ZAPP
Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.
Wiederholung der Sendung
01.06.2012 01:15 Uhr
Probleme gibt es wohl genug in Deutschland, und Familien, die solche zuhauf haben, anscheinend auch. Die einen kämpfen mit frechen Kindern, den anderen hauen die Teenager ab, die nächsten stecken knietief in Schulden. Erfreulicherweise nimmt sich das Fernsehen dieser Probleme ja sehr gerne an. "Die Super Nanny" als Ur-Format oder die Jugendlichen "Ausreißer" sind sogar preisgekrönt. Immerhin haben es diese Sendungen geschafft, das öffentliche Interesse auf soziale Probleme zu richten. Worüber sich die Menschen, die sich im wirklichen Leben damit auseinandersetzen, die Sozialarbeiter nämlich, anfangs auch richtig gefreut haben. Aber diese Begeisterung ist mittlerweile irgendwie in Ablehnung umgeschlagen. Zapp über billige Effekthascherei anstatt wirklicher Hilfe.
Junge: "Haufen Schulden, keene Wohnung, keen Geld, nischt." (Die Ausreißer, RTL, 7.7.10) - Mutter: "Danny, mache - hab ich gesagt, jetzt reicht es!" (Die Super Nanny, RTL, 18.1.06) - Mutter: "Setz dich hin!" Sprecher: "Kristin hat jegliche Geduld für ihre Drillinge verloren. Geschrei und Gewalt gehören inzwischen zum Alltag. Familie Schade hat Diplompädagogin Katia Saalfrank um Hilfe gebeten." (Die Super Nanny, RTL, 14.4.10)
Aufmüpfige Jugendliche und Kinder, reißerisch inszeniert - so kann Lebenshilfe im Fernsehen aussehen. Das Schema der Coaching-Formate folgt einem bestimmten Muster. Die Erziehungswissenschaftlerin Anna Stach meint: "Die Sendungen beginnen immer mit den Betroffenen, die in extremen Konfliktlagen gezeigt werden, die in ihrem Kontrollverlust gezeigt werden, in irrationalen Handlungen. Die Musik untermalt das, das heißt, so wird am Anfang emotionalisiert. Dann kommen die Helfer, die Experten und gehen in die Familien und beginnen mit ihren Interventionen."
So wie sie: Katia Saalfrank, die Super Nanny. Ihr Porträt steht bei RTL für sensationsheischende Lebenshilfe. In einer Sendung meint die Super Nanny: "Also körperliche Strafen oder auch seelische Demütigungen, das sind schon Dinge, die ich hier gesehen habe, die ziemlich unerträglich sind." (14.4.10) Voyeuristisch blickt RTL in die Wohnzimmer überforderter Eltern, stilisiert die Super Nanny zur Retterin in der Not. Ein Vater in einer Folge: "Hätt ich nicht gedacht, dass deine Super Nanny so viel bringt. Toll." (14.4.10)
Das sieht Sozialarbeiter Tom Küchler anders. In den Sendungen erkennt er wenig Gemeinsamkeiten mit seinem Alltag: "Das heißt, da wird ein Bild vermittelt, soziale Arbeit hilft per se. Also ich hab ein Problem, ich hol mir einen Therapeuten, Sozialarbeiter oder irgendwen in mein Haus und dann ist alles wieder gut."
Schöne, heile Fernsehwelt. Lebenshilfe kompakt in 45 Minuten. Das ist völlig realitätsfern. Anna Stach: "Von der eigentlichen Arbeit kommt nicht rüber, dass es sehr langwierige Prozesse sind, die sehr viel Geduld brauchen, die da begleitet werden und die oft eben nicht gut ausgehen."
Doch Happy Ends bringen Quote. Auch bei RTLs Erfolgsformat "Die Ausreißer". Dort betreut Sozialarbeiter Thomas Sonnenburg Straßenkinder. Und RTL präsentiert publikumswirksam abenteuerliche Ausflüge. Einzelfallhilfe deluxe: Sprecher: "Daniel macht es richtig Spaß, seinen Streetworker ein wenig in Aufregung zu versetzen." Thomas Sonnenburg: "Ey, du bist wahnsinnig! Ja, los, komm!" Sprecher: "Oft sind es kleine Aktionen, die eine große Wirkung haben können." (9.6.10)
Tom Küchler: "Was Thomas Sonnenburg da mit den Jugendlichen veranstalten kann, kann kein normaler Streetworker im Alltag leisten. Also so eine intensive Einzelfallhilfe mit Delfin-Schwimmen und Klettern gehen und Stadionbesuche, das ist jenseits der alltäglichen Streetworkarbeit." Denn dafür fehlt das Geld.
Küchler ärgert sich über die Vereinfachung im Fernsehen. Es gebe nur schwarz oder weiß, gut oder böse, ein Schuldiger - immer schnell gefunden. Absolut wirklichkeitsfremd für ihn – den Praktiker: "Probleme werden individualisiert, du bist selber schuld, wenn du ein Problem hast und diese ganzen gesellschaftlichen Faktoren werden völlig ausgeblendet und kommen in den Formaten überhaupt nicht zur Geltung. Und ich denke, soziale Arbeit muss gerade dort auch ganz viel anpacken."
Der wahre Alltag ist zu kompliziert, die Zuschauer bekommen anderes geboten. "Abenteuer Afrika" ist ein würdeloser Höhepunkt der Coachingformate: Sprecher: "Acht übergewichtige Teenager tauschen die Zivilisation mit dem Leben eines Ureinwohners. Sie tauschen Fastfood und Sofa gegen eine einzigartige Erfahrung, die mehr verändern wird als nur das Gewicht." (RTL2, 16.8.10)
Anna Stach: "Hier wird menschliches Leid ausgebeutet, um zu unterhalten."
Sprecher: "In den 21 härtesten Tagen ihrer Lebens werden die acht Teenies an ihre Grenzen kommen." Junge: "Wir sind im Arsch der Hölle." Mädchen: "Ich weiß, dass ich zu fett bin, um weiterzulaufen. Das braucht ihr mir nicht auch noch sagen." (RTL2, 16.8.10)
Anna Stach: "Es ist mitleidlos, kaltherzig und ich kann keine ernsthafte Motivation erkennen, den Menschen ernsthaft zu helfen." Genüsslich inszeniert RTL 2 das Leid der jungen Menschen, entwürdigende Bilder und Häme statt Mitleid. Tom Küchler: "Was da ganz groß eine Rolle spielt ist Vorführung. Die werden vorgeführt, die werden zum Teil stigmatisiert und die werden letztendlich auch bloßgestellt. Das heißt, ein normales Leben nach der Ausstrahlung ist nicht mehr so wie vorher denkbar." Das haben die von RTL2 zur Lächerlichkeit preisgegebenen Jugendlichen wohl kaum bedacht. Nur die wenigsten Teilnehmer solcher Formate erahnen die Folgen. Anna Stach: "Die Kinder können es überhaupt nicht entscheiden, die Jugendlichen auch nicht. Soweit ich informiert bin, haben die Leute zum Teil massive Probleme, dort wo sie leben bekommen. Es gibt ja auch Familien, die sind dann weggezogen nachdem die Super Nanny da war, weil sie die Stigmatisierung nicht mehr aushalten konnten."
Tom Küchler: "Wenn ich jetzt noch mal so die Pro- und die Contraseiten von derartigen Formaten für mich so abwäge, dann ist für mich ganz klar festzustellen, dass der Preis für das Pro – Imagegewinn für Sozialarbeiter etc.– dem Contra, das heißt, dass dort Menschen wirklich stigmatisiert werden und gemobbt werden, das der viel zu hoch ist. Deswegen kann ich mich aus sozialarbeiterischer, therapeutischer Sicht davon nur distanzieren."
Vom Abnehmcoach bis zur Super Nanny sie alle nutzen den Vorwand der Lebenshilfe, um extreme Fälle zur Schau zu stellen. Billige Effekthascherei statt echter Hilfe.