Stand: 08.11.2016 15:00 Uhr

Unverschleiert

von Annette Leiterer
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Annette Leiterer, Redaktionsleiterin von ZAPP.

Wenn etwas gut ist an dieser hysterischen Zeit, dann dass wieder mehr diskutiert wird. Es zeigt sich, wo wer Grenzen sieht und zieht. Eine Frau, eine Konvertitin, die vollverschleiert am Sonntagabend bei "ANNE WILL" sitzt, geht offenbar für viele über ihre Grenzen hinaus. In den Medien, in den sozialen Netzwerken und in den Büros und Kantinen liefern sich Befürworter und Gegner einen Schlagabtausch.

Ein Argument der Gegner leuchtet ein: In unserer Kultur ist es üblich, sich bei Diskussionen ins Gesicht zu sehen, die Mimik des anderen wahrnehmen zu können. Das Gespräch wird sonst ungleich, eine Asymmetrie sichtbar. Aber alle an diesem Sonntag an der Diskussion Beteiligten wussten vorher, dass dort eine junge Konvertitin vollverschleiert sitzen wird. Denn es ging ja um die Frage, warum sich immer mehr junge Menschen radikalisieren. Der Islamismus als politisch extreme Richtung, nicht repräsentativ für eine Religion, war Thema der Sendung.

Vollverschleierung ist nicht verboten

Eine Konvertitin zu befragen, deren Werdegang eine Radikalisierung dokumentiert, ist der richtige Ansatz. Nicht immer nur über, sondern mit einer Betroffenen zu sprechen, passiert ohnehin viel zu selten. Auch die Gesprächspartner waren so ausgewählt, dass die Äußerungen von Nora Illi deutlich hinterfragt oder gleich als Propaganda eingeordnet wurden. Und: Vollverschleierung in der Öffentlichkeit ist nicht verboten.

Zu Recht darf in Kommentaren gefragt werden, ob auch eine junge Rechtsradikale einen Sitzplatz bei "ANNE WILL" bekommen hätte. Wer so fragt, provoziert ein Nein. Aber auch wenn die Redaktion der Frage nachgegangen wäre, wie junge Menschen ins rechtsextreme Milieu abrutschen, wäre es richtig gewesen, mit einem Betroffenen zu sprechen. Auch dies im Kontext mit Gesprächspartnern und einer Moderatorin, die genügend Kenntnisse und Argumente parat haben, um dem zu begegnen.

Andere Meinungen müssen gehört werden

Es bereitet Sorge, wenn der Auftritt einer vollverschleierten Frau im Ersten Deutschen Fernsehen am Sonntag als Affront aufgefasst wird, als Angriff auf unsere freiheitliche Gesellschaft. Denn es zeigt, dass die Angst davor, dass WIR uns anderen Regeln unterwerfen müssen, sich eingenistet hat. Aber gerade dieser Angst lässt sich gut begegnen mit der direkten Diskussion.

Im Verlauf der Sendung sagte Anne Will: "Es gehört zu unserem Werteverständnis, dass wir uns mit anderen Meinungen auseinandersetzen." Dieses WIR erscheint angesichts einiger Reaktionen brüchiger als noch vor ein paar Jahren. Das zeigt sich nun ganz unverschleiert.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 09.11.2016 | 23:20 Uhr

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