Sendedatum: 26.05.2010 23:05 Uhr  | Archiv

Vertuscht, überfordert: Die Ölkatastrophe und BP

von Sine Wiegers, Mareike Fuchs

Seit Wochen kämpft BP ja gegen die schwarze Pest im Golf von Mexiko. Kein Tag, an dem der Konzern nicht versucht, die Krise medienwirksam in den Griff zu kriegen. Auch jetzt wieder. Schweren Matsch und Zement will BP nun in das Bohrloch schießen. "Top Kill" nannte der Konzern diese Aktion. Als handele es sich um einen Hollywoodstreifen. BP wollte das Schlamm-Bombardement sogar live im Internet übertragen und verkauft dies als Transparenz. Glaubwürdiger macht es den Konzern allerdings nicht. Zapp über den Versuch des Konzerns, den Kampf gegen die Katastrophe als Sieg zu verkaufen.

 

Arbeiter säubern einen Strand in Louisiana. © Strand: picture alliance / Photoshot, Fahne: Franz-Peter Tschauner  picture-alliance/ dpa Fotograf: Strand: picture alliance / Photoshot, Fahne: Franz-Peter Tschauner  picture-alliance/ dpa

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Jetzt ist die Ölkatastrophe in ihrem ganzen Ausmaß nicht mehr zu übersehen. Anna Marohn, Redakteurin der "Zeit", meint: "Wenn man das sieht und dieses Leid und das Elend so direkt serviert bekommt, dann erreicht das einfach noch mal einen ganz anderen Level."Und Markus Becker, Ressortleiter Wissenschaft bei "Spiegel-Online", sagt: "Weg von einer abstrakten Gefahr, die weit draußen auf dem Meer treibt, größtenteils sogar unter der Oberfläche und nicht zu sehen ist, hin zu der massiven Umweltkatastrophe, die wir jetzt anfangen zu sehen."

Und deshalb muss auch er sich zeigen, BP Chef Tony Hayward, hemdsärmelig und medienwirksam präsentiert er sich am Ort der Katastrophe und sagt in einem Fernsehbeitrag, "Wir werden jeden Tropfen Öl entfernen". Klaus Scherer, USA-Korrespondent der ARD, erklärt: "Was sie versucht haben, ist natürlich, das Bild zu vermitteln, 'Hey wir sind da, wir machen, was wir können. Wir werden, und das hört man natürlich gerne jetzt wieder, wir werden jeden Tropfen Öl aufwischen'. Jeder weiß mit ein bisschen Nachdenken, das wird nicht gehen."

Medienwirksame Aktionen

 

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Denn gebracht haben die Rettungsaktionen von BP bisher wenig, außer starken Bildern. Zuerst verbrannte BP das austretende Öl: Spektakulär, wenig effizient. Ebenso eindrucksvoll: Die Versuche das Leck mit einer Stahlglocke zu umschließen. Markus Becker: "Die Journalisten am Golf von Mexiko treten sich gegenseitig auf die Füße, jeder giert nach Bildern und wenn natürlich da eine 100 Tonnen schwere Stahlkuppel mit großem Tamtam hinab ins Meer gelassen wird und gesagt wird, das ist die große Hoffnung, das beendet die Katastrophe, natürlich ist das hochgradig medienwirksam."

Die Medien machen die Katastrophe zum wissenschaftlichen Abenteuer mit effektvollen Grafiken. Und BP liefert engagierte Protagonisten: Helfer, die gefilmt werden dürfen, nur sagen sollen sie nichts. So meint ein BP-Helfer in einem Fernsehbeitrag: "Ich kann nichts sagen zum Thema Öl, nichts."

Nicht alles gibt BP sofort preis

BP hingegen sagt viel, startet schon wenige Tage nach dem Unglück die Informationsoffensive im Netz. Anna Marohn: “Man hat ja über Facebook, über Twitter, über alle möglichen Kanäle Informationen rausgegeben und das sah am Anfang, würde ich sagen, noch ganz gut aus, rein aus der kommunikativen Perspektive." Markus Becker: "Die haben auf der Website, die sie einst eingerichtet haben, minutiös aufgelistet, was alles passiert, täglich aktualisiert, mehrmals täglich aktualisiert. Man hat eigentlich eher schon den Eindruck, dass es schon fast zu viele Informationen sind, dass man es so genau gar nicht wissen will. Und das ist natürlich ein Eindruck, den BP möglicherweise bezweckt."

 

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Denn es gibt Informationen, die BP nicht so bereitwillig herausgibt. Zum Beispiel, wie viel Öl hier wirklich jeden Tag ins Meer sprudelt. Markus Becker: "BP hat anfangs den täglichen Ölausfluss mit 1.000 Barrel pro Tag beziffert, das klang erst nach relativ wenig. Dann dauerte es Tage, bis die Schätzungen nach oben korrigiert wurden - auf 5.000 Barrel. Inzwischen rangieren die Schätzungen zwischen 1.000 und 100.000." Informationen herunterspielen oder gleich verhindern: Bilder vom Leck veröffentlichte BP erst auf Druck der Politik. Anna Marohn: "Sie wissen eben auch, dass solche Bilder nicht gut ankommen, und haben sie deshalb erst mal versucht, under cover zu halten. Aber wenn so etwas dann eben hinterher rauskommt, dann ist es vollkommen ums Image geschehen."

Nicht immer geht die Strategie auf

Auch die Chemikalie Corexit vermiest BP das Image. Großflächig will BP damit das Öl zersetzen, obwohl Wissenschaftler das Mittel für umwelt- und gesundheitsschädlich halten. Kritik, die der Konzern belächelt: So meint der BP Geschäftsführer Bob Dudley in einem CNN-Interview: "Es wirkt im Prinzip wie ein Spülmittel, es ist nicht giftig und biologisch abbaubar” (20.05.2010). Vor allem hat es für BP den entscheidenden Vorteil: Es lässt das Öl absinken, unter die Meeresoberfläche. Klaus Scherer: "Es gibt die These, das wird auch in amerikanischen Medien vorgeworfen, BP hat das Öl bewusst mit Chemikalien unter Wasser versucht zu binden, dass es nicht da ankommt, wo die Konzentration von Journalisten am höchsten ist."

Denn die Journalisten sind gefährlich fürs Image, decken beispielsweise auf, dass nur ein provisorisches Ventil auf der Ölleitung saß und BP davon vermutlich wusste.

Täglich ziehen die Medien neue Ungereimtheiten an die Oberfläche

Klaus Scherer: "Wir haben Leute getroffen von BP, ohne Kamera, die sagten: Hier gilt der CYA-Modus - cover your ass. Bedeck dich, da kommt noch viel rauf, achte drauf, dass es dich nicht erwischt, sondern erst mal andere oder möglichst lange nicht. Da ist noch einiges im Dunkeln."

Dabei wirbt gerade BP mit seiner Aufklärung. In großen Anzeigen lobt sich der Konzern für seine Offenheit, etwa mit dem Titel: "Was wir tun. Wie Sie noch mehr Informationen bekommen." Anna Marohn: "Die haben ja Pläne in der Schublade, wie sie in solchen Fällen kommunizieren. Und da wird auch drin gestanden haben, wir betonen immer, dass wir sehr transparent sind. Und ich glaub nicht, dass da immer drin gestanden hat, wir sind auch sehr transparent. Das ist schon ein Unterschied."

Wie viel Dreck sie verursacht haben und wie groß die Katastrophe ist, haben sie von Anfang an unterschätzt. Für das eigene Image hatte BP einen Rettungsplan, für die Umwelt nicht.

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 26.05.2010 | 23:05 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/bp114.html