jährigen Mädchen schreibt er nachdem weiter, auch noch Monate nach dem Treffen", heißt es in der Sendung und es wird ein Chatprotokoll gezeigt:

"Wie geht’s? Hat Deine Mum sich wieder beruhigt?"[...] (RTL2, Tatort Internet, 17.10.2010).

Die Person hinter dem Pseudonym ist inzwischen spurlos verschwunden. Seit Donnerstag. "Mit jedem Tag länger, wo kein Lebenszeichen von ihm wahrzunehmen ist, werden die Sorgen schon großer, dass er in einer für ihn gegebenen momentanen Aussichtslosigkeit vielleicht auch zu einer falschen Kurzschlussreaktion greift. Das wäre für mich allerdings ein schlimmer Ausgang, denn tatsächlich ist ja allein die Tatsache der Begegnung mit einer noch so jungen Frau kein strafrechtlich relevanter Tatbestand", so Clemens Bieber.

Mutmaßliche Täter am Pranger

Johannes Boie gibt zu bedenken: "Man weiß, das ist ein heikles Thema und da muss man einfach darauf achten, dass den Menschen hinterher nichts passieren kann, dass die Menschen nicht identifizierbar sind und dass die Strafverfolgungsbehörden sich letzten Endes um Anklage, Prozess und Verurteilung kümmern und sonst niemand anderes."

Anklage, Prozess und Verurteilung aber übernimmt RTL2 nur all zu gern. Im Internet ist die Identifizierung der mutmaßlichen Täter zum Kinderspiel geworden. Für einige ist es sogar eine Art Sport. Schon während der Sendung geht es los, wie Ausschnitte aus Blogs zeigen:

"Hehe, ich hab xxx gefunden";
"Bei Facebook isser auch, Frisur und Statur passt auch";
"Weitere hübsche Daten...";
"Seine Firma";
"Kinderschänder enttarnt"!

"Ich glaube, dass RTL2 im Zeitalter von Internet, wo die allerkleinsten Hinweise ausreichen, um eine Person identifizierbar zu machen, noch sorgfältiger mit dem Schutz der potenziellen Täter hätte umgehen müssen. Insbesondere in Foren [...] geht so eine Enttarnung blitzschnell, weil sich da einfach hunderte Leute darum bemühen, eine einzige Person zu identifizieren", so Johannes Boie.

Doch RTL2 sieht sich dafür nicht in der Pflicht, antwortet auf Zapp-Anfrage: "Wir haben alle Maßnahmen unternommen, die gezeigten Täter in Wort und Bild unkenntlich zu machen, Klarnamen werden nicht genannt."

Und Stephanie zu Gutenberg gibt sich entsetzt von der öffentlichen Abfuhr, allerdings nur in Bild (18.10.2010). Auf ZAPP-Anfrage antwortet sie nicht.

Johannes Boie meint: "Es bleibt unbestritten, dass diese Männer möglicherweise gefährliche Menschen sind, die bereit sind das Leben eines Kindes zu ruinieren. Das ist natürlich schrecklich und deshalb verdienen die auch kein Mitleid. Andererseits verdienen sie es auch nicht in eine Falle gelockt zu werden und vorgeführt zu werden, weil das nämlich weder den Opfern, noch den Tätern hilft."

"Journalismus, der aufklären will, der aufrütteln will, das ist meine Überzeugung, muss auch glaubwürdig sein, der muss sauber sein, weil er sonst das Ziel, das gute Ziel, das er verfolgt, nicht erreicht", sagt Dorothee Bölke.

Das "gute Ziel" Kinder besser zu schützen, hat RTL 2 nicht erreicht. Tatsächlich hat der Sender eine vermeintliche Täterhetze provoziert. So aber lässt sich das eigene Image nicht verbessern.

 

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Nächste Sendung: 30.05.2012 23:20 Uhr

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Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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01.06.2012 01:15 Uhr

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