Stand: 17.02.2016 15:30 Uhr

Auf der Netz-Spur der "Lügenpresse"

"Lügenpresse": Immer wieder bekommen Journalisten diesen Vorwurf zu hören - auf der Straße und vor allem im Netz. Lässt sich die Karriere des Begriffs online nachvollziehen? Versuch einer Spurensuche.

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Ausgangsfrage: Lässt sich im Netz der Aufstieg des Kampfbegriffs "Lügenpresse" nachvollziehen?

Am Anfang meiner Spurensuche zur Geschichte des Begriffs Lügenpresse steht eine Grafik: Blogger Christian Buggisch hat schon 2014 mit Hilfe der Google-Buch-Suche gezeigt, dass der Terminus kein neuer ist. In den von Google ausgewerteten Buchtexten tauchte er besonders im frühen 20. Jahrhundert auf - der " Zeit völkischer und nationalsozialistischer Ideologie", wie Buggisch schreibt.

Und in der Debatte um die Arbeitsweise und Glaubwürdigkeit des deutschen Journalismus, der die Zunft im Moment fast mehr beschäftigt als die digitalen Herausforderungen? Das wollte ich herausfinden. Leider ist das nicht so einfach.

  • Lügenpresse: Eine kleine Begriffsgeschichte

    Der Begriff "Lügenpresse" taucht erstmals im Umfeld der Märzrevolution von 1848 im deutschen Sprachraum auf. Insbesondere konservative Kreise, die sich gegen die bürgerlich-demokratische Bewegung wandten, sprachen in der Folge zum Beispiel von der "jüdischen Lügenpresse". Der Begriff hatte damit schon bei seiner Verbreitung antidemokratische und antisemitische Konnotationen.
    Im Zuge des Ersten Weltkrieges wurde er dann zunehmend benutzt, um ausländische Presseerzeugnisse zu diskreditieren. So lautete ein sehr erfolgreicher Buchtitel von 1914 beispielsweise: "Der Lügenfeldzug unserer Feinde. Die Lügenpresse mit einer Gegenüberstellung deutscher, französischer und russischer Nachrichten". "Lügenpresse" waren in diesem Sinne all diejenigen, die keine explizit deutschnationale Position vertraten.

  • Hitler, Goebbels und Rosenberg benutzten das Wort

    Der Begriff blieb in der nationalen und völkischen Bewegung virulent und wurde auch von den Nationalsozialisten früh verwendet: Adolf Hitler benutzte ihn 1922, der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg in seinem Grundsatzprogramm 1923 und der spätere Propagandaminister Joseph Goebbels wiederholt in seinen Tagebüchern.
    Goebbels bevorzugte jedoch den Begriff der "Journaille" (von frz.: Kanaille), der ursprünglich vom Wiener Journalisten und Medienkritiker Karl Kraus geprägt worden war. Kraus war allerdings keineswegs völkischer Nationalist, sondern entschiedener Gegner des Weltkriegs und der Nationalsozialisten. Trotzdem misstraute auch er der Presse zutiefst und schrieb Aphorismen wie: "Den Leuten ein X für ein U vormachen - wo ist die Zeitung, die diesen Druckfehler zugibt?"

  • "Lügenpresse" nach 1945

    Die Kraus’sche Medienkritik kann gewissermaßen als Brücke zu anderen politische Lagern als dem rechten gesehen werden, die zum Teil ebenfalls von der Lügenpresse sprachen. So findet sich der Begriff nach 1945 beispielsweise auch als Teil der DDR-Propaganda gegen die westliche Presse. Seinen Höhepunkt hatte er jedoch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

  • Dresdener Hooligans und Pegida

    Seit 2014 wird er nun erneut verstärkt vom rechten Rand des politischen Spektrums benutzt, um gegen die bundesdeutsche Medienlandschaft zu polemisieren. Am Wirksamsten in der öffentlichen Wahrnehmung war dabei sicher die Dresdener "Pegida"-Bewegung, wobei anzumerken ist, dass Fußballfans von Dynamo Dresden schon 2011 Transparente mit der Aufschrift "Lügenpresse" in Fraktur im Stadion hatten. Auch der Schlachtruf "Deutsche Presse - halt die Fresse" ist älter als Pegida.
    Der "Zeit"-Journalist Bernd Ulrich sieht in dieser lyrischen Verbindung im ZAPP-Interview einen Grund für die neue Konjunktur des Begriffs: "Eigentlich müsste es ja konsequenterweise Lügenmedien heißen, heißt es aber nicht, weil Presse sich auf Fresse reimt", so Ulrich. "Es ist ein hetzerischer Begriff, der die Menschen aufstacheln soll."

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Google Trends schlägt erst beim Unwort des Jahres aus

Ein Standard-Indikator für Themen-Popularität im Netz sind Googles Suchtrends. Beim Blick zurück auf den Herbst 2014, als sich in Dresden die ersten Pediga-Demos formierten, zeigt sich dort allerdings noch nichts. Erstmals ablesbar ist die Verwendung des Suchbegriffs für Google Trends Anfang Dezember 2014, als sich die Medien selbst mit der medienskeptischen bis -feindlichen Haltung der Demonstranten und Übergriffen auf Journalisten beschäftigten.  

Seinen absoluten Höhepunkt erreicht die Suche in der Woche vom 18. bis 25. Januar 2015 - kurz nachdem "Lügenpresse" von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Unwort des Jahres 2014 gekürt wurde.

Allerdings ist die von Google gemessene Zahl der Suchanfragen wahrscheinlich relativ gering, was sich im Vergleich mit anderen Suchbegriffen zeigt und daran, dass die Daten von Google kaum regional heruntergebrochen werden.

185.000 Treffer zur "Lügenpresse" erfasst

Aber ist Google Trends überhaupt das geeignete Messwerkzeug? Entscheidend ist ja nicht, nach was die Leute suchen, sondern worüber sie etwas im Internet schreiben. Aber das ist noch schwerer auszuwerten. Versucht habe ich es mit dem Marketing-Werkzeug Brandwatch, das News-Seiten, Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter, Blogs und andere öffentlichen Diskussionsforen im Internet nach Begriffen abscannt.

Rund 185.000 Treffer zum Stichwort "Lügenpresse" findet Brandwatch für den Zeitraum vom September 2014 bis einschließlich Januar 2016. Im Zeitverlauf sieht der Graph den Google Trends erstaunlich ähnlich: Kaum Ergebnisse für die Zeit vor Dezember 2014, der gewaltige "Unwort"-Ausschlag im Januar 2015, gefolgt von einem Wiederanstieg der Kurve im Herbst 2015 - und schließlich ein neues Hoch Anfang Januar 2016 aufgrund massiver Kritik an der verspäten Berichterstattung der Medien über die Silvester-Übergriffe von Köln. Hauptsächlich werden Erwähnungen bei Twitter und Facebook gefunden.

"Flüchtlinge" viel häufiger als "Lügenpresse"

Etliche hundert, zuweilen eine vierstellige Zahl an "Lügenpresse-"Treffern findet Brandwatch im Januar 2016 pro Tag (das Konkurrenzprodukt Talkwalker übrigens in einer ähnlichen Größenordnung).  Zum Vergleich: Das neutrale Stichwort "Flüchtlinge" kommt bei unserer Suche im gleichen Zeitraum auf mehr als 40.000 Erwähnungen pro Tag - sofern sie von Brandwatch erfasst wurden.

Und hier liegt die Crux: Die Suche bleibt lückenhaft, weil nicht klar ist, was wirklich alles erfasst wird. Ganz sicher nicht jede Website, auf keinen Fall jeder Facebook-Kommentar in einer geschlossenen Gruppe (zum Vergleich: Die normale Google-Suche meldet insgesamt rund 528.000 Treffer zur "Lügenpresse" - allerdings ohne die Eingrenzung auf Zeitraum und deutsche Sprache).  Dieses Problem hat, soweit mir bekannt, jedes Werkzeug.

Was lässt sich aus den Zahlen lesen?

Ganz abgesehen von der Frage der Quantität: Eine reine Zählung nach Häufigkeit bewertet einen tausendfach gelikten Post der Putin- und Verschwörungstheorien-unterstützenden Facebook-Seite "Anonymous Kollektiv" genauso wie Tweets von Medien-Journalisten wie Stefan Niggemeier oder Mario Sixtus, die die Debatte kritisch beleuchten. Und was ist mit Nutzer-Kommentaren, die den Lügenpresse-Vorwurf stützen, ohne das Wort in den Mund zu nehmen?

Vorsichtige Deutungen sind jedoch erlaubt:

  • Ein vielleicht erwartbares, über Monate kontinuierliches Anschwellen der Popularität in öffentlichen Äußerungen im Netz ist in diesen Stichproben nicht messbar.

  • Die Diskussion über den Lügenpresse-Vorwurf in den traditionellen Massenmedien, die ihrerseits neue bestätigende oder ablehnende Äußerungen hervorruft, sorgt für einen substanziellen Teil und die Spitzen der messbaren Erwähnungen.

  • Für Medien und Journalisten manifestiert sich in Nutzer-Kommentaren mit dem "Lügenpresse"-Vorwurf eine essentielle Herausforderung, mit der sie in Social-Media-Kanälen in bisher nicht gekanntem Maße konfrontiert sind. Rein quantitativ gibt es aber wahrscheinlich eine ganze Menge anderer Themen, die beim Normalbürger auf mehr Interesse stoßen.

Spannend bleibt, ob eine umfassendere Spurensuche und eine quantitative Analyse mehr Aufschluss geben könnten.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.02.2016 | 23:20 Uhr

mit Video

Zwischen Medienskepsis und "Lügenpresse"-Vorwürfe

17.02.2016 23:20 Uhr

Alles gelogen? Jenseits von Hetze und "Lügenpresse"-Rufen widmet sich ZAPP in dieser Sendung dem Vertrauensverlust in die Medien. Können Journalisten ihr Publikum zurückgewinnen? mehr