"Schwer verliebt": Rhein-Zeitung engagiert sich

Kuppel-Shows wie "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" sind total entwürdigend und wahrscheinlich deshalb so erfolgreich. Das Prinzip ist simpel. Je peinlicher die Kandidaten, desto besser die Quote. Und wenn die Wirklichkeit nicht Drama genug ist, dann helfen die Macher eben nach. Dieses Prinzip wird aktuell in der Sat.1-Show "Schwer verliebt" noch auf die Spitze getrieben. Doch dort wehrt sich jetzt eine Kandidatin. Das Besondere ist, dass eine Regionalzeitung auf "Sarahs Seite" kämpft. ZAPP blickt hinter die vertrackten Vertragsklauseln der Liebe bei Sat.1.

Ein Film von Ajmone Kuqi und Mareike Fuchs

Diese Show verspricht vieles: Nicht weniger als die große Liebe wollen einsame Singles mit der Hilfe von Sat.1 finden. Der Sender inszeniert sich als hilfreicher Liebesbote und ist bei der Suche live dabei.

Kandidatin Sarah: "Ich hatte damals bei 'Schwer verliebt' mitgemacht, weil ich mir dachte, 'du hast ja eh keine Chance, dass dich ein Mann findet‘. Und ich hatte halt Sehnsucht nach der großen Liebe."

Und ihre Suche im Fernsehen ist auch in ihrem Heimatdorf ein großes Ereignis. Über "unser" Mädchen aus dem Hunsrück berichtet die regionale "Rhein-Zeitung".

Vera Müller, Redakteurin der "Rhein-Zeitung": "Kurz vor Sendestart ist Sat.1 dann in die Offensive gegangen, bat um mediale Unterstützung. Die haben wir im gewissen Maße auch geliefert und haben nochmal darauf hingewiesen, 'Am Sonntag geht es los. Unsere Sarah aus Fischbach ist dabei, wollen wir doch mal schauen, wie die Geschichte sich entwickelt'."

Doch die Geschichte wird peinlich, etwa durch folgende Szene:

Sarah: "Also, das sind meine Lieblingsbarbies. Das ist der Ludwig und das ist der Franz Josef und die beiden sind schwul, die sind miteinander verheiratet." (06.11.2011).

Kandidatin Sarah: "Als ich die erste Folge von 'Schwer verliebt' gesehen habe im Fernsehen, da habe ich wirklich einen Kulturschock gekriegt. Ich war wirklich drei Tage am Stück nur noch geschockt und konnte an nix anderes mehr denken."

Spott und Häme

Es wird noch schlimmer, mit Spott und Häme. In der lokalen Kneipe trifft sich die Dorfgemeinde zum gemeinsamen Fernsehen und Lästern über Sarah. In Internetportalen wie Facebook wird sie hemmungslos gemobbt: "die ist doch zurück geblieben...", steht da. Und andere schreiben, "dass man sich allein mit so ner Blödheit ins Fernseh` traut". Die Sendung stellt sie als plumpen Tölpel dar, liefert Steilvorlagen für die Hetzer. Sarah findet sich in einer Freakshow wieder.

Vera Müller: "Zum Sendestart habe ich hier auf der heimischen Couch gesessen, habe mir die ersten paar Minuten angeschaut und dachte, 'Oh Gott, was hast du nur getan?'"

Sie hat ein schlechtes Gewissen, fühlt sich mitverantwortlich. Auch ihr Artikel hat für die Sendung geworben. Vera Müller nimmt erneut Kontakt zu Sarah auf und lernt sie kennen. "Ich erlebe eine Sarah, die mit mir ganz hervorragend gechattet hat, schriftlich in Echtzeit, ganz rasant, eine ganz einwandfreie Rechtschreibung, eine ganz klare Ausdrucksweise, eine ganz klare transparente Kommunikation herstellt, die sehr wohl Zeitung liest, die genau weiß, was auf der Welt passiert."

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Vera Müller, Rheinzeitung © NDR
 
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Das Interview mit Vera Müller, Redakteurin der "Rhein-Zeitung", zum ZAPP Beitrag "'Schwer verliebt' in der Kritik".

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Unterstützung von der Zeitung

Diese Sarah wehrt sich jetzt zusammen mit der Rheinzeitung. Die bietet Unterstützung und bekommt dafür eine spannende Geschichte. Hier erzählt Sarah, dass sie gerade bei den peinlichen Szenen den Anweisungen des Drehteams folgte. "Da musste der Bernd die Luftmatratze aufpumpe, weil dem Dirk die Puste ausgegangen war, und ich musste da sagen: 'Oh Bernd, du kannst aber gut blasen.' Und das ist so was von zwei- und dreideutig, das ist unnormal."

Unnormal auch die inszenierte Zärtlichkeit für die Kamera. Schon in der Nacht müssen sich die vollkommen Fremden romantisch geben. Und auch die Aufwachszene suggeriert eine intime Beziehung. Was nicht gesagt wird, ist, dass Sarah und Bernd die Nacht dazwischen getrennt schlafen.

Kandidatin Sarah: "Wie die sagten, 'mach das und das', habe ich gesagt, 'sag mal, muss das sein? Muss ich das wirklich machen?' Und da sagten die, 'ja, das steht so in dem Drehbuch drin, das musst du machen, das musst du umsetzen.'"

Ein Knebelvertrag?

Denn mit dem Kandidatenvertrag liefert Sarah sich der TV Produktion aus. Darin steht etwa, "der Vertragspartner ist sich bewusst, dass er möglicherweise während der  Produktion Situationen erlebt, die für ihn psychisch oder physisch belastend sein können". Das heißt, sehr lange Drehtage, kaum Pausen und die Produktionsfirma bestimmt, was Sarah tun soll.

Rechtsanwalt Damian Hötger erklärt: "Hier haben wir die Situation, dass ein übermächtiger Medienkonzern Vertragsklauseln diktiert [...] mit ziemlich fiesen Klauseln. Sie tritt zum Beispiel alle Rechte an ihrer gesamten Persönlichkeit ab, auch für kommende Produktionen, ohne überhaupt zu überblicken, was das bedeutet, und erhält dagegen lediglich eine kleine Aufwandsentschädigung oder man sollte besser sagen ein extrem geringes Schmerzensgeld von 700 Euro." Und ein Schweigegeld, denn im Vertrag heißt es, "der Vertragspartner wird über alle [...] Angelegenheiten [...] absolutes Stillschweigen bewahren".

 

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Damian Hötger, Rechtsanwalt © NDR
 
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Das Interview mit Damian Hötger, Rechtsanwalt.

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Doch Sarah schweigt nicht mehr und geht jetzt gegen den Vertrag und die Ausstrahlung vor, mit dem Anwalt, den die Rheinzeitung engagiert hat.

Vera Müller: "Aus meiner Sicht wurde hier ganz brutal die Seele verletzt und Sarah ist da kein Einzelfall, davon bin ich überzeugt und ich muss wirklich sagen, das ist eine Form von Missbrauch."

Menschen in Alltagssituationen?

Sat.1 weist die Vorwürfe zurück. Das Format zeige lediglich Menschen in Alltagssituationen. Auf ZAPP Anfrage heißt es: "Ein Drehbuch lag bei 'Schwer verliebt' nicht vor. Sarah hat zu keiner Zeit Dinge tun müssen, die sie nicht tun wollte."

Sat.1 zwängt die Kandidaten in ihr kitschiges Romantik Korsett.

Kandidatin Sarah: "Die schlimmsten Szenen für mich waren eindeutig die am Bosalsee. Weil da hatte ich keinen Badeanzug gehabt, also kein Strandoutfit, und dann musste ich wirklich das Oberteil ausziehen und mit BH rumlaufen. Und dann haben die auch noch so gefilmt, dass man jede einzelne Speckfalte von mir sieht."

Fünf Folgen sollen noch ausgestrahlt werden. Das will Sarah auf jeden Fall verhindern, mit Reality-Formaten hat sie abgeschlossen.

Kandidatin Sarah: "Den Fehler, den ich begangen habe, würde ich nie, nie wieder machen. Und ich kann auch jeden nur davor warnen, so etwas zu tun oder auch nur daran zu denken, weil das ist Abzocke."

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Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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01.06.2012 01:15 Uhr

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Junge Menschen schauen gemeinsam eine TV-Sendung. © dpa
 

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