Warum bei Doku-Soaps mehr erfunden als echt ist

von Tina Schober

Mein Gott ist es furchtbar in unserem Land. Da wird geschrien, geheult, geprügelt. Wer glaubt, Familienleben sei etwas schönes, der schalte mal das Nachmittagsprogramm im Fernsehen ein. Und das tun nicht wenige. Leider fehlt den Sendern aber langsam der Nachschub an Menschen, die sich und ihr schreckliches Leben zur Schau stellen wollen. Also wird eben nachgeholfen, mit Drehbuch und Laienschauspielern. Zapp über die inszenierten Wirklichkeiten im Nachmittagsprogramm.

Nachmittags flimmert die Hölle in deutsche Wohnzimmer. RTL präsentiert reißerisch ein Volk in Krawall-Laune in Sendungen wie "Verdachtsfälle", "Betrugsfälle", "Familien im Brennpunkt". Szenen mit Dialogen wie diesen sind typisch: "Ey, Du machst nur noch Scheiße!" "Halt doch die Fresse, was willst du denn?" "Och Mensch Kinder, hört doch mal bitte auf"
Oder: "Was ist das? Der Super-Orgasmus, Hot Sex. Sag mal, was solln dieser Scheiß?"
Oder: "Siehste Mami hat schon Schiss und Du solltest langsam auch, Du solltest es mal begreifen." "Ich begreife überhaupt nichts" "Und nur damit ihrs wisst: Ick bin Ronnie Miller und Ronnie Miller, der kuscht nicht." "Wir sind die Millers, Alter."

 

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Interview mit Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW

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Norbert Schneider von der Landesanstalt für Medien NRW meint: "Da haben Sie eine Art von Wirklichkeit, in der kracht es und in der wird geheult und geschrien und man lässt sich scheiden und das Leben geht zu Ende. Alles Höhepunkte, die in einem normalen Leben auf eine lange Strecke verteilt sind, und keine Menschen interessieren. Das ist das Prinzip, was dahinter steht."

Inszeniertes Familienleben

Lieben, leiden, lügen - das Prinzip der Nachmittagssendungen bei RTL "Verdachtsfälle", "Familien im Brennpunkt", "Betrugsfälle" und bei ProSieben "We are Family". Diese Doku-Formate suggerieren den Zuschauern angeblich Einblicke ins wahre Leben. Vieles wirkt täuschend echt. Es scheint, als würden ganz normale Familien von einem Fernsehteam in ihrem Alltag beobachtet, wie in einem Ausschnitt aus Mitten im Leben zu sehen ist: "Wir begleiten Alexandra und ihre Tochter Cheyenne nach Hause und erfahren mehr über das Schicksal der 23-jährigen." (RTL, 19.02.2010).

 

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Interview mit Alexander Kissler, Kulturjournalist

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Alexander Kissler, Journalist und Autor, erklärt: "Diese Formate werden zum Beispiel beworben als Formate 'im Stil einer Doku', heißt es dann. Also wer nicht genau hinschaut, denkt es sind vielleicht Dokus, aber tatsächlich sind es nur im Stil einer Doku, das heißt, das dokumentarische ist vom Material zur reinen Ästhetik geworden. Aber die Sendungen sind darauf angelegt, dass man genau diesen Unterschied nicht mehr mitbekommt." 

Erfundene Geschichten, neudeutsch: gescripted, inszeniert nach einem Drehbuch. Nur ganz versteckt im Abspann die Aufklärung: "Alle handelnden Personen sind frei erfunden." Alles Laiendarsteller.

Und sie sucht sie aus: Imke Arntjen hat eine Casting-Agentur in Berlin. Früher vermittelte sie echte Familien an Sender. Für die Doku-Soaps sind jetzt vor allem Kleindarsteller gefragt. Imke Arntjen: "Also gescripted ist eigentlich für eine Produktionsfirma ein totaler Glücksfall, weil sie dann Darsteller nehmen. Ist eigentlich viel besser für eine Produktionsfirma, weil es wesentlich einfacher ist, Komparsen, Kleindarsteller zu finden. Weil die Leute dann nicht was von sich selber preisgeben müssen und das ist natürlich einfach zu finden." Leicht zu finden und billig zu produzieren.

Beliebte Themen: Arbeitslosigkeit, Armut, Abstieg

Sie werden drastisch inszeniert, wie in der Sendung Verdachtsfälle:
Mann: "Du weißt doch, was ich für Probleme hab."
Frau: "Ja, Sascha, du hast gleich noch mehr Probleme. Mensch, du hast kein Job mehr. Wie soll das denn weiter gehen? Jetzt muss ich mir noch einen Job suchen."(RTL, "Verdachtsfälle" vom 11.11.2009).

Oder in Mitten im Leben:
Frau: "Dieses Geld, was wir vom Staat bekommen das reicht einfach nicht. Ich mein, ich bin alleinerziehende Mutter, ich möchte mir auch mal was kaufen, mir und meinem Kind was gönnen." (RTL, "Mitten im Leben" vom 19.02.2010).

Alexander Kissler: "Leider ist die Basis der allermeisten scripted Reality Formate nichts anderes als ein dumpfes Vorurteil. Das Vorurteil nämlich, dass jemand der arm ist automatisch auch ungepflegt ist, perspektivlos, derb, brutal im Umgang. Dass jemand, der Hartz IV bezieht, automatisch auch furchtbar dumm ist, dass jemand, der seine Kinder allein erzieht, automatisch überfordert ist und dass junge Väter automatisch Waschlappen sind oder dass ihnen automatisch die Hand rausrutscht. Und das sind nichts anderes als Vorurteile."

Vorurteile, die Quote bringen

Die erfundenen Geschichten treffen offenbar den Geschmack der Zuschauer. Was vor rund einem Jahr zunächst als Versuch begann, ist inzwischen eine Wunderwaffe im täglichen Kampf um die Quote. Die moderne Form des Bauerntheaters ist wahnsinnig erfolgreich.

Norbert Schneider: "Man schaut sich das ja an, weil man entweder nach Vorbildern guckt, oder auch nach Personen, von denen man sich unterscheiden möchte. Das macht den Reiz sowohl der Talkshow als auch dieser Real Doku Shows aus, Real Life Doku Show, dass man als Zuschauer irgendwie das Gefühl hat, da könnte ich was lernen oder da könnte ich sehen, wie gut ich bin, weil die so schlecht sind."

Das echte Leben scheint mittlerweile als Stoff für eine Doku zu langweilig. Die Macher setzen auf Zuspitzung: immer lauter, immer heftiger, immer absurder. Sie wollen Geschichten, die das Leben so nicht immer schreibt. Imke Arntjen: "Früher war es halt so, es hat gereicht, dass ein 20-Jähriges Mädchen ein Kind bekommen hat. Jetzt muss sie 15 sein, also ich meine das jetzt satirisch, sarkastisch, aber jetzt muss die am besten vom eigenen Vater geschwängert werden und alle klatschen Beifall. Also es wird immer pervertierter und immer extremer."

Genüsslich präsentiert RTL Ekel-Erotik in deutschen Wohnzimmern in einer Folge von Mitten im Leben:
Mann: "Hallo mein Schatz."
Frau: "Wat wird das denn bitte?"
Mann: "Hast Du Hunger mitgebracht? Ich hoffe..."
Frau: "Ja habe ich."
Mann: "Das ist Dein Lieblingsgericht Spaghetti Bolognese und ich bin Dein Teller."
Frau: "Ey, auf so verrückte Ideen kannst auch nur du kommen."
(RTL, "Mitten im Leben" vom 21.04.2010).
Oder die Macher?

Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion im Nachmittagsprogramm sind kaum noch auszumachen. Norbert Schneider: "Da muss man gelegentlich ein bisschen drauf hinweisen und sagen: 'Freunde, habt ihr eigentlich noch ein Maß? Ist das noch verhältnismäßig? Ist das noch angemessen?' Und am Nachmittag, das haben wir bei den Talkshows so gesagt, da haben wir einen Code of Conduct entwickelt, wo wir gesagt haben, manches soll dort nicht mehr stattfinden. Und das hat gut funktioniert. Vielleicht muss man auch bei den Real Life Doku-Shows diesen Weg gehen."

Eine gefährliche Entwicklung

Doch bislang ist nichts geschehen. Scheinbar erkennt niemand den Ernst der Lage. Die Sender vermischen echte Geschichten mit erfundenen. Was ist noch wahr und was nicht? Zuschauer können das kaum mehr unterscheiden. Eine gefährliche Entwicklung.

Alexander Kissler: "Auf lange Sicht sollten auch die Macher von solchen Formaten ein Interesse daran haben, dass der Realitätsbegriff nicht ganz zu Tode geritten wird. Auch bei den Privatfernsehanbietern werden ja nach wie vor Nachrichten geboten, werden ja nach wie vor Informationen verkauft in anderen sogenannten oder tatsächlichen journalistischen Formaten. Und wenn ich auch dort keine einzigen Informationen mehr Glauben schenken kann, dann kann ich irgendwann auch dem Fernsehen an sich nicht mehr glauben."
Diese Doku-Soaps bringen die ganze Branche in Verruf. Übertriebene Inszenierung statt schlichter Beobachtung. Eigentlich schreibt das wahre Leben die besten Geschichten. Doch um diese vor die Kamera zu bekommen braucht man viel Geduld und Zeit. Beides haben die Sender offenbar nicht.

 

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Von Boulevardschlachten über Rosenkriege bis hin zu den Image-Kampagnen der Polit-Szene - ZAPP blickt hinter die Kulissen der Medienwelt.

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Zwei Personen auf einem Sofa vor einer "Fernsehwand" © NDR
 

Die Opfer einer Doku-Soap

16.12.2009 | 23:35 Uhr

Je mehr es kracht, um so besser. So funktioniert die RTL2-Serie "Frauentausch". Zwei Opfer packen nun aus und berichten von entwürdigenden und peinlichen Dreharbeiten und Regieanweisungen. mehr

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Beitrag bei Spiegel-Online vom 19.10.2009.

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Informationen zum Buch des Journalisten Alexander Kissler.

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