Lügen im gefälschten Fernsehleben
Dürfen inszenierte Geschichten als Information verkauft werden?
Video starten (05:53 min)Lieben, leiden, streiten - das war die Erfolgsformel der Nachmittagssendungen im Privatfernsehen. Unerbittlich gaukelten sie uns Zuschauern das echte Leben vor, waren aber in Wahrheit durchgescripted - das heißt, inszeniert nach Drehbuch, gespielt von Laiendarstellern. Ein modernes Bauerntheater, bei dem der Zuschauer bewusst getäuscht wurde. Die Medien haben ausführlich darüber berichtet. Die Privaten gelobten Besserung, doch passiert ist wenig. Im Gegenteil. Zapp über eine noch raffiniertere Masche in der Fernseh-Scheinwelt.
Ein Film von Daniel Bröckerhoff, Tina Schober.
Niklas Taborsky in seiner Wohnung in Berlin. Vor einigen Monaten machte er bei der VOX-Sendung "mieten, kaufen, wohnen" mit. Thema: Wohnungssuche mit Maklerin Denise. Doch die Wohnung, für die er sich da begeistert ist, in Wirklichkeit seine eigene. Niklas hat nur so getan, als würde er diese Räume zum ersten Mal sehen.
Niklas Taborsky erklärt: "Ja, die eigene Wohnung besichtigen, da gehört schon so ein bisschen schauspielerische Affinität dazu, würde ich sagen. Weil, so eine Wohnung, wo man jeden Tag rein kommt in Flur, Wohnzimmer, da dann auf überrascht zu machen, das ist schon ein bisschen merkwürdig."
Merkwürdig, aber nicht ungewöhnlich. Bei "mieten kaufen wohnen" ist nicht alles so, wie es scheint. Bauerntheater ist gefragt. Um eine ernsthafte Wohnungsuche geht es nicht. Die Teilnehmer sollen unterhalten, nach Ansage.
"Es gibt kein richtiges Drehbuch wo jetzt mein Text drin steht, den ich genau sagen muss. Aber es gibt halt immer natürlich eine Autorin, die hinter der Kamera steht und mich dann Sachen fragt, um mir dann, sagen wir mal, Denkanstöße zu geben", erläutert Niklas Taborsky.
Denkanstöße, die in diesem Fall auf Niklas' Homosexualität anspielen, bis unter die Gürtellinie, samt Auftritt im Glitzerkostüm.
Niklas Taborsky erzählt: "Ich glaub man sieht es an den Bildern auch, dass ich da nicht so wirklich unbedingt drauf vorbereitet war. Aber die Produktionsfirma wollte halt so ein bisschen das rüberbringen, was ich mache und haben halt gefragt, ob ich denn nicht ein kurzes Höschen hätte und ich hatte auch erst ein anderes Top an, das war denen dann aber schon wieder zu unschwul, also musste das Glitzertop her."
Glitzern für die Quote. Je ausgeflippter, desto besser. Das kommt beim Zuschauer an. Das weiß auch Niklas. Die Inszenierungen nimmt er in Kauf. Im Gegenzug erhält er eine kostenlose Plattform, um sich als DJ zu präsentieren. So läuft es heute bei "mieten, kaufen, wohnen", inszenierter Dreh, gestellte location, bestellte Dialoge.
Medienjournalist Fritz Wolf erklärt: "Die haben zum Teil angefangen mit ganz realen Geschichten, mit realen Menschen in realen Wohnungen oder an realen Schauplätzen. Bis sich dann herausgestellt hat, dass da das Potenzial nur sehr begrenzt ist und man muss ein bisschen zusetzen. Man muss ein bisschen dramatisieren, man muss ein bisschen zuspitzen. Und dazu reicht das Vorgefundene nicht mehr und man muss etwas Erfinden."
Mit erfundenen Geschichten kennt sich Detlef Scholzen aus. Er hat beim kabel1-Format "Die Super-Heimwerker" mitgemacht. Mit dieser Story:
Sprecher: "Tim ist 12. Genau wie sein Zimmer. Und das ist uncool. Ein richtiges Babyzimmer mit Teppichboden, Kinderschrank und Hochbett. Tim reicht es und Papa Detlef kriegt den Frust ab.
Vater: "Was ist denn hier los, Tim, was machst du denn? Du kannst doch nicht alles hier rumschmeißen!"
Tim: "Ja ich hab keine Lust mehr auf dieses Babyzimmer, hier ist alles kaputt!"
Vater: "Versteh ich nicht." (Kabel 1, "Die Super-Heimwerker", 5.4.2011).
Schauspieler Detlef Scholzen erklärt: "Definitiv habe ich keinen 12-jährigen Sohn, der ein neues Kinderzimmer braucht, das ist richtig. Das war also eine Familie, wo wir das dann gedreht haben und der Sohn war dann halt von der Familie mein Sohn und ich war dann halt der Vater."
Fremdes Kinderzimmer, fremder Sohn, aber echter Detlef Scholzen. Schummeln für die Quote. Was echt ist und was nicht kann der Zuschauer nicht mehr unterscheiden. Den Sendern scheint das egal. Die Formate sind billig und schnell zu produzieren.
Fritz Wolf meint dazu: "Mit dieser Form von Alltagsfernsehen kann man vergleichsweise günstig sehr viele Programmstunden füllen. Das ist, glaub ich, eins der Hauptmotive, warum diese Art Fernsehen überhaupt auch so quer durch alle kommerziellen Sender sich entwickelt hat."
Und zwar erfolgreich. Auch Sender wie RTL, Sat1 und Pro 7 erzielen seit Jahren hohe Quoten mit erfundenen Alltagsgeschichten. Und der gewollte Nebeneffekt: Sie steigern den Informationsanteil an ihrem Gesamtprogramm. Bis vor Kurzem bezeichneten die Sender ihre Schwindelgeschichten als "Information". Zumindest auf dem Papier lagen die Privaten 2010 daher nicht weit hinter den öffentlich-rechtlichen Sendern. RTL lag offiziell sogar knapp vor der ARD. Erst seit wenigen Wochen kennzeichnen RTL, RTL 2 und Sat1 ihre "gescripteten" Formate als Unterhaltung. Die Folge: der Informationsanteil wurde deutlich nach unten korrigiert.
"Ein Fernsehsender, der von sich sagen kann: wir haben am Tag so und so viel Stunden Information, steht natürlich besser da wie jemand der sagt: wir sind ein Fernsehsender, der macht den ganzen Tag nur Kirmes", erklärt Fritz Wolf.
Die Sender Vox und Kabel 1 hingegen bezeichnen ihren Miet- und Heimwerker-Rummel weiterhin als "Information". Dabei macht VOX keinen Hehl daraus, dass die Immobiliengeschichten eine kreative Note bekommen. Im Abspann von "mieten kaufen wohnen" heißt es gerade 2 Sekunden lang: "Die Geschichten unserer Makler sind teilweise frei nacherzählt."
Fritz Wolf meint: "Ich halte das eigentlich für eine Schutzmaßnahme der Sender und auch für eine Täuschung der Zuschauer, zu sagen, es ist teilweise, was heißt teilweise? Was ist teilweise frei erfunden?"
Was ist noch wahr und was nicht? Selbst Makler- und Heimwerkersendungen kommen nicht mehr ohne Inszenierungen aus, werden dennoch als Informationsprogramm verkauft. Eine gefährliche Entwicklung.
Auch Fritz Wolf ist skeptisch: "Ich glaube übrigens, dass sich die privaten Sender keinen Gefallen tun, wenn sie immer wieder mit dieser Glaubwürdigkeit leichtsinnig umgehen und spielen. Weil irgendwann mal werden die Leute auch sagen, warum soll ich eigentlich den Nachrichten glauben, wenn ich doch auch sonst nie genau weiß stimmt das jetzt oder stimmt das nicht."