Stand: 17.11.2015 11:00 Uhr

Wissenschaft im Tagesgeschäft: Print schlägt TV

von Melanie Stein
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Regelmäßig sind Wissensthemen die Aufmacher beim "Spiegel", "Focus" oder dem "Stern".

Print- und Onlinemedien punkten mit Wissenschaftsthemen im aktuellen Tagesgeschäft. Im TV wird dieser Bereich oft in Fachmagazinen versteckt - und selbst da wird zum Teil gekürzt. Grund für eine Debatte auf der Fachtagung "Wissenswerte" in Bremen.

Was führt Menschen dazu, blutige Terror-Anschläge zu begehen? Weshalb sind die durch Dieselmotoren freigesetzten Stickoxide so schädlich? Und warum könnte Wurst krebserregend wirken? Psychologie, Physik, Chemie - Wissenschaft steckt in vielen tagesaktuellen Themen. Doch nicht in allen Medien kommt die Wissenschaft in der Nachrichtenberichterstattung gleichermaßen vor.

Print und Online haben die Nase vorn

Auf einem Panel der Fachkonferenz "Wissenswerte" (#ww15) in Bremen diskutierte Holger Wormer von der TU Dortmund mit Wissenschafts-Redakteuren aus den Bereichen TV, Print und Online über die Zukunftsfähigkeit der Branche. Laut Wormer seien 40 Prozent der Titelgeschichten des Magazins "Focus" Wissenschaftsthemen. Auch die "Süddeutsche Zeitung", "Der Spiegel", das Magazin "Stern" und andere Print- und Online-Produkte würden Wissenschaft prominent platzieren. "Was ist das Geheimnis? Sind Chefredakteure schlauer als Intendanten", wollte Prof. Wormer von Andreas Sentker, dem Ressortleiter für Wissenschaft bei "Die Zeit" wissen. "Man muss es offensiv angehen, man muss in den Wettbewerb reingehen, in den Wettbewerb mit den Leuten, die immer die Leitartikelschreiber sind", entgegnete Sentker.

Wissenschaftsthemen haben's schwer, in die TV-Nachrichten zu kommen

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Müssen Wissenschaftsthemen auch in Nachrichtensendungen wie der "Tagesschau" vorkommen oder reicht die Fläche? Darüber gab es unterschiedliche Meinungen.

Was für Wochenzeitungen wie "Die Zeit" mittlerweile zur Routine gehört, scheint innerhalb der ARD, nun ja, etwas komplizierter zu sein. In den Landesrundfunkanstalten schreiben Aktuell-Redaktionen Angebote für Sendungen wie das ARD-Morgenmagazin, die Tagesschau oder die Tagesthemen. Diese ARD-Zulieferungen sind im Bereich Politik und Zeitgeschehen angesiedelt, zu denen die Wissenschaftsredaktionen nicht gehören. Prinzipiell hat jede Redaktion die Möglichkeit, Angebote einzureichen. Wegen der Vielzahl von Themen muss jedoch damit gerechnet werden, dass die Mehrheit der Angebote abgelehnt wird. "Wir haben uns oft davor gescheut, uns in dieses Haifischbecken hineinzubegeben", sagte Helmut Riedl, Leiter des Ressorts Wissenschaft beim SWR. "Diese Architektur ist nicht geeignet, um ein Kleinressort wie Wissenschaft mit ihren Angeboten relevant zu machten", meinte sein Kollege vom WDR, Thomas Hallet zu den Abläufen innerhalb der ARD. "Der Verschleiß, in den wir uns da reinbegeben würden, der wäre gerade in der heutigen Zeit überhaupt nicht zu leisten."

Sparmaßnahmen beim WDR betreffen auch die Wissenschaft

Thomas Hallet musste als Leiter des Ressorts Wissenschaft beim WDR Fernsehen kürzlich unangenehme Entscheidungen umsetzen. Die Sendung "Kopfball" wurde eingestellt. Das Budget für die Sendung "nano", an der sich der WDR in diesem Jahr laut Hallet mit 250.000 Euro beteiligte, beläuft sich im kommenden Jahr auf weniger als die Hälfte. Über einen kompletten Ausstieg des WDR im Jahr 2017 wird laut nachgedacht. Hallet wolle sich mit dem noch zur Verfügung stehende Geld auf die Kernmarken "Quarks & Co" und "W wie Wissen" konzentrieren. Für Helmut Riedl, dem Leiter von "nano", ein schwerer Verlust: "Wir waren geschockt, als wir von der Nachricht erfuhren." Der WDR hatte sich vor allem mit aktuellen Stücken an dem täglichen Wissensformat auf 3Sat beteiligt. Der Austritt der Landesrundfunkanstalt stellt also einen weiteren Einschnitt für die Aktuell-Berichterstattung im Bereich Wissenschaft dar.

Sorge um die Wissenschaft von allen Seiten

In einem offenen Brief an den WDR-Intendanten Tom Buhrow hatten sich nach Ankündigung der Sparauflagen über 30 Vertreter verschiedener Bereiche gegen die Pläne beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gewandt. Thomas Hallet vom WDR verteidigte auf der "Wissenswerte" die Maßnahmen dahingehend, dass die Einschnitte alle Sparten beträfen, nicht allein das Ressort Wissenschaft: "Nach dem Rasenmäherprinzip grosso modo vier Prozent", erklärte er. Immerhin will sich jetzt der Hessische Rundfunk an "nano" beteiligen. Laut Helmut Riedl (SWR) könne der HR zwar nicht die Leistung des WDR ersetzen, allerdings freue man sich über den Zusammenhalt der Wissenschaftscommunity. Auch das ZDF, das in der tagesaktuellen Berichterstattung häufiger Wissenschaftsthemen aufgreift, beteiligt sich nach wie vor mit Beiträgen an "nano".

"Wenn wir in der Tagesschau nicht stattfinden, gibt es uns - hart gesprochen - nicht"

Fast alle Diskussionsteilnehmer des Panels waren sich einig: Die Relevanz von Wissenschaftsjournalismus muss über die Präsenz in Nachrichtenformaten gestärkt werden. Lediglich Thomas Hallet blieb in seiner Haltung standhaft, Relevanz ergebe sich über das Angebot in der Fläche. "Man muss beides haben - die Diskussion hat das ein bisschen vernachlässigt. Es ist nicht entweder oder", reagierte Martin Schneider, Vorstand der Wissenschaftspressekonferenz WPK, auf die Diskussionsrunde. Die ARD brauche sowohl Wissensmagazine als auch Wissenschaftsbeiträge in den Nachrichtensendungen. Aktuell fehlen den Wissenschaftsredaktionen jedoch die Kapazitäten für die Schlacht im Nachrichtengeschäft. Für Helmut Riedl ("nano") ein gravierender Nachteil: "Wenn wir in der Tagesschau nicht stattfinden, gibt es uns - hart gesprochen - nicht". Doch er hatte eine Idee, wie es funktionieren könnte: "Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann in Hamburg bei der Tagesschau jemanden zu haben, der sich bewusst um Wissenschaft kümmert und die Wissenschaftsredakteure innerhalb der ARD koordiniert."

Ob sich dieser Wunsch eines Tages erfüllt, bleibt abzuwarten. Solange behalten Print und Online die Nase vorn, wenn es um Wissenschaft im Tagesgeschehen geht.

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