Stand: 31.05.2017 21:00 Uhr

Totschlag: Schüler von Zeitung zum Täter gemacht

von Tim Kukral

Eigentlich wollte David H.* nur seine Freunde nach einem Discobesuch nach Hause fahren - am frühen Morgen des Ostersonntags. Doch dann traf der 20-jährige Abiturient eine fatale Entscheidung: Statt sich direkt auf den Heimweg zu begeben, ließ er als Fahrer zwei der vier Mitinsassen des Autos vorher noch an einem Parkplatz aussteigen - so erzählt es David H. gegenüber ZAPP.

Durch einen Zeitungsfehler wurde David A. zum Mittäter in einem Tötungsdelikt. © NDR

Totschlag: Schüler zum Täter gemacht

ZAPP -

Aufgrund eines Fehlers in einer Lokalzeitung wird ein Flensburger Schüler zum Mittäter in einem Tötungsdelikt. Nun muss er sich vor den Freunden des Opfers verstecken.

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Ganz in der Nähe des Parkplatzes: ein Einfamilienhaus im Flensburger Stadtteil Klues, das in jener Osternacht zum Tatort wurde. Das Opfer: Mert Can A., 20 Jahre alt. Er wurde an der Tür seines Elternhauses erstochen. Zuvor hatte es einen Streit in einer Disco zwischen Mert Can A. und einem der Männer aus David H.'s Auto gegeben. Dringend tatverdächtig sind nun eben diese zwei jungen Männer, die vor und nach der Tat bei David H. im Auto saßen. Sie sitzen in Untersuchungshaft, gegen sie ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Totschlag.

Keine Ermittlungen wegen Tötungsdelikt gegen David H.

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Trauerbekundung für Mert Can A. an einer Brücke.

Auch gegen David H. wird ermittelt. Der Vorwurf: Beihilfe zur Köperverletzung. Denn Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass er damit rechnen musste, dass die beiden mutmaßlichen Täter gegenüber Mert Can A. gewalttätig werden würden. Einer der beiden war zuvor in einer Flensburger Diskothek mit Mert Can A. aneinandergeraten - während David H. mit seinen Freunden in Husum feierte.

Dass die beiden mutmaßlichen Täter ein Messer dabei hatten, wusste er nicht, sagt David H. gegenüber ZAPP. Die Staatsanwaltschaft glaubt seinen Aussagen. Sie bestätigt: Gegen David H. wird nicht wegen des Tötungsdelikts ermittelt. Dieser Vorwurf richtet sich nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen ausschließlich gegen die beiden Männer, die bereits in U-Haft sitzen.

Ein verhängnisvoller Fehler

Direkt nach der Tat geht David H. deshalb in die Offensive: "Viele dachten wahrscheinlich, ich steck da bei dem Totschlag mit drin. Deswegen hab ich auch den Kontakt gesucht zu den Freunden des Opfers. Ich wollte klarstellen: 'Jungs, ich hab damit nichts zu tun'", so David H. gegenüber ZAPP. Zunächst klappt das. Das Umfeld des Opfers glaubt ihm offenbar. Bis ein verhängnisvoller Zeitungsartikel erscheint.

Fast fünf Wochen nach der Tat druckt das "Flensburger Tageblatt" einen Artikel mit der Überschrift: "Fall Mert Can A.: Mittäter verhaftet". Im Text heißt es dann: "Der jetzt Festgenommene soll damals der Fahrer gewesen sein" - also David H. Doch das ist falsch. Das "Flensburger Tageblatt" wird schnell auf seinen Fehler aufmerksam gemacht. Die Zeitung korrigiert sich. In der Print-Ausgabe des darauffolgenden Tages erscheint ein Artikel mit der Überschrift: "Fahrer war unbeteiligt". Auch online korrigiert das "Flensburger Tageblatt" seinen Fehler und platziert einen entsprechenden Hinweis unter dem Artikel. Und sogar auf ihrer Facebook-Seite setzen die Zeitungsmacher einen weiteren Post ab, in dem sie auf den Fehler hinweisen und ihn korrigieren.

Diese Korrektur kam für David A. zu spät.
Jeder weiß, wer der Fahrer war

Doch für David H. ist das zu spät: "Jeder weiß, dass ich der Fahrer war", sagt er zu ZAPP - das habe er von Beginn an zugegeben. Noch an dem Tag, an dem der Artikel erscheint, wird David H. attackiert. Ein junger Mann hatte sich Zutritt auf das Gelände von David H.'s Schule verschafft. Er versucht, ihm einen Faustschlag zu versetzen, bedroht und beschimpft David H.: "Ich krieg dich, du Hundesohn!"

Zeitung bedauert Fehler

Seit diesem Tag ist David H. von der Schule freigestellt, mitten im Abitur. Zu seinem eigenen Schutz. Er ist untergetaucht, hält sich nicht mehr in Flensburg auf. Das "Flensburger Tageblatt" bedauert seinen Fehler ausdrücklich. Man habe "diesen Fall zum Anlass genommen, neben der bei uns üblichen Faktenüberprüfung alle Schlussfolgerungen aus Ermittlungsdetails mit den Ermittlungsbehörden abzugleichen bzw. uns noch einmal rückzuversichern" - so die Zeitung in einer Stellungnahme gegenüber ZAPP.

Von ZAPP mit der Situation von David H. konfrontiert, schreibt das "Flensburger Tageblatt": "Die Redaktion bedauert, dass ein junger Mann durch dieses Versehen [...] attackiert wurde." An David H.'s Situation ändert das jedoch nichts: "Ich glaube, denen ist nicht bewusst, in welche Lage die mich hineinversetzt haben mit diesem Artikel. Sie haben den Artikel ja berichtigt. Aber mir ist wichtig, dass klar ist, wie stark die Gefahr durch eine Falschmeldung sein kann.“

In Flensburg muss David H. noch seine mündliche Abiturprüfung ablegen. Danach, so befürchtet er, wird er seine Geburtsstadt vorerst verlassen müssen.

*Name von der Redaktion geändert.

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In einer früheren Version des Artikels wurde Husum als Nachbarort von Flensburg bezeichnet. Das ist nicht korrekt. Wir haben dies entsprechend korrigiert.

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ZAPP | 31.05.2017 | 23:20 Uhr