Sendedatum: 14.09.2011 23:20 Uhr  | Archiv

Gegen das System - Microblogger in China

Das ist Michael Anti. Einer der meistgelesenen Blogger in China. Vergangene Woche wurde er in Potsdam mit einem Medienpreis geehrt, für seinen Kampf um die Pressefreiheit und gegen Korruption. Anti bezeichnet sich selbst als Protestierer, daher sein Pseudonym. Seit Jahren twittert und bloggt er fast rund um die Uhr. Und veröffentlicht, was die Regierung in Peking mit aller Macht unter den Teppich kehren will.

Jemand schreibt auf einer Computertastatur © NDR

ZAPP

Ein Film von Christine Adelhardt.

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An der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Wenzhou erinnert an den schrecklichen Unfall vom 23. Juli kaum noch etwas. Dies ist die Geschichte eines Zugunglücks und die Geschichte von Zensur und Unterdrückung, von der Arroganz kommunistischer Kader, von chinesischen Bürgern, die ihr ausgeliefert sind, und es ist die Geschichte von der Macht des Internet. Blogger melden die Nachricht als Erste: Bahnunglück in Wenzhou. Zwei Hochgeschwindigkeitszüge sind ineinander gerast. Was war die Ursache? Der Kampf zwischen mutigen Bürgern und mächtigen Apparatschiks um die Wahrheit beginnt.       

Der Blogger Michael Anti erzählt: "Auch ich habe zu Wenzhou geschrieben. Meine Blogs wurden tausendfach weiter verbreitet. Der Unfall wurde zum Medienevent, mit millionenfachen Kommentaren. Ein Wendepunkt, der die Macht von Microblogseiten deutlich gemacht und bewiesen hat, dass das Internet einen enormen Einfluss auf gesellschaftliche Ereignisse hat." (deutsche Übersetzung)

Die offizielle Version: Es war ein tragischer Unfall, die Ursache Blitzschlag, 40 Tote, 200 Verletzte. Der Eisenbahnminister versichert: "Menschenleben retten ist unsere oberste Priorität"

Aber Online-Journalisten am Unfallort enthüllen: Schon wenige Stunden nach dem Unglück ergeht der Befehl: Rettungsaktion einstellen, Gleise frei machen, der Verkehr muss rollen. Vielleicht sind in einem der Waggons noch Opfer eingeklemmt. Wen kümmert es? Die Behörden anscheinend wenig, die Bürger sehr wohl. Blogger wie Michael Anti werden zu Meinungsmachern. Ein Handy-Video, ein Onlinekommentar reicht aus, um Millionen zu erreichen.         

Michael Anti: "In China gibt es geschätzt 200 Millionen Menschen, die Microblogs nutzen. Deutschland hat gerade einmal 80 Millionen Einwohner. Und wir reden von 200 Millionen Nutzern. Wenn so viele Menschen über ihre Mobiltelefone Kommentare absetzen, dann stellt sich für die Regierung natürlich die Frage, wie sie dies kontrollieren kann." (deutsche Übersetzung)

Diskussionen in Blogs

20 Stunden nach dem Unfall: eher per Zufall wird ein kleines Mädchen gefunden, lebend. Hunderttausende diskutieren nun in den Blogs über die lausige Rettungsaktion. Empörte Angehörige kommen zu Wort.

Angehöriger: "Die Regierung ist mir Antworten schuldig. Erst 30 Stunden danach haben sie mir gesagt, dass die Leichen meiner fünf Angehörigen gefunden wurden. Was haben sie denn die ganze Zeit gemacht?" (deutsche Übersetzung)

Rasch werden kritische Einträge von der Zensur gelöscht. Und das Propagandaministerium ordnet an: Kritische Berichte sind ab jetzt verboten. Doch das Internet lässt sich auch in China nicht so leicht zensieren. Die Blogger legen nach, stellen ein Video ins Netz, wie Waggons beiseite geschafft, zertrümmert und dann sogar vergraben werden. Ein Beobachter fragt, "was ist, wenn da noch Menschen drin sind?". Das fragen sich nicht nur die Schaulustigen vor Ort, sondern Millionen Leser im Internet wollen wissen: Werden so Beweise beiseite geschafft? Wie will man jetzt noch die Unfallursache klären?

Noch sind die Angehörigen der Opfer mutig. Vor dem Regierungsgebäude demonstrieren sie, geben Interviews, klagen an.  Ein Angehöriger fragt: "Egal, was wir fragen, wir bekommen keine Antworten und keine Hilfe."

Zensur der Behörden

Die Zensoren haben alle Hände voll zu tun, kritische Einträge zu löschen.

Michael Anti: "Die Kontrolle der Regierung über soziale Netzwerke ist noch nicht so perfekt wie die Zensur der traditionellen Medien. Und jetzt ist plötzlich klar geworden, dass soziale Netzwerke mehr Macht besitzen als herkömmlichen Medien. Ich glaube, dass die Regierung überdenkt, wie sie die Kontrolle des Internets verbessern kann." (deutsche Übersetzung)

Im staatlichen Fernsehen sind kritische Fragen verboten. Täglichen ergehen neue Direktiven für die Berichterstattung. Die Anweisung zum Zugunfall lautet: Nur noch positive Nachrichten erlaubt. Wie die, dass eine unabhängige Kommission angeblich die Ursache des Unfalls klären soll. Die Waggons werden wieder ausgegraben. Unabhängige Untersuchung? Daran glauben die wenigsten, denn das zuständige Eisenbahnministerium gilt den Bürgern in China als Staat im Staate. Seit Jahren wegen seiner Korruption bekannt. Fragen nicht erwünscht. Filmen verboten.

Michael Anti: "In den ersten fünf Tagen nach dem Unfall richtete sich alle Kritik gegen das Eisenbahnministerium und die Zentralregierung hat das zugelassen, weil man selbst dort der Meinung war, dass das Ministerium Fehler gemacht hat. Aber nach einiger Zeit wurde diese Kritik nicht mehr toleriert." (deutsche Übersetzung)

Am Tag sieben nach dem Unglück kommt Premierminister Wen Jiabao, verneigt sich vor der Unfallstelle, will der Kritik den Wind aus den Segeln nehmen. Im Internet erntet er dafür nur Spott. "Warum ist er nicht früher gekommen", fragen die Blogger.

Michael Anti: "In einem Land, in dem Rechtstaatlichkeit nicht garantiert ist, weiß man nie, gegen welches Gesetz man möglicherweise verstößt. Man muss es immer ausprobieren und man wird immer wieder an rote Linien stoßen." (deutsche Übersetzung)

Zugunglück Wenzhou. Blogger haben Millionen erreicht, Skandale enthüllt. Aber wie viel Kritik erlaubt ist, das entscheiden weiter die Funktionäre der Ein-Parteiendiktatur, und Blogger riskieren viel, wenn sie die rote Linie berühren.

Viele der Blogger haben diese Linie übrigens bereits überschritten und ihren Job verloren. Und umso wichtiger, dass sie hier bei uns im Westen wahrgenommen werden und sich so wie Michael Anti einen Namen machen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.09.2011 | 23:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/china367.html