Stand: 13.05.2015 14:30 Uhr

"Bild" und "Spiegel" kuscheln als erste mit Facebook

Kürzlich machte Google europäischen Verlagen ein millionenschweres Kooperationsangebot - jetzt kündigt Konkurrent Facebook eine eigene Partnerschaft mit Medien an: Statt wie bisher Links auf ihre eigenen Webangebote zu posten, sollen die Redaktionen ausgewählte Artikel mit Texten und Fotos direkt auf Facebooks Seiten einstellen. "Instant Articles" heißt die Funktion, die weitreichende Folgen haben könnte.

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"Instant Articles"-Artikel: Sieht aus wie "National Geographic", ist "National Geographic", liegt aber bei Facebook.

In der Testphase sind neun ausgewählte namhafte internationale Zeitungen und Zeitschriften dabei: die "New York Times", "National Geographic", "The Guardian", "The Atlantic", NBC News, BBC News, die Viral-Website BuzzFeed sowie aus Deutschland "Bild" und "Spiegel Online". Sie produzieren ausgewählte Artikel für das neue Format innerhalb von Facebook. Die "Instant Articles" bekommen zunächst nur Nutzer der Facebook-iPhone-App zu Gesicht (Android wird dann sicher schnell folgen).

Immer an die Mobil-Leser denken

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Facebook-Pressemeldung

Eine Win-Win-Funktion: So sieht das soziale Netzwerk die Zusammenarbeit. extern

Denn Facebook preist an seiner neue Funktion vor allem die Vorteile für die rasant steigende Zahl derer, die das soziale Netzwerk (und damit potenziell auch dort beworbene Verlagsinhalte) über Mobilgeräte nutzen. Die qualvollen Sekunden des Wartens, bis sich auf Facebook ein von einem Freund empfohlener Link auf einen Artikel auf einer Zeitungswebsite öffnen würde, seien damit vorbei. "Instant Articles" liegen auf Facebook-Servern und öffnen sich schneller. Obendrein werde der Nutzer nicht durch einen verwirrenden Ortswechsel im Netz gestört, auch wenn gleichzeitig eine Version auf der Internetseite der Zeitung existieren kann, wie es zum Beispiel die "New York Times" derzeit handhabt.

Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann?

Aus Sicht des Nutzers klingt das erst mal alles prima. Und die Verlage profitieren davon, dass ihre "Instant Articles" mehr gelesen werden - so Facebooks Versprechen. Allerdings bleiben die Nutzer dabei faktisch im blauen Facebook-Universum - und landen nicht auf den eigenen Internetseiten der Verlage, wo diese versuchen, mit Online-Werbung oder Bezahlmodellen ihr Geld zu verdienen. Weil gestiegene Aufmerksamkeit nicht alles ist, macht Facebook den Medien deshalb ein großzügiges Angebot: Sie dürfen auch auf Facebook im Umfeld ihrer "Instant Articles" selbst Werbeplätze verkaufen und müssen vom Erlös nichts abgeben. Überlassen sie Facebook den Werbeverkauf, gibt's immerhin noch 70 Prozent der Erlöse - eine vergleichsweise großzügige Marge, vergleicht man sie beispielsweise mit der Vergütung für Musiklabels auf iTunes oder Spotify. Laut "Bild" soll außerdem gemeinsam über ein Bezahlmodell für journalistische Inhalte auf Facebook nachgedacht werden.

Trotzdem bleibt die Frage, ob letztlich nicht vor allem Facebook profitiert - durch kostenlose Inhalte, die die Nutzer länger auf den Seiten des sozialen Netzwerks halten, das schon jetzt für manche User fast gleichbedeutend mit dem Internet ist. Den teilnehmenden Medien ist das bewusst: "Facebook tightens its grip on news" schreibt ausgerechnet BBC News - die selbst mit dabei sind. "Bild" betont in seiner Pressemitteilung deshalb beispielsweise, dass man "Instant Articles" nur mit ausgewählten Artikeln ausprobiere und die Rechte an den eigenen Texten und Bildern selbstverständlich nicht an Facebook übertrage. Wie "Bild" verkündet auch "Spiegel Online", man freue sich darüber, "experimentieren und gemeinsam lernen zu können". Das klingt zwar etwas pathetisch - aber natürlich ist es gut, dass die Medienhäuser sich dem technischen Wandel nicht verschließen, nach neuen Wegen auf dem Weg zum Leser suchen und statt Bunker-Mentalität Offenheit demonstrieren.

Der Hausherr hat die Macht

Ob das am Ende der Experimentierphase auch einen möglichen Ausstieg vorsieht? Zwar gab es in der Vergangenheit auch Beispiele für weniger erfolgreiche Versuche von Facebook, Inhalte attraktiver zu präsentieren - ein Scheitern der "Instant Articles" ist also nicht ausgeschlossen: Wenn etwa die Nutzer in der Praxis keine Vorteile für sich spüren können oder die Gesamtheit der Verlage die Anpassung ihrer Inhalte für das neue Format zu umständlich findet. Ein Erfolg der neuen Funktion erscheint mir aber derzeit wahrscheinlicher. Dann werden sich die kleineren Medienhäuser nicht lange Facebooks Lock-Angebot entziehen können, wenn die großen bereits dort sind.

Bereits heute kann das soziale Netzwerk Wohl und Wehe der Verlagsseiten beeinflussen, wenn es mit einer kleinen Veränderung seines Newsfeed-Algorithmus steuert, was Mitglieder innerhalb von Facebook angezeigt bekommen. Mit "Instant Articles" könnte Mark Zuckerberg seinen Gästen aus den Verlagen künftig noch stärker die Bedingungen diktieren - denn letztlich sitzt er am längeren Hebel. Und wenn sich ein Verlag dann aus Facebook verabschieden möchte, wären auf jeden Fall genügend andere da, die bleiben - das kennen wir vom Konflikt der Verlage mit Google.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 13.05.2015 | 23:20 Uhr

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