Stand: 27.09.2017 17:59 Uhr

Zehn Wochen im Sog der Filterblasen

von Tina Meier & Simone Nebelsieck

Zehn Wochen und mehr als 55.000 gelesene Facebook-Posts von 26 "alternativen" und klassischen Medien - das ist die zahlenmäßige Bilanz des Filter-ZAPPers. Die User bekamen durch das Projekt die Möglichkeit, Postings der verschiedenen Medien zu vergleichen und sich selber eine Meinung dazu zu bilden: Wie berichten die doch sehr unterschiedlichen Medien über aktuelle Themen?

Screenshot Filterzapper © NDR

Filter-ZAPPer: Blick in die Filterblasen

ZAPP -

Mit dem Filter-ZAPPer von ZAPP kann jeder sehen, über was und wie alternative und klassische Medien bei Facebook berichten. Ein Blick in die Filterblasen im Netz.

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Viel vom Gleichen

Wir haben in den vergangenen zehn Wochen täglich die Facebook-Posts gelesen und thematisch in die Filter-ZAPPer-Listen geordnet. Dabei bekamen wir einen guten Überblick, was Medien Tag für Tag im Facebook-Universum veröffentlichen. Es ist vor allem viel vom Gleichen - natürlich, schließlich geht es um Nachrichten. Ob ein Hubschrauberabsturz in Mali, ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs oder der Ausgang der Bundestagswahl - diese klassischen Nachrichtenthemen sind den meisten Medien mindestens ein Post wert. Je wichtiger die Redaktionen ein Thema einstufen, desto mehr Texte, Infografiken, Erklärvideos, Interviews etc. produzieren sie dazu. Und alles wird bei Facebook beworben und gepostet. Gerade bei aktuellen Ereignissen kann der Eindruck entstehen, dass die klassischen Medien alle "gleichgeschaltet" wären. Das gilt bis zu einem gewissen Grad allerdings auch für die großen alternativen Medien wie "Russia Today" oder "Epoch Times". Denn die Grundlage vieler Nachrichten sind Meldungen der Nachrichtenagenturen wie dpa oder Reuters, die von den meisten Medien genutzt werden.

Kurz, knapp und zugespitzt

Eines ist uns bei unserer Arbeit sehr schnell aufgefallen: Wenn wir nur die Facebook-Posts gelesen haben, standen wir häufig vor der Schwierigkeit, zu wenig Inhaltliches zu erfahren. Die Informationen der meisten ein- oder zweizeiligen Posts reichten nicht, um sie einem der Filter-ZAPPer-Themen zuzuordnen. Um was geht es eigentlich? Ist es etwas Aktuelles oder hat sich das schon vor längerer Zeit zugetragen? Handelt es sich um einen Vorfall in Deutschland oder im Ausland?

Häufig sind die Aussagen zugespitzt, machen neugierig oder empören gar. Das baut beim Leser eine Erwartung auf, die manche Geschichte dahinter kaum einhalten kann. Beispielsweise berichtete der "Focus" über eine tödliche Krankheit, die in Deutschland "keine Seltenheit" sei. Ein Symptom sei Husten. Erst wenn der User auf den Link klickte, erfuhr er, dass es um Keuchhusten ging, was das für eine Krankheit sei und jeder dagegen geimpft sein sollte.

Aufgefallen sind auch Facebook-Posts, die zwar nachrichtlich formuliert waren, aber noch einen emotionalen Spin hatten. Wie die "Epoch Times" in diesem Post über die Verhaftung eines verdächtigen Irakers am Ende noch hinzufügte: "Beginnende Territorial-Kämpfe?"

Allerdings findet sich in dem dahinterliegenden Artikel keinerlei Erklärung zu dieser Fragestellung. Ob diese Bezug nimmt auf die im Netz verbreitete Meinung, dass Deutschland angeblich von islamischen Invasoren übernommen werden soll, ist Spekulation.

Mitte September hat "Motherboard" eine interessante Datenrecherche zu Falschmeldungen gemacht, bei der die Facebook-Posts von acht deutschen Medienwebseiten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft wurden. Und ein Resumeé ist: Alle Nachrichtenseiten konkurrieren auf Facebook "mit all dem anderen Lärm im Feed". Das führe zu Zuspitzungen. Deswegen fordern die Autoren: "Redaktionelle Sorgfalt muss für Facebook-Posts genauso wie für Artikel gelten."

Bleibt etwas hängen?

Wenn man Tausende Facebook-Posts über Wochen hinweg liest und immer wieder von "Merkels Gästen", Anschlägen und Übergriffen hört, kann man sich dem schwer entziehen. Das müssen wir zugeben. Doch bis zum Ende versuchten wir kritisch zu bleiben. Und manche Schlagzeilen und Posts waren in unseren Augen so heftig, dass wir nachrecherchierten.

Zum Beispiel wurde im August in einem Artikel auf eine alte Meldung zu angeblichen Waffenlagern von Dschihadisten in Deutschland verwiesen. Dabei handelte es sich laut den Recherchen der "Frankfurter Rundschau" offenbar um eine Falschmeldung aus dem Jahr 2016, die deswegen nicht mehr im Netz ist.

Auch gab es manipulative Posts: So wurde ein Bild einer Politikerin gepostet, das den Anschein machte, der Text neben ihr sei ein Zitat. Die kleine Anmerkung "In den Gedanken von Gäring-Eckardt gestöbert von Uwe Ostertag" fällt in dieser Darstellung nur wenig ins Auge. Auch die Frage "Hat sie das echt gesagt oder Fakenews?" hilft wenig, den Post einzuordnen.

Doch der Ansatz vom Filter-ZAPPer war nicht, die Posts zu verifizieren oder zu kommentieren. Jeder User sollte seine Erfahrung damit machen. Denn wissenschaftliche Studien belegen, dass wir "eher Informationen suchen, die unseren Vorstellungen entsprechen", wie es Joachim Retzbach in "Spektrum der Wissenschaft" schreibt. Unerwünschte Informationen würden wir vermeiden. Der Filter-ZAPPer war die Gelegenheit sich damit auseinanderzusetzen.

Weitere Informationen
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Filter-ZAPPer: Filterblasen im Vergleich

Seit den US-Wahlen steht zur Debatte, inwiefern Facebook-Filterblasen Wahlentscheidungen beeinflussen. ZAPP bietet bis zur Bundestagswahl die Möglichkeit zum Selbstversuch. extern

mit Video

Buhl: Filter-ZAPPer "lohnenswertes Projekt"

20.09.2017 23:20 Uhr

Natascha Buhl forscht zum Thema "Alternative Medien" an der Universität Hamburg. Für den Filter-ZAPPer hatte sie erste Forschungsergebnisse bereitgestellt. Vom Projekt ist sie überzeugt. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.08.2017 | 23:20 Uhr