Stand: 08.01.2016 13:55 Uhr

Jetzt aktualisieren: So nervt Onlinejournalismus

Bild vergrößern
Zum Ausflippen: Online-Medien, die keine inaktiven Nutzer dulden.

Werbebanner, die sich unaufgefordert über den eigentlichen Inhalt einer Internet-Seite legen und das Kreuzchen zum Wegklicken möglichst gut verstecken: Pop-Up-Banner sind quasi seit ihrer Einführung die anerkannt größte Pest der Online-Werbung. Für viele Nutzer sind sie ein Grund dafür, mit installiertem Werbe-Blocker zu surfen - und damit auch alle anderen Anzeigen auszublenden, mit deren Erlösen die Online-Medien ihre Inhalte finanzieren. Auch die meisten Onlinejournalisten finden die penetrante Werbeform Pop-Up mindestens unschön. Wer schlau ist und seine Leser nicht vergraulen will, folgt dem Rat der Usability-Experten und verzichtet auf plötzlich aufploppende Werbung. Schließlich soll der Nutzer selbst entscheiden, wohin er navigieren will.

Trotzdem setzen meiner Beobachtung nach seit einiger Zeit auch Online-Redaktionen selbst solche Pop-Ups ein - nicht im Kundenauftrag, sondern als Marketingmaßnahme in eigener Sache. Wenn das eine Bezahlaufforderung bei kostenpflichtigen Artikeln oder ein Spendenaufruf wie zum Beispiel bei der "taz" oder beim "Neues Deutschland" ist - ehrlich, verständlich und (zähneknirschend) zu akzeptieren.

Der Fluch der Inaktivität

Bild vergrößern
3,3 Minuten Ruhe duldet der "Stern" - dann versucht die Website den Nutzern, andere Artikel schmackhaft zu machen.

Wirklich nervig finde ich als Dauer-Surfer etwas anderes: Begegne ich im Netz einem interessanten Link, öffne ich diesen oft in einem neuem Browser-Tab oder Fenster, um mich damit nachher in Ruhe zu befassen. Oder ich lasse einen Artikel nach dem Lesen geöffnet, um später noch etwas nachzuschauen. Während der Artikel brav auf mich warten soll, setzt sich allerdings allerdings ein unheilvoller Mechanismus in Gang. Der zählt die Millisekunden, in denen ich in den Mauszeiger im Fenster nicht bewegt habe. Ist eine bestimmte Zeit vergangen, bekomme ich ein Pop-Up eingeblendet, das je nach Website und Programmierern  "Inactivity layer", "inactity note" oder "timedout article" heißt.

Beim "Stern" sind es 3,3 Minuten: "Wir haben Neues für Sie! Möchten Sie die aktuelle Startseite aufrufen?" heißt es dann. Ich möchte nicht, aber wenn ich mich verklicke, weil der Knopf "Weiterlesen" unscheinbar grau und "Zur Startseite" schön rot ist, ist mein ursprünglicher Artikel erst einmal weg. Bei der "Huffington Post Deutschland heißt die nervige Frage "Jetzt aktualisieren?" Vergleichsweise dezent macht es die "Süddeutsche": Dort beginnt zunächst der "Newsnotification Counter" zu zählen und mit einer kleinen roten Zahl im Hauptmenü anzuzeigen, wie viele neue Artikel auf der Startseite des Angebots hinzugekommen sind, während ich mich weiter mit einem armseligen Artikel begnüge. Endlos Geduld hat mir hat die "SZ" aber auch nicht: Irgendwann droht auch ein Pop-Up, das hier "update box" genannt wird.

Was untätige Nutzer zu hören bekommen

Bei Bild.de gestattet die Online-Redaktion mir zehn Minuten Wartezeit - und bietet anders als andere immerhin die Option an, dass mir der Inaktivitätshinweis künftig nicht mehr angezeigt wird.

Nein, ich will immer noch kein Fan werden

Bei "Focus Online" muss ich nach einer Weile Untätigkeit bestätigen, dass ich zur Artikelseite zurückkehren will - im Hintergrund wurde schon die Startseite des Angebots geladen und wird mit einem roten Knopf als Vorauswahl angeboten. Und das ist nicht der einzige Trick der Redaktion: Wenn ich aus der Google-Suche auf einen "Focus"-Artikel klicke, bekomme ich dort zunächst automatisch ein schönes Pop-Up mit der Auswahl "Aktuell auf unserer Homepage" vorgesetzt anstelle des eigentlich erhofften Artikels. "BounceGate" heißt das bei den Programmierern der Seite.

Ein Like-Gate haben sie bei "Focus" sich auch einfallen lassen: Bevor ich einen Artikel lesen kann, muss ich zum hundertsten oder tausendsten Mal bestätigen, dass ich wirklich nicht Fan der Facebook-Seite irgendeines "Focus Online"-Ressorts werden will. Ähnlich gern belästigt mich das Technik-Magazin "T3N" mit einem Hinweis auf ihren Newsletter, vor ich einen Beitrag lesen kann.

Auch Wegklicken zählt in der Statistik

Die Motivation hinter all dem ist verständlich: Die Online-Redaktionen müssen um jeden Leser kämpfen und nutzten jede Chance, um ihre Inhalte anzupreisen und hoffen, ihr Publikum an sich zu binden - vor allem Gelegenheitsleser, die über Facebook oder Google auf ihre Seite kommen und im Regelfall danach sofort wieder weg sind. Und natürlich ist jedes Wegklicken eines Banners auch ein Klick für die Zugriffsstatistik.

Als Nutzer ist mir das aber schon ein Klick zu viel. Auch wenn ich weiß, dass mein Browser eine "Zurück"-Funktion hat: Ich fühle mich bevormundet und belästigt. Das ist das Gegenteil von Nutzerbindung. Also, wenn gewissen Online-Redaktionen noch ein guter Vorsatz für 2016 fehlt: Bitte jetzt schnell die Website-Programmierung aktualisieren und solche Nerv-Funktionen abschaffen!

mit Video

Populistische Töne im "SocialWeb"

Mit populistischen Tönen können Medien in Krisenzeiten viel Erfolg in sozialen Netzwerken haben. Doch die Strategie könnte sich als kurzsichtig erweisen. mehr